Die "Katastrophen-Diva"

Eine Amerikanerin gerät immer wieder in Naturkatastrophen und Unglücke - und überlebt

Wissen | Terra Xpress - Die "Katastrophen-Diva"

Eine amerikanische Top-Managerin gerät immer wieder in Naturkatastrophen und Unglücke - und überlebt. Hat sie einfach nur "Glück" gehabt? Ein Spezialist für Intuitionsforschung glaubt das nicht.

Beitragslänge:
11 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 22.01.2017, 18:30

Die New Yorker Top-Managerin Maryann Bruce scheint immer da zu sein, wo Katastrophen passieren. Und nie geschieht ihr etwas. Terra Xpress sucht nach einer Erklärung dafür, wie sie es schafft, dem Tod immer wieder von der Schippe zu springen.

Maryann Bruce
Maryann Bruce Quelle: ZDF

Es ist ein ganz normaler Wintertag in New York, als ein Vogelschwarm bei einer Passagiermaschine einen Triebwerksschaden verursacht. Der Pilot versucht das Unmögliche und macht eine Notlandung auf dem eisigen Wasser des Hudson River. 155 Menschen bangen um ihr Leben. Wie durch ein Wunder überleben alle, auch die Managerin Maryann Bruce. Und bei Maryann war es nicht zum ersten Mal knapp.

Flugzeug auf dem Hudson River
Flugzeug auf dem Hudson River Quelle: ZDF

Anschlag auf das World Trade Center

Mitte der 80er verbringt sie mit Ihrem Mann ein paar schöne Tage auf Hawaii. Es ist ein Traumurlaub, bis plötzlich ein Tsunami auf Hawaii zurollt. Die Managerin entkommt ihm gerade noch rechzeitig. Aber das sollte nur ihr erstes Katastrophenerlebnis sein. In den 1980ern entkommt sie knapp einer Lawine, weil sie früher als geplant nach Hause fährt. Dann gerät sie mitten in einen Hurrikan, und 1993 arbeitet sie im World Trade Center, als im Keller eine Bombe explodiert. Es ist die erste Katastrophe, bei der sie wirklich Angst hat. Bei dem Anschlag sterben sechs Menschen.

Qualm tritt aus dem World Trade Center
World Trade Center 1993

Im Januar 1994 erschüttert ein starkes Erdbeben Kalifornien. 72 Menschen kommen ums Leben. Wieder ist Maryann vor Ort und erlebt das Beben hautnah, ohne dass ihr etwas passiert. Und am 11. September 2001 sitzt Maryann gerade in einem Flugzeug direkt über New York, als der Pilot durchgibt, dass ein Flugzeug in das World Trade Center geflogen sei. Maryann hat zu diesem Zeitpunkt ihr Büro nicht mehr in einem der Türme. Dass sie so oft genau dort ist, wo Katastrophen passieren, scheint nicht normal zu sein. Sie ist so etwas wie ein Pechvogel mit Glück und heißt in den USA daher "Katastrophen-Diva".

Einfach nur "Glück" gehabt?

Als Top-Managerin ist sie permanent an vielen Orten unterwegs. Das könnte erklären, warum sie so häufig in Katastrophen gerät, andererseits passiert anderen Top-Managern das nicht. Maryann glaubt, dass sie einfach nur Glück hat, aber kann man Maryanns Geschichte einfach nur mit "Glück" erklären?

Geordnete Flucht durchs Treppenhaus

Professor Markus Raab, Spezialist für Leistungs- und Intuitionsforschung, glaubt das nicht. Er ist sicher, dass Maryann in jeder Katastrophe eine richtige Handlungsentscheidung getroffen hat. Er glaubt, dass Menschen oft gar nicht wissen, warum sie manchmal ein komisches Gefühl haben, eine Intuition, dass etwas passieren wird. Im Fall von Maryann fällt dem Forscher besonders eine Katastrophe ins Auge: der erste Anschlag auf das World Trade Center 1993. Hier rettet Maryann Bruce nicht nur sich selbst, sondern auch das Leben von 60 Kollegen.


