Wie Plastik die Welt eroberte

Das Lebensgefühl einer Generation

"Kunst"-Stoff revolutionierte einst die Industrie als neues technisches Material und erfüllte die Gesellschaft in den 1950er- und 1960er-Jahren mit einem Hochgefühl. Er galt als der "Stoff der tausend Möglichkeiten". Die Welt war begeistert von den abwaschbaren Oberflächen, die nicht verrotten oder verrosten, und die Gegenstände waren so leicht und bunt und schön.

Die Entwicklung von Kunststoff nahm ihren spektakulären Anfang vor etwa 500 Jahren in der Wildnis des brasilianischen Urwalds. Bereits Christoph Kolumbus staunte über die sonderbar springenden Bälle der Indio-Kinder. Sie bestanden aus dem Harz einer seltenen Pflanze. Die Einheimischen nannten den Wunderstoff "Cao-ochu": "Tränen des weinenden Baumes". Die Europäer waren von Kautschuk fasziniert, wussten aber zunächst mit dem Stoff nichts anzufangen. Er war in der Wärme klebrig und in der Kälte spröde.

Wertvolle Schmuggelware

1839 machte der Amerikaner Charles Goodyear die entscheidende Entdeckung: Wird Kautschuk mit Schwefel erhitzt, so bleibt er dauerhaft elastisch. Dadurch wurde der Naturstoff industriell nutzbar. Nach Goodyears Erfindung, dem so genannten Vulkanisieren, ist die Begeisterung um den neuen Werkstoff kaum zu bremsen. Ein Wettkampf entbrannte, der zur Ausbeutung sämtlicher Kautschukvorkommen Südamerikas führte. Bald gab es den begehrten "weinenden Baum" nur noch in Brasilien. Das streng kontrollierte Monopol führte zu stetig steigenden Preise und einer Rohstoffknappheit in Europa.

Der Engländer Henry Wickham ließ im Jahre 1876 schließlich 70.000 Samen, versteckt zwischen Palmblättern, auf dem Seeweg nach England schmuggeln. Nur ein geringer Teil der Samen keimte. Doch die genügten den Engländern, um große Plantagen in ihren südostasiatischen Kolonien anzulegen. In den Plantagen konnte der Kautschuk sehr viel leichter geerntet werden als in seinem Ursprungsland, wo die Kautschukbäume nur vereinzelt im Urwald zu finden waren. Dadurch war das Monopol Brasiliens bald gebrochen.

Grenzenlose Möglichkeiten


Von da an waren dem Einsatz des Wunderstoffs Kautschuk keine Grenzen mehr gesetzt. In allen Branchen wurde der neue Rohstoff verwendet: 1888 entwickelte ein irischer Tierarzt den ersten luftgefüllten Gummireifen: eine Erfindung, die die Automobilindustrie revolutionierte. Eine Krankenschwester aus Baltimore, die ihre Hände vor Chemikalien schützen wollte, bereitete Latexhandschuhen in der Medizin den Weg. Und selbst im Liebesleben bot der elastische Stoff lustvolle Alternativen zu Leinensäckchen und Tiergedärm. Das Latexkondom wird bis heute aus Naturkautschuk hergestellt.

Auch die Elektroindustrie profitierte. Mehrfach war die Verlegung von Stromkabeln durch den Atlantik schon gescheitert. Die damals übliche Isolierung aus ölgetränkten Papierlagen war nicht haltbar genug. Guttapercha, ein dem Kautschuk verwandter Pflanzensaft, eignete sich weitaus besser. 1866 wurde dank dieses Naturstoffs die erste Telegraphenverbindung zwischen Europa und Amerika möglich.

Ist alles so schön bunt hier

Anfang des 20. Jahrhunderts begannen Wissenschaftler, den vielseitigen Naturstoff nachzubauen: aus Erdöl. Bakelit, der "Stoff der 1000 Möglichkeiten", war der erste "Kunst"-Stoff. Er lässt sich in beliebige Formen gießen, ist lange haltbar und hat zudem isolierende Eigenschaften. In der Elektroindustrie sorgte Bakelit für einen regelrechten Boom. Das neue Material eroberte die Haushalte.

Als der Wissenschaftler Hermann Staudinger schließlich die chemische Natur von Kunststoffen entschlüsseln konnte, begann ein unvergleichlicher Siegeszug. Die langen Kohlenwasserstoffketten erwiesen sich als vielseitig zu kombinierende Bausteine. Kunststoffe ließen sich nun gezielt mit gewünschten Eigenschaften ausstatten. Euphorisch nahmen Menschen aller Gesellschaftsschichten die Plastikprodukte auf. Bunt und leicht waren sie - Symbole für eine glänzende Zukunft.

Der Stoff aus dem die Träume sind

Die ersten Haushaltwaren aus Plastik kamen aus Amerika und stießen auf Erstaunen. Aus Kunstoffen ließ sich einfach alles fertigen. Sogar die bis dahin sündhaft teuren Seidenstrümpfe wurden durch erschwingliche Nylonstrümpfe ersetzt. Jede Frau konnte sich nun die Strümpfe leisten, die einst als Symbol von Extravaganz und Luxus galten.

Dank neuer Kunststoffe wurden Träume wahr. Sie heißen Perlon, Nylon oder Acryl. Chemisch betrachtet sind alles Polymere: verzweigte oder vernetzte Molekülketten, die Materialien mal extrem belastbar, mal faltenfrei, bügelfrei oder einfach nur leicht und bunt machen. Doch Kunststoff war mehr als nur Material: Er beschrieb das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

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