Krake Günther

Meister der Tarnung am Set von Terra Xpress

Günther ist ein Octopus, genauer gesagt ein Octopus vulgaris, eine gewöhnliche Krake wie sie in allen Weltmeeren vorkommt. Für die Sendung Terra Xpress „Schatz aus der Tiefsee“ ist er für Dreharbeiten zu Besuch am Set. In der Folge vom 15.12.2013 geht es um die Ambra – eine schmierige und seltsam riechende Masse, auch bekannt als Pottwal-Erbrochenes. Kraken wie Günther und besonders ihre nächsten Verwandten, die Kalmare, tragen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung der Ambra.


So unspektakulär sich die Ambra anhört, so interessant sind ihr Wert und ihre Entstehung. In der Parfümindustrie ist der Naturrohstoff Ambra sehr gefragt, da sie dazu beiträgt, den Duft möglichst lange auf der Haut zu halten. Ihr Wert beginnt je nach Größe ab 10.000 Euro.


Leibspeise von Pottwalen

Bei der Entstehung der Ambra kommen Kopffüßler - Riesenkalmare und kleine Kraken, wie Günther - ins Spiel. Kalmare gehören zur Leibspeise von Pottwalen: Doch so lecker sie sind, so gefährlich können sie auch noch im Magen sein. Neben Haut, Muskulatur und weichem Fleisch besitzen Kalmare einen Panzer aus Chitin und einen papageienartigen Schnabel aus Horn. Gelangen diese Bestandteile in den Magen, können sie zu bedrohlichen Schnittverletzungen im Verdauungstrakt der Pottwale führen. Deshalb werden die unverdaulichen Substanzen erst etwas zermahlen, anschließend bildet sich ein schmieriger Gallertfilm um die Bestandteile herum. Der „fertige“ Klumpen wird dann vom Pottwal ausgeschieden und reift im mineralhaltigen Meerwasser über mehrere Jahre zur vollendeten Ambra.

Abgesehen davon, dass sie zur Entstehung von einem der teuersten Rohstoffe der Welt

beitragen, haben sowohl kleinste Kraken als auch Riesenkalmare noch ganz andere besondere Eigenschaften. Sie können beispielsweise ihre Farbe wechseln oder Lichtsignale aussenden. „Na? Wo bist du denn?“ Mit ratlosem Blick guckt Dirk im Aquarium umher. „Jetzt ist er weg!" Doch wer genau hinsieht, merkt schnell, dass Günther nicht einfach weg ist: Er versteckt sich neben einer Koralle, schlingt seine langen Arme um den Wasserpolyp und verschmilzt förmlich mit dessen Farbspektrum. Wie macht Günther das nur?


Tarnung und Flucht

Krake Günther versteckt sich
Krake Günther versteckt sich im Aquarium Quelle: ZDF

Auf der Haut von Kopffüßlern befinden sich tausende von Farbpigment- und Licht-Zellen. Die Haut von Kalmaren und Kraken enthält runde Zellen, die mit Pigmenten unterschiedlichster Farben bestückt sind – man nennt diese Zellen Chromatophoren. Chromatophoren haben elastische Wände, das bedeutet, die Zellen können durch Nervenreize und Muskelkontraktionen auseinandergezogen oder zusammengepresst werden. Dadurch sind die Farben der Zellen mal kräftiger, mal schwächer zu sehen. Auf diese Weise entsteht eine unglaubliche Vielfalt an Punkt- oder Streifenmustern, Komplett-Tönungen, die über den Körper wandern oder Farbschattierungen, die sich in sanften Wogen verändern. Manche Spezies besitzen Farbpigment-Zellen, die viele verschiedene Farben - nicht bloß eine einzige - annehmen können. In ihrem natürlichen Lebensraum, den Weltmeeren, ist diese Eigenschaft von großem Nutzen. Dort gilt als beste Verteidigung die Flucht, begleitet von Farbwechseln: Anpassung an die Umgebungsfarbe zur Tarnung oder aber Signalfarben zur Abschreckung der Feinde. Besonders die letzte Methode kann für einen kleinen Kalmar von großer Bedeutung sein. Schafft er es, seinen Fressfeind durch Farbreflexe zu verblüffen und auch nur für den geringsten Moment von seiner Angriffsstrategie abzuhalten, gewinnt der Kalmar bereits Zeit, um zu fliehen.