Maryann leitet gerade eine Besprechung im Nordturm, als sie im Büro den Knall hört und spürt, wie das Gebäude zittert. Doch es passiert zunächst nichts. Draußen ist nichts zu sehen. Es gibt keine Durchsagen über die Lautsprecher. Dann sieht sie Rauch und weiß, dass das nichts Gutes bedeutet. Auf keinen Fall will sie an Ort und Stelle bleiben. Sie fordert ihre Kollegen auf, die Wertsachen zu nehmen und über das Treppenhaus die 34 Stockwerke nach unten zu gehen.

Obwohl sie den Fluchtweg kaum sehen kann, bringt Maryann ihr gesamtes Team heil aus dem Gebäude - als hätte sie ein Überlebens-Rezept in sich. Schon als kleines Mädchen hat man ihr gesagt: Wo Rauch ist, ist Feuer. Verschwinde und verschiebe Fragen auf später! Daher entscheidet sie, zu evakuieren. Nicht nachzudenken, sondern zu handeln ist Maryanns Prinzip, und damit scheint sie bis jetzt gut durchgekommen zu sein.

Die Macht des Unterbewusstseins

Professor Markus Raab weiß, dass Menschen oft lange darüber nachdenken, was die Vor- und Nachteile ihrer Handlung sind. Das ist evolutionär nicht immer von Vorteil, weswegen Menschen auch schnelle Systeme besitzen. Und dabei geht es um die Intuition. Sie lässt Entscheidungen aus dem Bauch heraus treffen, die rational nicht so schnell zustandekommen. Es ist sozusagen die Macht des Unterbewusstseins, die das Handeln bestimmt. Solche schnellen Bauchentscheidungen scheinen sehr oft besser zu sein als langes Nachdenken.

Wie das funktioniert, zeigt ein Experiment mit dem Handballspieler Michael Hegemann. Er wird in dem Test in eine Situation versetzt, in welcher er keine Zeit hat, über bestimmte Spielzüge lange nachzudenken. Er muss blitzschnell entscheiden. Wie sich herausstellt, trifft er dabei in 73 Prozent der Situationen intuitiv die richtige Entscheidung, obwohl die Situationen so schnell ablaufen, dass er sie nicht komplett erfassen kann. Um zu testen, ob diese intuitiven Entscheidungen tatsächlich die Besten sind, wird dem Spieler in einem zweiten Test Zeit gelassen, seine Entscheidungen zu überlegen. Dabei wählt er bei mehr als der Hälfte aller Stuationen den falschen Spielzug.

Handballspieler im Experiment
Handballspieler im Experiment Quelle: ZDF

Auf die Intuition verlassen

In Stresssituationen können nicht erst viele Handlungsalternativen durchdacht werden, und so wird die erste genommen, die die Intuition vermittelt. Wissenschaftler nennen das die "Take the First"-Heuristik, also die Entscheidung, sich auf die Intuition zu verlassen und die erste mögliche Handlungsoption auszuwählen, die gerade in den Kopf kommt. Und das hat seinen Grund: Intuition basiert auf Wissen und Erfahrungen, die im Unterbewusstsein abgelagert sind. Pro Sekunde stürmen auf jeden Menschen Millionen von Sinneseindrücken ein. Aber nur etwa 40 davon kann das Gehirn pro Sekunde bewusst verarbeiten, zu wenig für komplexe Handlungen. Deswegen schaltet sich im entscheidenden Moment das Unterbewusstsein mit seinem Wissensschatz ein. Nachdenken würde das Handeln verzögern.

Intuitiv zu handeln, ist nicht immer besser als längeres Nachdenken, meint Markus Raab. Aber es ist bekannt, dass Profis, die zehn Jahre und mehr in ihrem Job oder Sport Erfahrungen gesammelt haben, diese Intuition durchaus nutzen können, um in kürzester Zeit das Richtige zu machen. Diese Erklärung könnte auch auf Maryanne zutreffen. Sie hat über die Jahre jede Menge Experten-Wissen in Entscheidungssituationen angehäuft, die beste Voraussetzung für blitzschnelles richtiges Handeln.

Keine Panik

Maryann geht nach all den Katastrophen entspannt damit um. Nach allem, was sie erlebt hat, hat sie kein Trauma- oder Panikverhalten, und Erinnerungsstücke, wie ihr "Glückskoffer" aus dem Hudson-Unglück geben Maryann immer wieder Kraft. Wenn sie einen schlechten Tag hat, geht sie in Gedanken zurück und sagt sich: "Nichts kann so schlimm sein wie das. Wenn Du das überlebt hast, kannst Du alles überleben."

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