Staufen - vom Zerfall bedroht

Katastrophale Folgen nach Geothermie-Bohrungen

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Rathaus und Bauamt der Stadt Staufen sollen klimafreundlich mit Erdwärme beheizt werden. Doch seit den Geothermie-Bohrungen reißen Wände auf und viele Häuser sind inzwischen einsturzgefährdet.

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.02.2017, 18:30

Staufen ist eine beschauliche Stadt im Breisgau mit einem schönen, mittelalterlichen Stadtkern. Im historischen Rathaus wollte man mit Erdwärme ökologisch saubere Energie nutzen. Doch nach sieben Erkundungsbohrungen nimmt eine Katastrophe ihren Lauf. Im Stadtkern häufen sich tiefe Risse in Gebäuden. Mehr als 260 Häuser sind betroffen, die Schäden belaufen sich auf etwa 50 Millionen Euro.

Gebäude mit Mauerrissen
Gebäude mit Mauerrissen Quelle: ZDF

Verlauf der Katastrophe

Tiefe Mauerrisse, kaputte Fliesen, aufgeworfene Böden und verschobene Treppen. Nach Erdwärmebohrungen zerreißt es eine ganze Stadt. Zuerst sind es kleine Risse in Mauern, doch dann werden sie immer länger und tiefer. An den Häusern nagt eine unheimliche Kraft aus dem Untergrund, gegen die seit 2007 eine ganze Stadt im Dauereinsatz ist. Was ist hier bloß schief gelaufen?

Der damalige Plan sah vor, das Rathaus und das Bauamt zu sanieren und mit Erdwärme zu heizen. Um diese Energie zu nutzten, werden Erdwärmesonden über 140 Meter tief in die Erde getrieben. Kurz danach zeigen Temperatursensoren der Sonden, dass in einer Tiefe von 60 bis 80 Metern ungewöhnlich hohe Temperaturen herrschen. Kurze Zeit später entdecken Bewohner feine Haarrisse in Gebäuden. Doch noch verbindet niemand dies mit den Erdwärme-Bohrungen.

Geothermie-Bohrungen
Geothermie-Bohrungen Quelle: ap

Aber die Risse werden länger und breiter, Fassaden platzen auf und versetzen die Bewohner in Angst und Schrecken. Geologen begutachten die Schäden. Die Messungen lassen keinen Zweifel: Unter der Staufener Altstadt hebt sich der Boden. Auf einer Fläche von 300 mal 300 Metern müssen mehrere Gebäude abgestützt werden, um einen möglichen Einsturz zu verhindern. Schuldige gibt es bisher nicht, und ein Ende der Katastrophe ist nicht absehbar.

Quellfähige Mineralien im Untergrund

Im Untergrund der Stadt liegt eine Gips-Keuper-Schicht. Diese so genannten Anhydride sind quellfähige Mineralien aus wasserfreiem Kalziumsulfat. Bei den Erdewärme-Bohrungen durchstieß man die Gips-Keuper-Schicht und traf auf den darunter liegenden Grundwasserleiter, in dem das Wasser unter hohem Druck steht. Dadurch kam eine chemische Reaktion in Gang. Das Wasser lagert sich in der Kristallstruktur des Minerals ein. Bis zu 60 Prozent kann das Gestein im Untergrund bei diesem Prozess an Volumen zunehmen. Seitdem bläht sich die Erde im Untergrund förmlich auf wie ein Hefeteig.

Wasser wird abgepumpt

Dieser unterirdische Quellvorgang dauert bis heute an. Mehrere Häuser sind inzwischen unbewohnbar, das Stadtbauamt bricht förmlich auseinander. Die gesamte Altstadt hebt sich um bis zu einem Zentimeter pro Monat. Teile des historischen Stadtkerns liegen heute rund um 40 Zentimeter höher als früher. Außerdem hat sich die Altstadt um etwa 30 Zentimeter in der Breite ausgedehnt. Auch das Gebäude des Bauamtes ist schwer beschädigt.

Damit sich der Boden nicht noch weiter anhebt, versucht man in Staufen die Reißleine zu ziehen. Nun soll das Grundwasser abgepumpt werden, damit es nicht mehr länger aufsteigt und das Anhydrit in Gips verwandelt. So soll der Anhydrit keine neue Flüssig-Nahrung mehr bekommen. Der Bürgermeister schätzt, dass das aufwändige Abpumpen über Jahre hinweg gemacht werden muss. Staufen wird also nicht so schnell zur Ruhe kommen. Statt Öko-Wärme heizen die teuflischen Nebenwirkungen den Verantwortlichen in der Faust-Stadt kräftig ein.

Baustelle in Staufen
Abpumpen von Wasser Quelle: ZDF

Oberbürgermeister Michael Benitz: "Damals wurde auf Probebohrungen verzichtet, weil sich in der oberflächennahen Geothermie ein Projekt mit aufwändiger Probebohrung betriebswirtschaftlich nicht gerechnet hätte. Alle Bohrungen, die in Baden-Württemberg durchgeführt wurden, erfolgten ohne Probelauf." Der Schaden wird auf rund 50 Millionen Euro geschätzt. Noch ist unklar, wer den Schaden zahlt. Ein Schlichtungsverfahren zwischen Stadt und Geschädigten soll helfen, wieder alles herzurichten.

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