Wenn der Schein trügt

Falsche Identifizierung

Bei vielen Verbrechen ist die Polizei auf Zeugen angewiesen. Was gibt es Sichereres als die Aussage eines Zeugen, der direkt dabei war und alles gesehen hat? Doch wie zuverlässig sind Zeugenaussagen? Das Risiko eines Fehlurteils hängt stark davon ab, welcher Zeuge was und wann gesehen hat oder gesehen haben will.

Die Aufmerksamkeit menschlicher Gehirne zu erforschen ist inzwischen das Thema von höchst interessanten kriminalpsychologischen Experimenten. Selbst ehrliche, unbefangene Augenzeugen sind verantwortlich dafür, dass immer wieder Unschuldige hinter Gitter kommen, selbst wenn der Zeuge den vermeintlichen Täter von Nahem gesehen hat.

Unschuldig hinter Gittern


Jennifer Thompson aus North Carolina wird 1984 als 21-Jährige Opfer eines brutalen Überfalls. Eines Nachts dringt ein Mann in ihr Haus ein. Der Fremde bedroht die junge Frau mit einem Messer und vergewaltigt sie. Geistesgegenwärtig schaltet sie das Licht an, um sich ihren Peiniger einzuprägen. Sie achtet auf möglichst viele Merkmale, um ihn später identifizieren zu können. Schließlich gelingt es ihr, zu fliehen. Wenige Tage später legt ein Kriminalbeamter der Frau Fotos von Verdächtigen vor. Einige schließt sie sofort aus, dann identifiziert sie Ronald Cotton als Täter.

1985 kommt der Fall vor Gericht. Die Beweislage ist dünn, doch aufgrund Jennifer Thompsons Aussage wird Ronald Cotton zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis erfährt er von einem Mitinsassen, wer der wahre Täter ist: Bobby Poole. Der Fall kommt wieder vor Gericht, doch Jennifer Thompson erkennt den Mann nicht. Er wird erst 1995 durch einen DNA-Test überführt und zwar nur, weil ein Kriminalbeamter Beweisstücke mit Spermienspuren des Vergewaltigers aufbewahrt hatte. Nach elf Jahren als Unschuldiger hinter Gittern kommt Ronald Cotton wieder frei.

Tücken der Erinnerung


Wie konnte es passieren, dass Jennifer Thompson Ronald Cotton fälschlicherweise identifizierte? Forscher führen das auf verschiedene Fehler bei den Ermittlungen zurück: Die erste Fehlerquelle ist das Phantombild, das ein Beamter mithilfe von Jennifer Thompson anfertigte. In ihrer Erinnerung begann das Gesicht des Täters zu verblassen, stattdessen wurde das Phantombild zu ihrer Erinnerung. Denn jedes Abrufen einer Erinnerung kann diese verändern.

Wissenschaftler vermuten, dass die Erinnerung an den Täter durch das mühsame Erstellen des Phantombilds verändert wurde, die neue Version wurde abgespeichert. Beim Speichern von Erinnerungen knüpfen Nervenzellen Verbindungen, alte können gelöst und wieder neu verknüpft werden. Die Verbindungen können zudem - etwa durch Wiederholung - verstärkt oder aber geschwächt werden. Im Fall Thompson verglich die Zeugin die Verdächtigen mit ihrer Erinnerung ans Phantombild und nicht an den wirklichen Täter.

Wer war es wirklich?

Die zweite Fehlerquelle in diesem Fall entstand dadurch, dass der Zeugin die Fotos der Verdächtigen gleichzeitig vorgelegt wurden und der echte Täter gar nicht darunter war. Das gleichzeitige Zeigen der Fotos verleitet dazu, die Gesichter untereinander zu vergleichen. Die Folge ist, dass der Zeuge das Bild heraussucht, das dem Täter am stärksten ähnelt. Zeigt man die Fotos dagegen, wie heute üblich, nacheinander, muss ein Zeuge jeden Einzelnen mit seiner Erinnerung abgleichen und dann festlegen, ob es der Gesuchte ist. Dadurch sinkt das Risiko einer falschen Identifikation.

Eine weitere Fehlerquelle für die richtige Identifizierung des Täters war die Gegenüberstellung. Dabei identifizierte die Zeugin Ronald Cotton wahrscheinlich, weil sie ihn wiedererkannte, aber eben nicht durch ihre Erinnerung an die Tat, sondern durch ihre Erinnerung an sein Foto. Ronald Cotton war damit zu Jennifer Thompsons Erinnerung geworden, ein fataler Irrtum im besten Glauben. Wenn noch nicht einmal das Opfer sich wirklich sicher sein kann, wen es genau gesehen hat, wird es ganz schwierig für die Ermittler. Sie sind bei der Aufklärung von Verbrechen oft auf Zeugen angewiesen. .

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