Die Stunde des Sprengmeisters

Terra Xpress begleitet eine spektakuläre Brückensprengung

Wissen | Terra Xpress - Die Stunde des Sprengmeisters

Die Traunbrücke muss gesprengt werden, obwohl unmittelbar daneben die neue Brücke gebaut worden ist. Die alte Brücke muss extrem präzise gesprengt werden, damit ihre Nachfolgerin unbeschadet bleibt.

Beitragslänge:
10 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 05.02.2017, 18:30

Die altersschwache Traunbrücke auf Österreichs Westautobahn A1 muss weg - sie wird gesprengt. Keine leichte Aufgabe: Die neue Traunbrücke wurde unmittelbar neben die alte gebaut, nur 15 Zentimeter trennen beide Bauwerke. Die alte Brücke muss extrem präzise gesprengt werden, damit ihre Nachfolgerin unbeschadet bleibt. Terra Xpress hat Sprengmeister Franz Schuster am entscheidenden Tag begleitet.

Sprengung der Traunbrücke
Sprengung der Traunbrücke Quelle: ZDF

Franz Schusters Mitarbeiter wissen genau, was auf dem Spiel steht: Sie haben nur zehn Stunden Zeit, um fast 700 Sprengladungen anzubringen. Um Punkt 18 Uhr muss jede einzelne Ladung im gleichen Moment detonieren. Franz Schuster kennt die Gefahren: "Die Schwierigkeit bei der Sprengung von Bogenbrücken besteht darin, dass der Bogen so zerstört wird, dass er nicht verkeilen und verkanten kann. Dann könnte die Brücke in einigen Metern Höhe stehen bleiben oder seitlich kippen." Ein Alptraum für die Sprengmeister - und ein großes Risiko für die neue Brücke, die nur eine Handbreit neben der neuen steht. Ihr darf nichts passieren. Deshalb dürfen bei der Explosion auch keine großen Teile absplittern, damit ihre Pfeiler nicht beschädigt werden.

Hiobsbotschaft und eine Idee

Dass solche Sprengungen durchaus schief gehen können, beweist ein Vorfall im Hamburger Kraftwerk Moorburg: Bei der Sprengung eines Schornsteins löste sich unvorhergesehen ein Metallteil und flog in die Schaltanlage. Der nachfolgende Kurzschluss führte zur Notabschaltung des Kraftwerks.

An der Traunbrücke darf nichts schief gehen, denn die A1 muss schnell wieder befahrbar sein. Doch eine Hiobsbotschaft droht den Zeitplan der Sprengmeister zu ruinieren. Tagelang haben die Männer jeden einzelnen Sprengpunkt markiert und tief in den massiven Beton gebohrt. Doch in der Nacht vor der Sprengung sind auf der Nordseite der Brücke viele der Bohrlöcher voll Regenwasser gelaufen - und können nicht mit Sprengstoff gefüllt werden. Die Männer müssen schnell handeln. Zum Glück hat Franz Schuster die zündende Idee. Mithilfe von Pressluft können sie das Wasser aus den knapp 200 Bohrlöcher herausblasen.

Bohrlöächer mit Druckluft ausgeblasen
Bohrlöcher werden mit Druckluft ausgeblasen Quelle: ZDF

Hoch effektive Sprengstoffe

Doch das ist nicht die einzige Herausforderung für den erfahrenen Sprengmeister. Vor allem der Bogen direkt unter der Brücke macht ihm zu schaffen. Er ist zwar hohl, aber durch den kompletten Hohlkasten laufen massive Längsstege, die der 2500 Tonnen schweren Brücke die nötige Stabilität geben. Schuster muss den empfindlichsten Punkt der Konstruktion treffen: Nur wenn der Hohlkasten komplett durchtrennt wird, kann die Brücke ungehindert abstürzen. Deshalb verwendet er auch hoch effektive Sprengstoffe. Sie explodieren mit etwa 6000 Metern pro Sekunde. Das sind knapp 20.000 Stundenkilometern. Sie sollen den Beton pulverisieren.

Der Nachteil: Sprengungen dieser Größenordnung haben einen enormen Splitterflug, den neugierige Gaffer leicht unterschätzen. Herumfliegende Betontrümmer können schnell zu tödlichen Geschossen werden. Die Feuerwehr räumt daher weiträumig die Umgebung. Zwei Stunden vor der Sprengung darf sich in einem Radius von einem halben Kilometer niemand mehr aufhalten. Um absolut sicher zu gehen, kontrolliert ein Polizeihubschrauber das Gebiet per Wärmebild-Kamera.

Keine Garantien

Dass es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auch die neue Brücke hart treffen könnte, bleibt für Franz Schuster die größte Sorge: "Das wäre eine Katastrophe, denn es dauert ein Jahr bis eine neue Brücke steht. In der Zwischenzeit müsste der Verkehr über die Bundesstraßen umgeleitet werden." Ein besonderes Vlies soll zwar verhindern, dass die neue Autobahnbrücke durch Steinflug beschädigt wird. Doch trotz aller Sorgfalt kann niemand garantieren, dass die zweite Brücke heil bleibt.

Die Traunbrücke
Die Traunbrücke Quelle: ZDF

Franz Schuster hat schon viele Brücken gesprengt, dennoch ist für ihn jede Sprengung eine neue Herausforderung. Deshalb ist er es, der den letzten Gang übernimmt und die Sprengladungen scharf macht. "Ich bin immer verantwortlich, das ist das Schöne daran. Einer muss es sein, einer muss immer den Kopf hinhalten!" Doch dieses Mal bleibt sein Kopf dran, die Sprengung verläuft exakt nach Plan. Die alte Brücke wird wie gewollt zerstört, die neue hat keinen Kratzer abbekommen. Franz Schusters Plan ist aufgegangen.

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