Pfusch im Operationssaal

Wenn Ärzte ihr Werkzeug im Patienten vergessen

Wissen | Terra Xpress - Pfusch im Operationssaal

Terra Xpress zeigt das Schicksal einer 32-jährigen Mutter, die auch Monate nach einer geglückten Kaiserschnitt-Geburt noch unerklärliche Schmerzen hat.

Beitragslänge:
6 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.02.2017, 18:30

Operationsteams in Krankenhäusern wissen meistens sehr genau, wie viele Scheren, Klemmen und Tupfer sie verwenden. Trotzdem fehlt nachher manchmal etwas. Wenn ein Arzt sein Werkzeug verlegt, kann es vorkommen, dass es später im Patienten wieder gefunden wird - wie bei Carolin Beyers.

Ein Problem und kaum Hoffnung

Den 29. November 2005 wird Carolin Beyers in ihrem ganzen Leben nicht mehr vergessen. An diesem Tag bringt sie in einem Krankenhaus im Ruhrgebiet ihr erstes Kind auf die Welt. Die Ärzte holen den Kleinen per Kaiserschnitt. Er ist kerngesund, und alles scheint perfekt. Nachdem der Prachtkerl das Licht der Welt erblickt hat, nähen die Ärzte den Kaiserschnitt wieder zu.

OP-Saal
OP-Saal Quelle: ZDF

Normalerweise wäre die Geschichte hier zu Ende. Anderthalb Jahre später beginnt der Bauch von Carolin Beyers aber plötzlich wieder zu wachsen. Sie denkt zuerst, dass sie schwanger sei und macht einen Schwangerschaftstest. Der ist negativ. Sie verdrängt die Sache, so gut es geht und hofft, dass sich das Problem in ihrem Bauch in Luft auflöst - leider vergebens. Panik beginnt, ihr Leben zu bestimmen. Sie durchkämmt das Internet nach Hinweisen und nach einem Hoffnungsschimmer. Doch alles deutet auf einen Tumor hin. Es muss Krebs sein. Auch der Frauenarzt, zu dem sie geht, macht ihr keine Hoffnung: Er vermutet Krebs, Leberkrebs oder Eierstockkrebs. Nach dem ersten Schock, beschließt die junge Mutter zu kämpfen. Ihr Sohn gibt ihr die Kraft dafür.

Ein 25 Kilogramm schwerer Tumor

Die Spezialisten der Essener Frauenklinik sollen Carolin Beyers helfen, herauszufinden, was mit ihr los ist. Oberarzt Martin Heubner kann selbst kaum glauben, was er vor sich hat. Er sieht einen sehr großen Unterbauchtumor, der bis zum Rippenbogen reicht. Von der Größe her entspricht er fast einer Schwangerschaft. Carolin Beyers schwebt in Lebensgefahr. Der Tumor muss schnell entfernt werden. Bei der OP sind die Ärzte auf einiges vorbereitet, doch was sie im Bauch von Carolin Beyers finden, übersteigt selbst die Vorstellungskraft erfahrener Mediziner: Der Tumor ist 45 Zentimeter groß und wiegt unglaubliche 25 Kilogramm. Dass Befunde tatsächlich eine so große Masse haben, ist eine Rarität.

Nach einer mehrstündigen OP ist der Tumor entfernt, die Angst aber bleibt. Ist der Tumor gut- oder bösartig? Nach einer quälend langen Woche kommt die Entwarnung der Ärzte. Es liegt keine Krebserkrankung vor. Die Ärzte finden stattdessen in der Mitte des Tumors ein großes Bauchtuch. Diese großen Bauchtücher sind ein gängiges OP-Utensil. Und das liegt jahrelang im Bauch von Carolin Beyers. Doch wie kann das sein?

Fotos von entferntem Bauchtuch
Fotos von entferntem Bauchtuch Quelle: ZDF

Sicherheitsmechanismen versagen

Die Erklärung ist unglaublich: Beim Kaiserschnitt übersieht das OP-Team wohl, dass noch ein Tuch in der Wunde steckt und näht es mit ein. Und genau diesen Fremdkörper bekämpft der Körper jahrelang. Die Fremdkörper werden durch eigenes Gewebe verkapselt, und das chronisch entzündliche Gewebe wandelt sich in Narbengewebe, das dann entsprechend wuchern und enorme Ausmaße annehmen kann. Oberarzt Martin Heubner ist die ganze Geschichte schleierhaft. Carolin Beyers musste leiden, obwohl bei OPs streng über Besteck, Tücher und Tupfer Buch geführt wird. Es können zwar immer Fehler passieren, aber es gibt viele Sicherheitsmechanismen, die genau so etwas verhindern sollen.

Sicherheitsmechanismen gibt es auch in dem Krankenhaus, in dem Carolin Beyers entbunden hat. Beim Nachzählen fällt sogar auf, dass etwas nicht stimmt. Ein Tuch fehlt, und man dokumentiert: Das Original-Fünfer-Paket hat offensichtlich wohl nur vier Tücher enthalten. Man fühlt sich sicher. Die Verantwortlichen werden schließlich wegen fahrlässiger Körperverletzung zu Geldstrafen verurteilt. Außerdem bekommt Carolin Beyers Schmerzensgeld. Gesundheitlich geht es mit ihr seitdem langsam bergauf. Mit ihrer Familie kann sie endlich wieder an einer gemeinsamen Zukunft bauen.

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