Wie menschlich sind Meerschweinchen?

Von unterschiedlichen Persönlichkeiten und deren Ursachen

Während Meerschweinchen in Südamerika gemästet und verspeist werden, interessieren uns Meerschweinchen hierzulande in erster Linie als lebendige Plüschtiere. Das wichtigste Kaufkriterium: die Fellfarbe. Ansonsten scheint Meerschwein gleich Meerschwein zu sein. Doch Forscher haben entdeckt: In den Tieren steckt viel mehr, sie sind uns viel ähnlicher, als wir ahnen. Und Sie verraten uns Erstaunliches über das, was Persönlichkeiten ausmacht.

Lange Zeit galt die "Vermenschlichung" von Tieren, insbesondere von Haustieren, als verpönt. Doch je näher sich Forscher mit Tierpersönlichkeiten befassen, umso erstaunlicher sind die Parallelen zum Menschen, die sie entdecken. Auch bei den putzigen Tierchen, die man in so manchen Kinderzimmern antrifft.

Schwiegermutters Liebling

Forscher beobachteten, dass es innerhalb der großen Meerschweinchen-Kolonien kleinere Untergruppen mit unterschiedlichen Typen von Meerschweinen gibt. Einer davon fällt besonders auf: der rotblonde Emil, ein ausgesprochen netter Typ. Er zeigt gute Manieren und ist bestens in seine Gruppe integriert. Doch wie entsteht der individuelle Charakter eines Meerschweinchens? Ein Experiment mit Emil soll helfen, diese Frage zu beantworten.

Emil steht ein Umzug in eine neue Kolonie bevor - eine schwierige Charakterprobe für ein geschlechtsreifes Männchen. Denn die Alphamännchen der Kolonie beobachten Rivalen genau. Emil, ganz charmant, drängt sich weder den Weibchen auf, noch provoziert er die Männchen. Während seiner Pubertät, so die Hypothese der Forscher, hat er von anderen Männchen gelernt, wie er sich zu verhalten hat. Regel Nummer eins: abwarten. Ist wirklich ein pubertärer Benimm-Kurs der Grund für Emils Nettigkeit? Bevor er sich einem Weibchen nähert, müssen rangniedrigere Männchen wie er rund drei Stunden abwarten, ob sich nicht eines der Alphatierchen für das Weibchen interessiert. Emil hält sich an die Regel.

Der Draufgänger


Auch Emils Bruder Kalle ist Teil des Experiments. Kurz vor der Pubertät wurde er von der Kolonie getrennt. Erst als junges Männchen wird er in eine Großgruppe integriert. Kalle ist nervös, macht sich sofort an die Weibchen jeden Alters ran und gerät durch sein schlechtes Benehmen in Streit mit den anderen Männchen. Im Gegensatz zu seinem gut erzogenen Bruder Emil gehört Abwarten nicht zu Kalles Stärken.

Völlig unabhängig von der Veranlagung der Tiere prägen die Erfahrungen in der Pubertät ihren Charakter. Die Pubertät scheint also eine wichtige Lernphase für Meerschweinchen zu sein. Ebenso, wie man es vom Menschen kennt. Entscheidende Weichen werden aber schon viel früher gestellt. Bereits im Mutterleib, in der Pränatalphase.

Das Mannsweib

Ein weiteres Meerschweinchen in der Testreihe soll darüber Aufschluss geben: die schwangere Leni. Die Wissenschaftler setzen sie während ihrer Schwangerschaft ständig in neue Gruppen um. Rein körperlich geht es Mutter und Nachwuchs dabei gut. Doch die ständige Hektik bleibt nicht ohne Folgen für das Verhalten der Jungen: Das Tier, das sich wie ein kampfbereites Männchen verhält, ist Berta, eine Tochter Lenis.

Eine Untersuchung zeigt, dass in Lenis Nebenniere Vorstufen von männlichen Sexualhormonen wie Testosteron entstehen. Bei Stress sendet Lenis Gehirn Signale an die Nebenniere, die daraufhin die Hormonabgabe verändert. Über die Plazenta gelangen die Hormone der Mutter auch in den Embryo und prägen dort die Gehirnentwicklung. Im Gehirn von Töchtern bilden sich auffallend viele Testosteron-Rezeptoren. So auch bei Berta.

Spuren der Schwangerschaft

Als Erwachsene haben solche Töchter auffällig viel Testosteron im Blut. Das Experiment zeigt, dass die Erfahrungen der Mutter beim Ungeborenen Spuren hinterlassen, die das Jungtier auf seine Umgebung vorbereiten. Ein cleverer Trick der Evolution, der die Tiere fit machen soll für ihre Umwelt. Zwischen Mensch und Meerschwein gibt es viele Parallelen. Stress- und Sexualhormone sind identisch. Beim Menschen sind die Zusammenhänge allerdings weniger leicht zu erforschen. Aber eins steht fest: Die Pränatalphase wirkt sich auf die Persönlichkeit aus.

Grund genug, schon während der Schwangerschaft an die kindliche Entwicklung zu denken. Kein Grund jedoch, sich vor lauter Sorge neun Monate lang in Tiefenentspannung zu flüchten. Biologisch betrachtet ist eine Anpassung an die Umwelt prinzipiell erst einmal sinnvoll und hilft, für mögliche Anforderungen gewappnet zu sein. Das gilt für Meerschweinchen wie für Menschen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet