Zivilisationsplage Allergie

Macht uns der Fortschritt krank?

Jeder Vierte in Deutschland ist von einer Allergie betroffen. Die häufigsten Auslöser sind Blütenpollen, Hausstaub, Tierhaare oder auch bestimmte Nahrungsmittel. Weil die Tendenz seit Jahrzehnten schon steigt, steht der Fortschritt unter Verdacht: Umweltgifte, Nahrungsmittelzusätze, Pestizidrückstände und vieles mehr sollen uns allergieanfälliger machen. Neuere Forschungen zum Immunsystem lassen aber ein anderes Bild entstehen.

Immer mehr Menschen leiden an Heuschnupfen, Asthma oder Ekzemen. In mehr als der Hälfte aller Fälle sind Blütenpollen die Auslöser, gefolgt von Hausstaub und Tierhaaren. Wie kommt es, dass diese Stoffe, die uns schon immer begleiten, seit einigen Jahrzehnten zur Plage werden?

Die Immunabwehr schlägt Alarm

Allergien entstehen im Immunsystem unseres Körpers. Es ist ständig damit beschäftigt, Eindringlinge wie Viren, Bakterien, Gifte und andere Substanzen abzuwehren, die es als potenziell schädlich einstuft. Bei einer Allergie jedoch wird eine an sich harmlose Substanz wie ein gefährlicher Krankheitserreger behandelt: Es kommt zu einer Überreaktion: Das Entzündungshormon Histamin wird ausgeschüttet. Die Folgen können sehr lästig sein, beispielsweise werden die Schleimhäute gereizt und schwellen an. Im schlimmsten Fall können allergische Reaktionen zu lebensbedrohlichem Herz-Kreislauf-Versagen, dem sogenannten anaphylaktischen Schock, führen. Wie aber entstehen Allergien? Noch sind längst nicht alle Zusammenhänge geklärt. Bei der Suche nach den Ursachen beginnen die Wissenschaftler am Anfang unserer Entwicklung: bei der Kindheit. Denn jedes vierte Kind unter drei Jahren leidet bereits darunter, dass sein Immunsystem überreagiert. Inzwischen ist man überzeugt, dass schon im Babyalter die Weichen für eine Zukunft als Allergiker gestellt werden.

Ein Wohlstandsphänomen?

Forscher haben außerdem festgestellt, dass fast ausschließlich die sogenannten Wohlstandsgesellschaften in der westlichen Welt, aber auch die industrialisierten Ballungszentren der Schwellenländer von der Allergienplage betroffen sind. In wenig entwickelten Regionen taucht die Krankheit so gut wie nicht auf.

Der Zusammenhang zwischen den Lebensbedingungen und dem Auftreten von Allergien wird gerade erst erforscht. In Afrika beispielsweise sind die hygienischen Verhältnisse, in denen Kinder aufwachsen, zum Teil katastrophal: Krankheitserreger breiten sich nahezu ungehindert aus. Die Kleinen sind einer permanenten Belagerung durch Bakterien und Viren ausgesetzt. Zudem schmarotzen Parasiten in großer Vielfalt auf und in ihren Körpern - eine ständige Herausforderung für das Immunsystem.

Selbstversuch mit Wurm

Hakenwürmer im Labor Quelle: ZDF


Doch gegen Allergien scheinen afrikanische Kinder viel besser gewappnet zu sein als europäische Altersgenossen. Solche Beobachtungen regten Wissenschaftler zu unkonventionellen Forschungsansätzen an - so zum Beispiel Dr. Alan Brown. Der Medizinforscher wurde von heftigem Heuschnupfen geplagt, bis er einen skurril anmutenden Selbstversuch wagte: Er konfrontierte sein Immunsystem mit dem parasitischen Hakenwurm, von dem in Afrika viele Kinder befallen sind.

Dieser Darmparasit ist in geringen Mengen verhältnismäßig harmlos. Der Forscher ließ den etwa zentimetergroßen Wurm in seinen Eingeweiden einnisten. Sofort wurden die Eindringlinge von seinem Immunsystem bekämpft. Die körpereigene Abwehr war damit so beschäftigt, dass die Alarmreaktion gegen Pollen völlig ausblieb. So kam es, dass Alan Brown heute wieder den Duft von Blüten genießen kann, die ihn jahrelang krank machten.

Mann schnuppert an Blume Quelle: ZDF

Klinische Studien

Seit Urzeiten ist unser Körper daran angepasst, mit einer Fülle von Mikroben zusammenzuleben. Doch erst allmählich wird deren Bedeutung für ein funktionierendes Immunsystem deutlich. In klinischen Studien soll sich nun die therapeutische Wirksamkeit von Parasiten erweisen. An der Universität von Iowa durchgeführte Versuche zeigten zum Beispiel, dass Mäuse, denen Darmparasiten eingesetzt wurden, von Colitis ulcerosa geheilt wurden, einer Erkrankung des Immunsystems, die eine chronische Entzündung im Darm hervorruft.

Man geht davon aus, dass die Wurmproteine auch beim Menschen erfolgreich gegen verschiedene Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden können. In den Tests werden die Patienten aber nicht mit Würmern infiziert. Aus den Parasiten isolierte Proteine sollen dieselbe Wirkung erzielen. Beim Allergie-Centrum-Charité, einer Forschungseinrichtung der Humboldt-Universität Berlin, sind Studien zur Vorbeugung und Behandlung von Allergieerkrankungen des Menschen mit Parasitenproteinen geplant. So hofft man, irgendwann ein Medikament zum Schutz vor Allergien zu gewinnen.

Immunabwehr wird trainiert

Weitere Indizien fanden Forscher in Kinderkrippen. Über Jahre dokumentierten sie Infektionen und Allergien der Kleinen. Das Ergebnis: Durch den ständigen Kontakt mit Spielgefährten in den ersten Lebensjahren kämpfen die Kinder zwar häufig mit Infektionskrankheiten. Später aber leiden sie vergleichsweise selten an Allergien. Viele Wissenschaftler sind inzwischen überzeugt, dass das Immunsystem nur dann seine volle Funktion erreicht, wenn die Abwehrzellen in einem frühen Lebensalter stimuliert und gefordert werden - eine Art Training für den Ernstfall.

Schmutziges Baby Quelle: ZDF


Für Eltern ist es allerdings der blanke Horror, wenn Krabbelkinder zielstrebig alles in den Mund stecken, was in ihre Reichweite kommt und ihr Forscherdrang sie an Orte führt, von denen - aus Erwachsenensicht - Gefahr droht. Schmutz und Dreck im trauten Heim, den Bazillenparadiesen, wird der Krieg erklärt. Hygiene ist oberstes Gebot. Wissenschaftliche Untersuchungen legen nun nahe: Es ist Zeit für eine Abrüstung im Kampf gegen Bakterien und Co. Denn oft droht von den Reinigungsmitteln mehr Gefahr als von den Mikroben selbst.

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