Wohin mit dem strahlenden Abfall?

Geniale Technik mit Geburtsfehler

Kernkraftwerke standen einmal für den industriellen Fortschritt. Seit den 1960er-Jahren wurden insgesamt 37 Kraftwerke in Deutschland gebaut. In Zeiten von knapp werdenden Rohstoffen versprach die Kernenergie billige und auf den ersten Blick umweltfreundliche Energiegewinnung, fernab von Kohle und Öl. Doch nach der ersten Euphorie kommt schnell die Frage auf, wohin mit dem Atommüll?

AKW
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Das Verfahren der Energiegewinnung ist verblüffend einfach: Neutronen treffen auf Urankerne, die sich dabei aufspalten und gewaltige Energiemengen freisetzen. Doch die Atomkraft hat einen entscheidenden Geburtsfehler. Bei der Energiefreisetzung entstehen hochgiftige Nebenprodukte: der atomare Müll. Bei manchen Stoffen dauert es circa 200.000 Jahre bis der Zerfall des hoch radioaktiven Mülls so weit fortgeschritten ist, dass die Dosis der radioaktiven Strahlung nicht mehr gefährlich ist.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Abkühlbecken für Brennstäbe
Abkühlbecken Brennstäbe Text 4


In den Brennstäben fällt der am stärksten verseuchte Abfall an. Aber alles, was mit radioaktiven Stoffen in Berührung kommt, wird auch radioaktiver Müll. Jeder Nagel, jeder Arbeitshandschuh muss entsorgt werden. Noch vor 50 Jahren löste man das Problem mit dem strahlenden Müll eher sorglos.

Ganz nach dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn" versenkten die Engländer beispielsweise über 28.000 Fässer mit leicht- und mittelradioaktivem Müll im Ärmelkanal. Die Abfälle wurden in Zement gebunden, in Stahlfässer gefüllt und einfach über Bord geworfen. Heute sind die Fässer verrostet und verrottet, der ewig strahlende Inhalt hat sich schon längst im Meer verteilt und stark verdünnt.

Der Teufelskreis

Auch Japan setzt seit 1963 auf die Atomkraft. 55 Kernkraftwerke versorgen das Land mit Strom und verursachen jede Menge Müll. Eine endgültige Lösung für die Entsorgung des radioaktiven Abfalls hat auch Japan noch nicht. Bis 2005 ließen die Japaner ihren Atommüll aufbereiten, und zwar am anderen Ende der Welt: in Frankreich. 70 Tage lang reiste die strahlende Fracht über die Weltmeere nach La Hague, wo die abgebrannten Brennstäbe mit neuem Uran angereichert und damit wiederverwertbar gemacht wurden. Doch das war nicht so erfolgreich wie berechnet und außerdem entstand dabei neuer hochradioaktiver Müll. Ein Teufelskreis.

Castortransport
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Doch wohin mit dem strahlenden Abfall? Deutschland stapelt seine Container derzeit in Zwischenlagern - oft direkt neben den Kraftwerken. Eine Lösung auf Zeit, aber nicht für die Ewigkeit. Bald schon muss ein Endlager gefunden werden, denn Jahr für Jahr wird es mehr Müll. Bis die Atomkraftwerke im Jahr 2022 endgültig vom Netz gehen, haben wir 240.000 Kubikmeter strahlendes Material, das entspricht 8.000 Güterwaggons.

Erstes Endlager weltweit

Finnland baut bereits seit sieben Jahren an der letzten Ruhestätte für seinen radioaktiven Abfall begonnen. "Onkalo" heißt "kleine Höhle" und ist ein gigantisches unterirdisches Tunnelnetz 500 Meter unter der Erde. Das finnische Endlager liegt in einem 2,5 Kilometer breiten unterirdischen Granitmassiv. Seit 1,4 Milliarden Jahren hat es sich geologisch gesehen nicht verändert und überstand Überflutungen, Erosion und sogar Eiszeiten unbeschadet. Doch reicht das als Garantie, um hunderttausende Jahre als sichere atomare Endstation zu dienen?

Grafik des Endlager sOnkalo
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Ein Lager für die "Ewigkeit"

Die Finnen haben bisher vier Atomkraftwerke und verbrauchen pro Kopf etwa doppelt so viel Strom wie die Deutschen. Sie setzen auch nach der Atomkatastrophe in Japan weiterhin auf ihre Atompolitik. Direkt neben dem Endlager bauen sie gerade das modernste Kernkraftwerk der Welt. Somit wird es auch in den nächsten Jahrzehnten Nachschub an Müll geben. Eingeschweißt in Kupferhüllen, die die Fässer Jahrtausende vor dem Verrosten schützen sollen, wird der Müll vollständig in einzelne Kammern einbetoniert. Bis 2100 wird das Lager gefüllt und dann mit Beton aufgefüllt und für immer verschlossen. Ein Restrisiko bleibt jedoch auch hier. Weltweit produzieren insgesamt 429 Atomkraftwerke den gefährlichsten Müll der Geschichte. Trotzdem gibt es weltweit kein einziges fertiges Endlager. In Deutschland sucht man seit 38Jahren nach einer atomaren Endstation. Heftige Diskussionen begleiten die Suche, denn niemand möchte den gefährlichen Müll in seiner Nähe wissen. Nicht nur Granit eignet sich als Endlagerungsstätte, sondern auch Salz, denn Salz leitet die Hitze ab, die beim radioaktiven Zerfall entsteht. Außerdem sind Salzstöcke sehr alt und gelten als stabil, zumindest solange sie nicht mit Wasser in Berührung kommen.

Die Anforderungen an ein Lager für die "Ewigkeit" sind sehr hoch. Unter keinen Umständen darf Radioaktivität in hoher Menge in das Grundwasser gelangen. Aber wie lässt sich das überhaupt für 200.000 Jahre vorhersagen? Und wie kann das Wissen um das Endlager erhalten bleiben, damit niemand in den nächsten 7.000 Generationen auf die Idee kommt, beispielsweise bei einem Endlager nach Bodenschätzen zu suchen?

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