Wie sinnvoll ist frühkindliche Förderung?

Hirnforschung liefert erstaunliche Erkenntnisse

Eltern sind verunsichert: Immer mehr Frühförderungsangebote überschwemmen den Markt. Von pränataler Musikbeschallung, zweisprachigen Kindergärten bis zu Algebra und Physik für Dreijährige. Und wenn dann noch Zeit bleibt: Klavierstunden. Doch was davon ist sinnvoll, und wann ist die Grenze zur Überforderung überschritten?

Kinder mit Chinesischen Zeichen
Kinder mit Chinesischen Zeichen

Kindererziehung scheint heute eine echte Wissenschaft zu sein. Aus der Schwangerschaft wird bereits die erste Ausbildungsphase für den neuen Erdenbürger. Neun Monate Ruhe und Geborgenheit im Bauch der Mutter? Das war einmal. In den USA besuchen manche Eltern mit ihrem ungeborenen Kind eine "Pränatal-Universität". Eine gezielte Ansprache soll dem Baby schon im mütterlichen Bauch einen Startvorteil verschaffen. Eine schlaue Strategie fürsorglicher Eltern oder Hysterie?

Trampelpfade im Gehirn

Bisher galt für viele: Was Hänschen nicht lernt, das lernt Hans nimmer mehr. Die Schulzeit wurde als die wichtigste Zeit zum Lernen wahrgenommen. Doch inzwischen wissen Forscher: Eine entscheidende Lernphase beginnt schon lange vor der Schulzeit. Nie wieder hat der Mensch ein so dichtes Netzwerk an Nervenzellen im Gehirn wie mit drei Jahren. Bei Babys ist alles angelegt, was es vielleicht einmal brauchen könnte. Das Gehirn eines Erwachsenen dagegen muss zum Lernen immer wieder neue Verbindungen zwischen Nervenzellen bauen.

Kornfeld mit Gehirnmuster
Kornfeld Text 1

Das Babygehirn lässt sich mit einem Kornfeld vergleichen. Quer durch dieses Feld ist jeder Weg möglich. Sobald aber ein Trampelpfad entsteht, wird er immer wieder abgelaufen. Und so lernt auch das Baby: Die wichtigen Verbindungen sind diejenigen, die immer wieder genutzt werden. Nicht gebrauchte werden unwiderruflich beseitigt. Diese Aufräumarbeiten haben enorme Ausmaße: In den ersten beiden Lebensjahren verliert ein Kind durchschnittlich fast die Hälfte aller Verbindungen in seinem Gehirn - über 20 Milliarden pro Tag.

Frühe Sprachförderung

Das Erlernen von zwei Sprachen in der frühen Kindheit soll verhindern, dass sich wertvolle Verbindungen lösen. Erkenntnisse von Gehirnforschern unterstreichen die Bedeutung: Sie verglichen Menschen, die früh eine zweite Sprache gelernt haben, mit Menschen, die erst spät eine Sprache gelernt haben, und fanden heraus, dass die Muttersprache bestimmte Hirnbereiche belegt. Wer bis ins Alter von sechs Jahren eine Fremdsprache lernt, legt sie in denselben Hirnbereichen ab. Wer erst später damit beginnt, beansprucht andere Hirnregionen. Ganz offensichtlich ist eine frühe Förderung dem kindlichen Sprachvermögen also zuträglich.

Wie sehr uns die ersten Lebensjahre prägen, zeigt ein Blick nach Asien. Fast zwei Milliarden Asiaten können kein "R" sprechen. Und das liegt nicht am Sprachunterricht an der Schule - es ist die Folge eines mangelnden "Hörunterrichts" im ersten Lebensjahr. Um ein "R" aussprechen zu können, muss man den Unterschied zu einem "L" zunächst hören. Asiatische Babys bekommen aber kein "R" zu hören, da es in ihrer Sprache keine Rolle spielt. Später verlieren sie die Fähigkeit, diesen Laut wahrzunehmen.

Babys sind Sprachgenies

Mit einem Experiment wollen Forscher testen, ob ein Baby seine Muttersprache von einer fremden Sprache unterscheiden kann: Sie messen die Gehirnströme bei einem Baby und spielen ihm dann verschiedene Sprachen vor. Solange das Baby eine ihm vertraute Sprache hört, sind die Hirnströme gleichmäßig - auch bei unterschiedlichen Sprechern. Wechselt die Sprache, so zeigt ein plötzlicher Ausschlag im Diagramm eine Veränderung des Hirnstrommusters. Das Baby hat die Veränderung bemerkt.

Die überraschende Entdeckung dabei ist, dass Babys nicht nur ihre Muttersprache erkennen, sie können sogar bis zu 200 fremde Sprachen unterscheiden. Eine wundersame Fähigkeit, die mit dem zwölften Lebensmonat für immer verloren geht.

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