Neben den Chromatophoren besitzen die Tiere auch noch so genannte Photophoren, Zellgewebe, das Licht erzeugen kann. Die Photophoren-Zellen sind meist gekoppelt an eine Art Reflektor, der das produzierte Licht in eine bestimmte Richtung lenken oder aber über die Oberfläche der Haut verteilen kann. Gemeinsam mit den Chromophoren gelingt einem Kopffüßler so die perfekte Tarnung: Schwimmt er im offenen Meer, kann er sich beispielsweise den Blautönen des Wassers anpassen und von unten lauernden Fressfeinden Lichtreflexe entgegenbringen, sodass sie den Kalmar nicht von der durch Sonneneinstrahlung reflektierenden Wasseroberfläche unterscheiden können.


Interaktion mit Artgenossen

Das Zusammenspiel von Farb- und Leuchtsignalen ist übrigens auch fester Bestandteil der Interaktion mit Artgenossen. So buhlen männliche Kalmare mit spektakulären Licht- und Farbwechseln um die Gunst eines Weibchens. Nicht selten kommt es unter Riesenkalmaren dabei zu „Handgreiflichkeiten“ – durch die erregten Nervenleitungen werden die Lichtsignale noch intensiver, fast Blitz-ähnlich.

Wundersame Lichtshows treten bei gewöhnlichen Kraken, wie Günther, nicht auf. Dafür besitzen Kraken im Vergleich zu Kalmaren jedoch keinen festen Chitinpanzer im Kopfbereich, sie bestehen nur aus Haut und Muskel. Dies verschafft ihnen einen klasse Vorteil: Das kleinste Schlupfloch ähnelt für sie einer sperrangelweit geöffneten Tür. Deshalb muss beim Dreh für Terra Xpress Günthers Besitzer, Marco Zweifel vom Korallenkeller Frankfurt, immer wachsam bereitstehen – für den Fall, dass Günther sich vom Acker machen möchte.


Schlüpfrige kleine Kraken

„Kraken gehören zu den wirbellosen Tieren, das heißt sie haben keinerlei Knochen. Die können durch jeden Spalt entwischen. Und wenn das noch ein Zentimeter ist. Darum muss so ein Aquarium eigentlich immer komplett dicht sein“, erklärt der Aquaristik-Fachmann. „Man sagt auch, dass das Auge des Tieres ausschlaggebend ist, wo es durchpasst. Die Pupille des Auges ist das einzige, was das Tier nicht kleiner machen kann. Wo das Auge also durch passt, passt das ganze Tier durch“, sagt Zweifel. Die Augen von Riesenkalmaren sind die Größten im gesamten Tierreich. Ihr Sehvermögen in der dunklen Tiefsee ist immens. Die Linsenaugen sind, anders als bei Säugetieren, „evers“ aufgebaut, das heißt die Sinneszellen der Netzhaut sind direkt dem Licht entgegengerichtet – somit gelangen Lichtsignale noch schneller über das Nervensystem ins Gehirn.


Oft werden Wirbellose gegenüber Säugetieren unterschätzt – in vielerlei Hinsicht sind sie aber überlegen. Wenn es um Geschicklichkeit oder Irreführendes geht, funktioniert das Gehirn dieser wirbellosen Meeresbewohner meist viel effizienter. Außerdem lernen Kraken durch Beobachtung. Die neuseeländische Tintenfischdame „Octi“ hat beispielsweise gelernt, Flaschen mit Schraubverschluss zu öffnen, um an eine Krabbe heranzukommen. In der Natur eignen sich die Langarme auch schon einmal die ein oder andere leerstehende Muschel an, um sich zu verkriechen – nicht zuletzt sind dafür die vielen Saugnäpfe an den Armen nützlich: Diese bewegen sich übrigens jeweils unabhängig vom Gehirn.


Der kleine Günther mag vielleicht nicht so gerne im Rampenlicht stehen, dafür zeigt aber auch er, dass er ein Meister seiner Künste ist. Da musste die Crew schon mal 20 Minuten warten, bis der kleine Krake sich dazu entschloss, sich doch noch zu präsentieren.

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