Spinnenfarm in Arizona

Gifttiere dienen als Basis für Medikamente

Wissen | Terra Xpress - Spinnenfarm in Arizona

Dirk Steffens unter den giftigsten Tieren der Welt in Australien und die tägliche Arbeit auf einer Spinnenfarm in Arizona.

Beitragslänge:
7 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 18.03.2017, 18:30

Pharmaindustrie und Wissenschaft haben einen großen Bedarf an tierischen Giften, denn sie dienen häufig als Basis für Medikamente. In Arizona hat sich ein Ehepaar darauf spezialisiert, die giftigen kleinen Kriechtiere zu finden und zu "melken". Ein lukrativer, aber nicht ganz ungefährlicher Job.

Skorpion auf der Hand
Skorpion auf der Hand Quelle: ZDF

Chuck Kristensen und seine Frau Anita haben ihr Leben giftigen Tieren verschrieben und sich damit einen Traum erfüllt. Die Kristensens betreiben eine der größten "Giftfarmen" der Welt - die "Spider Pharm".

70.000 giftige Tiere

In der Wüste von Arizona sind sie ständig auf der Suche nach Spinnen, Skorpionen und anderem giftigen Getiers, um das normale Menschen einen weiten Bogen machen. Rund 70.000 giftige Tiere tummeln sich auf ihrer Farm. Neben Skorpionen und Tausendfüßlern sind in der exotischen Sammlung vor allem Spinnen jeder Art zu finden, von der Tarantel und der schwarzen Witwe bis zur Vogelspinne oder Grasspinne.


Die Arbeit mit den Tieren ist nicht ungefährlich. Der Stich eines Skorpions kann - je nach Art - zu Lähmungserscheinungen, im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen. Bisse von Taranteln oder Vogelspinnen können äußerst schmerzhaft sein. Ansonsten sind sie aber eher ungefährlich, es sei denn, es tritt eine allergische Reaktion auf. Chuck Kristensen hat in 30 Jahren, wie er selbst sagt, "noch nie einen ernsthaften Spinnenbiss gehabt". Obwohl ein Restrisiko bleibt, lohnt sich für die Kristensens die Arbeit mit den giftigen Tieren. Für eine kleine Ampulle mancher Tiergifte zahlen Forschungsinstitute und Pharmaunternehmen mehrere tausend Euro.

Wie melkt man Spinnen und Skorpione?

Vogelspinne
Vogelspinne Quelle: ZDF


Das Geld ist nicht leicht verdient: Für einen Milliliter Gift müssen rund 20.000 Spinnen in mühsamer Arbeit "gemolken" werden. Das "Melken" erfordert einiges Spezialwissen und Geschick. Um an das kostbare Sekret von Skorpionen zu kommen, werden die Tiere mit Kohlendioxid zunächst betäubt. Dann versetzt man ihnen einen leichten Stromschlag, der wiederum einen Reflex auslöst, und das Gift wird herausgespritzt.

Ein Skorpion wird gemolken
Skorpion Quelle: ZDF

Große Nachfrage nach Tiergiften

Das Melken von Spinnen ist noch komplizierter. Bei einer der giftigsten Spinnen der Welt, der schwarzen Witwe, sitzt die Giftdrüse unterhalb des Spinnenmauls. Durch den Stromschlag könnte sich die Spinne aber erbrechen, was unter allen Umständen verhindert werden muss. Verunreinigt nur eine Spinne das Gift, dann wird die gesamte Probe unbrauchbar. Manchmal arbeiten die Kristensens drei Monate an einem Projekt und müssen dann doch alles wegwerfen, weil die Proben verunreinigt wurden.


Der Einsatzbereich für tierische Gifte in Forschung und Pharmakologie wird immer breiter. Aus dem Gift einer chilenischen Tarantel könnte beispielsweise bald ein Mittel gegen Herzkrankheiten hergestellt werden. Und die Kristensens sorgen dafür, dass der Nachschub in den Forschungslaboren der Welt nicht ausbleibt. Längst reicht das Sammeln der Gifttiere nicht mehr aus. Um die große Nachfrage zu befriedigen, sind die Amerikaner mittlerweile auch zu Zuchtexperten geworden. Und ebenso wie das Melken ist auch die Zucht nicht unaufwändig. Damit sie sich nicht gegenseitig auffressen, müssen manche Spinnentiere wie die Schwarze Witwe einzeln aufgezogen werden. Erst wenn sie paarungsbereit sind, wird das kleinere Männchen mit dem großen Weibchen zusammengeführt

An der Universitätsklinik in Lübeck ist Neurochirurg Volker Tronnier einer der wenigen Wissenschaftler in Deutschland, die sich intensiv mit einem anderen tierischen Gift und seinen medizinischen Möglichkeiten beschäftigen, dem Gift der marinen Kegelschnecke. Der Meeresbewohner, den man vor allem im indischen und pazifischen Ozean antrifft, produziert tausende verschiedene Gifte, mit denen sie das Nervensystem ihrer Opfer blitzartig lähmt. Aus ihrem Repertoire entstammt daher auch eines der stärksten Schmerzmittel der Welt.

Schmerzbehandlung mit Schneckengift

Kegelschnecke verspeist Fisch
Kegelschnecke Quelle: ZDF


Tronnier hat mit diesem Medikament eine Patientin behandelt, der bei einer Operation irrtümlich ein Gesichtsnerv durchtrennt wurde. Als Folge hatte sie unerträgliche Schmerzen. In den ersten Jahren wurde sie mit Morphium behandelt, doch sie brauchte immer höhere Dosen, und die Nebenwirkungen waren immens. Mit dem Gift der Kegelschnecke, das etwa 1000 mal so stark ist wie Morphium, konnten bei ihr spezifische Schmerzsignale ausgeschaltet werden. Zudem macht das tierische Gift, anders als die süchtig machenden Opiate, nicht abhängig.

Ein Nachteil des Schneckengifts ist jedoch, dass es alle zwei bis drei Wochen in eine Medikamentenpumpe gespritzt werden muss, die unter der Haut der Patientin implantiert ist. Die Pumpe leitet kleinste Dosen des wertvollen Schneckengifts über einen Katheder direkt in das Rückenmark der Schmerzpatientin. Nur dort entfaltet es seine Wirkung.

Medikamentenpumpe unter der Haut eines Patienten
Medikamentenpumpe unter der Haut eines Patienten Quelle: ZDF

Nebenwirkungen unbekannt

Zudem ist die Behandlung mit dem Schneckengift nicht ganz billig: Jede Injektion kostet 2500 Euro. Dabei ist die genaue Wirkungsweise des Giftes noch lange nicht erforscht, und nicht alle Patienten sprechen auf die Therapie an. Auch über die Nebenwirkungen ist wenig bekannt. Für einige Patienten jedoch, wie für die Patientin von Dr. Tronnier, ist das Gift ein Meilenstein in der Schmerztherapie.

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