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Wettlauf gegen die Flut

Leben mit Wasser: Vom Segen zum Fluch

Extremwetterlagen und der steigende Meeresspiegel stellen Küstenmetropolen vor massive Probleme. Harald Lesch verfolgt den Wettlauf um die Kontrolle über das Wasser und zeigt neue überraschende Wege, um dem Teufelskreis zu entkommen.

Videolänge:
28 min
Datum:
17.01.2017
:
UT
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 16.01.2022

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Seit Jahrhunderten versucht der Mensch, wo er kann das Wasser zu kontrollieren und zu nutzen: als Trinkwasser, aber auch zur Bewässerung und Energiegewinnung, für Verkehr und Handel. Kein Wunder also, dass alle großen Kulturen am Wasser entstanden und die größten Metropolen der Erde heute an Flüssen oder am Meer liegen. Dafür wurden Küstenlinien verändert, Flussläufe begradigt und in Kanäle geführt, Wasser aufgestaut und umgeleitet. Doch die Gefahren durch Sturmfluten wurden deshalb nicht geringer. Im Gegenteil: vielerorts sehen sich Experten jetzt mit der paradoxen Situation konfrontiert, dass es durch immer größere Baumaßnahmenhäufiger zu Überflutungen kommt und das Zusammenleben mit dem Element immer weiter aus dem Gleichgewicht gerät.

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Hochwasserschutz in Hamburg

Bauarbeiten an der Schutzanlage in Hamburg
Der Klimawandel fordert in Hamburg immer höhere Schutzanlagen. Das wiederum erhöht den Tidenhub - ein Teufelskreis.

Die Lage am Wasser hat Hamburg zum wichtigsten Handelsplatz Deutschlands gemacht und zu einem der drei größten Containerhäfen Europas. Doch der Erfolg hat seinen Preis: Damit die riesigen Schiffe Hamburg anlaufen können, muss die Fahrrinne immer wieder vertieft werden. So kommen zwar die Containerriesen meist sicher in den Hafen, aber auch immer mehr Wasser und Schlick. Die Schlickmassen aus der Nordsee sind Indiz für ein noch größeres Problem: Seit Jahrzehnten drückt immer mehr Wasser nach Hamburg. Zukünftige Sturmfluten könnten ganze Teile der Stadt bedrohen. Gerade wird die alte Schutzanlage um mehr als einen Meter erhöht. Aber wird das auch langfristig reichen? Bei der großen Sturmflut in Hamburg am 16. Februar 1962 brachen die Deiche, über 300 Menschen starben und Tausende wurden über Nacht obdachlos. Nachfolgende Untersuchungen zeigten: Die Deiche waren nicht nur zu niedrig, auch ihr Profil war zu steil. Verheerend, weil der Ausnahmesturm durch die ausgebaute Elbe so viel Wasser wie nie nach Hamburg drückte. Nach den Erfahrungen verbreiterte man die Deiche und erhöhte sie auf 7,50 Meter. An allen Nebenflüssen wurden außerdem Sperrwerke gebaut, um auch das Umland vor möglichen Überflutungen zu schützen. Die Folge: bei einer Sturmflut strömt das Wasser, ohne diese Freiflächen, wie auf einer Autobahn direkt nach Hamburg.

Der Ausbau der Schutzmaßnahmen hat aber auch Auswirkungen auf die Entwicklung des Tidenhubs an der Elbe: Der tägliche Unterschied zwischen dem Wasserstand bei Ebbe und Flut. Heute liegt der tägliche Pegelunterschied bei über 3,50 Meter. Vor dem Ausbau der Elbe waren es nur knapp zwei Meter. Das heißt, aktuell läuft bei Flut so viel Wasser so schnell nach Hamburg, wie nie zuvor. Das scheint riskant vor dem Hintergrund des Klimawandels: Vorsichtig geschätzt steigt der Meeresspiegel bis Ende des Jahrhunderts um einen halben Meter. Gleichzeitig erwarten Experten in Hamburg eine Zunahme der Sturmintensität um bis zu 15 Prozent. Bei Sturm aus Nord-West wirkt die Elbmündung wie ein riesiger Trichter – Wellen und Pegel addieren sich auf ihrem Weg nach Hamburg. Die Hansestadt läuft Gefahr, bei Sturmfluten von Wassermassen wie noch nie bedroht zu werden. Bis mindestens 2050 ist Hamburg durch Deiche und Schutzwälle sicher vor Überflutungen. Doch treten bis Ende des Jahrhunderts die Klimaprognosen im vollen Umfang ein, werden ganz neue Schutzmaßnahmen nötig.  

Hochwasserschutz auf den Kopf gestellt

Hochwasserschutz in China

Abriss von Staudämmen

Bis 1970 wurden in den USA über 30.000 Staumauern und Dämme errichtet. Die Kontrolle über das Wassers galt als zukunftsweisend. Die Erwartung war saubere Energiegewinnung ohne Nachteile. Doch mit den Jahren verlieren viele Anlagen an Leistung. Häufigstes Problem ist der Stau von Sedimenten. Viele Flüsse sind zu bloßen Wassertransportkanälen geworden. Und sie bieten keine natürlichen Überschwemmungsflächen mehr  als Schutz vor Hochwasser. Dammgegner plädieren für den kompletten Abriss von Dämmen. Befürworter fürchten um Arbeitsplätze und billige Energie. Noch dazu halten sie die Konsequenzen von Abrissen für unkalkulierbar.

Flussbett nach Staudammabriss
Der Elwha River steht für geglückte Renaturisierung. Bereits kurz nach dem Rückbau der Stauanlagen, hat sich der Fluss wieder seinen eigenen Weg gesucht.

Wie sich inzwischen zeigte, sind Abrisse kleinerer Anlagen allerdings vielversprechend. 2011 fiel der Startschuss für den Abriss des Glines Canyon und des Elwha Damm. Sie wurden in den 1920er-Jahren zur Energiegewinnung errichtet und arbeiteten nicht mehr effektiv. Wie sich der Fluss ohne die Dämme verhalten würde war ungewiss. Aufgestaute Sedimente von fast 100 Jahren wurden nach der Sprengung freigesetzt. Ein riskantes Unternehmen. Niemand konnte vorhersagen, wie lange der Fluss brauchen würde, um sich wieder ein natürliches Bett zu schaffen. Doch schon ein Jahr nach dem Abriss hat sich der natürliche Flusslauf von allein wieder hergestellt. Viel früher als erwartet, wanderten auch die Lachse wieder flussaufwärts. Und an der Flussmündung wächst das Schwemmland, weil die Sedimente sich von der Quelle bis zur Mündung wieder natürlich verteilen. Noch bleiben in den USA tausende Dämme zur Stromerzeugung und zum Hochwasserschutz bestehen. Doch die Bereitschaft ist größer geworden, jeden einzelnen zu überprüfen. Überlässt man die Natur ihren eigenen Gesetzen, entsteht schon bald wieder ein natürliches Gleichgewicht.

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