Die Kraft des Tornados

Dreharbeiten zum Test mit einer Boeing 747

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Was passiert mit Insassen in Autos, wenn ein Tornado sie erfasst? Welche Kräfte hier wirken, testen wir mit einer Boeing 747. Die Schubkraft von Triebwerken erzeugt ähnliche Windgeschwindigkeiten.

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Unsere Idee ist, mit einer echten Boeing 747 zu testen, welche Kräfte ein Tornado entwickelt. Wir wollen ein Auto samt Dummy und Messgeräten in den Strahl des Jet-Triebwerks stellen und so testen, ob man bei einem Tornado im Auto sicher ist. Doch welche Fluggesellschaft genehmigt ein Experiment mit einem Jumbojet, das ein Fernsehteam drehen will. Da gibt es gegenüber den Airlines jede Menge Erklärungsbedarf.

Nach unzähligen Telefonaten und regem E-Mail-Verkehr finden wir endlich eine Airline, die so etwas auch interessiert. Es sind die wirklich harten Jungs der Fliegerei, die mitspielen - die einer Cargo-Airline. Am Telefon bietet mir der Geschäftsführer einer deutschen Frachtcharter- Gesellschaft einen seiner vier Jumbojets für das Experiment an - unter einer Bedingung: Es muss passieren, wenn er dabei sein kann. Denn er will mit eigenen Augen das Ergebnis des Tests sehen.

Drehort Frankfurt Hahn


Was mich wundert, ist der Ort des Experiments. Bei dieser Nummer dachte ich zunächst an die Großflughäfen Frankfurt am Main, München oder Hamburg. Auf den Gedanken, mitten im Hunsrück einen Jumbo samt Experimentfläche zu finden, wäre ich nie gekommen. Wir lernen schnell: Das beschauliche Lautzenhausen ist ein wenig bekanntes Drehkreuz der Cargo-Fliegerei. Auf dem Flughafen Frankfurt Hahn wird täglich Großes bewegt: nicht nur Touristenbilligflieger, sondern rustikale Riesen wie die Antonov 225, McDonnell Douglas MD-11 - und eben unsere Boeing 747.


Der Flugplan diktiert knallharte Bedingungen für die Dreharbeiten. Die Maschine steht für das Experiment keinen ganzen Drehtag zur Verfügung, sondern nur wenige Stunden. Punkt 13.35 Uhr landet eine 747 aus Novosibirsk, dann Entladen, Checks, und von 15 bis 19 Uhr lässt sich das Experiment dazwischen schieben. Danach Weiterflug. "Machbar?", fragt der Geschäftsführer. "Na gut", denke ich: "In vier Stunden dreht man zwar keinen Spielfilm, aber für unseren plakativen Test ist das Zeit genug."

Fahrkünste mit Schleppfahrzeug

Eigentlich. Bis dahin wusste ich nicht, dass ein Jumbo, der mit unfassbarem Speed durch die Luft pflügt, auf der Landebahn wie eine Schnecke dahin kriecht. Denn er fährt ja nicht selbst, sondern wird von einem gedrungenen Schleppfahrzeug gepusht, wie es hier heißt. Und das dauert.


Kalkulierte Strecke vom Terminal zum Ausläufer der Startbahn, an dem wir das Auto fliegen lassen wollen: 500 Meter. Kalkulierte Zeit: 30 (!) Minuten. Dabei hatte keiner an einen Jumbo-Stau gedacht. Kurz bevor sich unsere Maschine in Bewegung setzt, muss sie einem anderen Jumbo die Vorfahrt gewähren. Ein LKW-Elefantenrennen auf der Autobahn ist dagegen die reinste Formel 1-Veranstaltung. Und die Uhr tickt gnadenlos.

Ein Gigant auf dem Rollfeld

Doch je näher der Koloss heranrollt, desto mehr Magie strahlt der Riese aus. Geradezu majestätisch und erhaben bewegt sich der tonnenschwere Koloss über das Rollfeld. Unter seinen Tragflächen wirkt alles unbedeutend klein: Tankwagen, Cargokisten voller Großfracht und Menschen ohnehin. Als ich direkt unter der Nase des rollenden Riesen stehe, läuft es mir beim Anblick dieser Dimensionen kalt den Rücken herunter.

Aber für die Filmerei hat die Größe Tücken. Für eine Kameralinse ist an einem Jumbo alles einen Tick zu gigantisch. Deshalb fangen gleich drei Kameramänner den Riesenvogel gleichzeitig ein - plus einige stationäre Kameras samt Highspeed für das Experiment. Eine Kamera dreht auf der ausfahrbaren Plattform des Enteisungsfahrzeugs Überblicksbilder aus luftiger Höhe. Das ist notwendig, denn für jede Bewegung, die der Jumbo macht, haben wir nur einen Versuch, sie zu filmen.

Schwieriges Manöver

Wie erklärt man dem Piloten nach diesem Manöver, ob er den Riesenflieger nicht doch noch ein Stückchen weiter rechts rücken könnte. Nach Wiederholungen der Fahrszenen brauchen wir erst gar nicht zu fragen. Zum Glück lässt sich der Jumbo beim Manövrieren Zeit. Ganz ohne Hilfe schafft er es nicht, auch hier hilft das Schleppfahrzeug. Dessen Fahrer sind wahre Einparkkünstler: Ein Schlepper zieht die 747 rückwärts. Und jeder, der schon mal versucht hat, einen Wohnwagen rückwärts in eine Parklücke zu bugsieren, kann vielleicht erahnen, wie es ist, den 280 Tonnen-Koloss zu manövrieren.


Und wie schafft es ein solcher Gigant überhaupt in die Luft - physikalische Flugformeln hin oder her. Der Riese hat rein äußerlich so wenig mit dem zu tun, was wir Menschen uns in der Luft vorstellen können, dass jeder Start einem Wunder gleicht. Die Antwort aber ist simpel und beeindruckend, und der Jumbo lässt sie mich hautnah spüren - Power pur. Während des Experiments stehen wir fünfzig Meter vom Triebwerk entfernt. Und allein der Sound der anlaufenden Turbinen ist lauter als alles, was ich jemals in meinem Leben gehört habe.

Experiment mit maximalem Höllenlärm


Für circa zehn Sekunden bricht maximaler Höllenlärm los, 800 Kilogramm heiße Luft jagen pro Sekunde durch das Triebwerk - Vollgas. Im Turbinenstrahl herrschen jetzt Windgeschwindigkeiten von mehr als 400 Kilometer pro Stunde - wie in einem Tornado. Das Auto hat keine Chance.

Der Düsenstrahl lässt mühelos den eineinhalb Tonnen schweren PKW fliegen. Auto zerstört, ansonsten alles heil. Halb taub, aber total überwältigt, habe ich soeben live die mächtige Kraftdemonstration des Jumbos erlebt. Es ist ein magischer Moment. Denn jetzt verwandeln sich erwachsene Männer in einen Haufen nach Kerosin stinkender Jungs, die sich das Grinsen im mit Staub bedeckten Gesicht kaum verkneifen können.

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