Verurteilt als Brandstifter

Terra Xpress geht einem aufsehenerregenden Fall nach

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Bei vielen Wohnungsbränden scheint die Ursache unklar. Was aber, wenn unschuldige Menschen als Brandstifter ins Visier geraten, weil Brandermittler die Spuren nicht ausreichend verfolgt haben?

Beitragslänge:
8 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 11.03.2017, 18:30

Immer wieder kommt es zu verheerenden Wohnungsbränden, bei denen die Ursachen klar zu sein scheinen. Was aber, wenn unschuldige Menschen als Brandstifter ins Visier geraten, weil Brandermittler die Spuren nicht ausreichend oder falsch verfolgt haben?

Zeitungsschlagzeile Brandstiftung
Zeitungsschlagzeile Brandstiftung Quelle: ZDF

In der Wohnung gefangen

Frank Thürigen
Frank Thürigen Quelle: ZDF


Es ist der 16. März 2000. Der 36 Jahre alte Programmierer Frank Thürigen kommt sehr spät nach Hause, hat aber noch jede Menge zu tun. Erst gegen drei Uhr geht er ins Bett, doch einen ruhigen Schlaf findet er nicht. Mitten in der Nacht wacht er auf, weil er das Gefühl hat, dass sein aus dem Bett hängender Arm warm wird. Als er die Augen aufschlägt sieht er, dass offensichtlich die Scheuerleiste an der Wand brennt.


Frank Thürigen ruft aus dem Fenster um Hilfe und alarmiert Menschen auf der Straße. Seinen Computer versucht er, aus dem Wohnzimmer zu retten, öffnet die Türe, steht dort aber bereits vor einer schwarzen Wand aus dichtem Rauch. Doch auf einmal, für einen kurzen Moment, wird die Sicht frei. Dann geht alles ganz schnell. Frank Thürigen erinnert sich, dass an der gegenüberliegenden Wand eine Feuermauer hochgeht. Blitzartig brennt die ganze Fläche. Für die eintreffende Feuerwehr geht es nun um jede Sekunde, denn Frank Thürigen ist in seiner brennenden Wohnung gefangen.

Verbrannte Wohnung
Verbrannte Wohnung Quelle: ZDF

Er hat unglaubliches Glück: Die Rettungskräfte befreien ihn aus dem Badezimmer - neben der Küche der einzige Raum, in dem das Feuer nicht wütet. Innerhalb von zwei Stunden verliert Frank Thürigen alles, aber es kommt noch schlimmer: Als er im Krankenhaus wieder aufwacht, stehen dort seine Schwester, sein Bruder und zwei Polizisten. Im Laufe des Verhörs wird ihm allmählich klar, dass Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt wegen Brandstiftung gegen ihn ermitteln. Frank Thürigen soll mit mehreren Litern Brennspiritus den Brand selbst gelegt haben.

Restprodukte von Brennspiritus

Das Berliner LKA stützt seine Ermittlungen allein auf die chemische Analyse von Proben aus der Brandwohnung. An sechs verschiedenen Stellen erkennen die Ermittler Restprodukte von Brennspiritus. Das genügt dem LKA als Beweis. Frank Thürigen ist schockiert über das Testergebnis. Er versteht nicht, wie die Ermittler Brennspiritus finden konnten, denn er weiß genau, es gab keinen in der Wohnung.

Foto der verbrannten Wohnung
Foto der verbrannten Wohnung Quelle: ZDF

Die Angelegenheit wirft ihn aus dem Gleichgewicht. Sein Leben gerät völlig aus den Fugen, und kurze Zeit später verliert er seinen Job. Über drei Jahre ziehen sich die Ermittlungen hin. Erst dann beginnt der Prozess. Dem Angeklagten drohen bis zu fünf Jahre Haft wegen schwerer, vorsätzlicher Brandstiftung, denn der Gutachter vom Landeskriminalamt in Berlin lässt wenig Zweifel. In allen Proben aus der Wohnung weist er Rückstände von Brennspiritus nach. Von diesem Gutachten hängt Franks Schicksal ab.

Kampf ums Recht

Dabei kann vor Gericht etwas Entscheidendes nicht ermittelt werden: das Motiv für die Tat! Welchen Grund hätte Frank Thürigen haben sollen, alles zu zerstören? Er hatte noch nicht einmal eine Versicherung. Und doch verurteilt das Gericht ihn zu zweieinhalb Jahren Gefängnis aufgrund einer Beweisführung, die in Deutschland ausschließlich das LKA Berlin anwendet. Doch Frank Thürigen kämpft um sein Recht: Er legt Berufung ein und hat Erfolg. Im zweiten Verfahren wird der Physiker Dr. Jürgen Hupfeld als Gerichtsgutachter beauftragt.

Dr. Hupfeld ist sich sicher: Wenn man nur einen Brandherd findet, müsste das von vorn herein zu einem Freispruch führen. Das LKA geht aber von sechs Stellen aus, an denen das Feuer mit Brennspiritus gelegt worden sein soll. Im Brandcontainer demonstriert Dr. Hupfeld den Sachverhalt und verbrennt Brennspiritus auf einem Teppich. Übrig bleibt eine kreisrunde, klar sichtbare Einbrennung. Aber in Thürigens Wohnung sind solche Spuren nirgends nachzuweisen. Und auch sonst ist an dem Fall einiges merkwürdig: Wie etwa konnte sich das Feuer vom Wohnzimmer bis an die entfernte Flurwand ausbreiten?

Das Feuerexperiment

Entweder gab es im Flur eine zweite Brandausbruchstelle, wie vom LKA behauptet, oder das Feuer ist auf andere Art dorthin gelangt. Ob das möglich ist, testen wir in einem zweiten Experiment. Dr. Jürgen Hupfeld simuliert nun für Terra Xpress den Verlauf des Feuers. Beim Versuchsaufbau berücksichtigt er die Spuren am Tatort sowie die Aussagen des Angeklagten. Danach soll das Feuer im Wohnzimmer ausgebrochen sein und sich über den Flur verbreitet haben. Im Container wird daher der lange Flur mit Tür und einer Holzwand nachgebaut. Dann beginnt die Feuerprobe. Ein Feuerwehrmann öffnet die Tür zum brennenden Raum. So war es in dem Moment, als die Verglasung der Wohnzimmertür durch die Hitze zersprang.

Brandexperiment im Container
Brandexperiment im Container Quelle: ZDF

Durch die Ausbreitung des heißen Rauchgases geht alles ganz schnell: Es kommt zu einer plötzlichen Ausweitung des Feuers. An der Decke sind mit einem Schlag 900 Grad erreicht. In Sekundenschnelle entzündet sich die gegenüberliegende Wand. Hinzu kommt: Die Hitze reflektiert zwischen der Wand und der Holztür. Dort misst die Wärmekamera jetzt fast 600 Grad. Das ist genug Hitze, um das Holz zu entzünden. Für Jürgen Hupfeld ist die Sachlage klar: Im Flur muss keine zweite Brandausbruchsstelle sein. Das Feuer kann sich allein durch die Hitze ausbreiten.

Nur ein Brandherd

Frank Thürigen hofft auf Entlastung und dass das Recht diesmal auf seiner Seite ist. Er hat nur noch diese eine Chance. Im Verfahren bezieht der Gutachter klar Position: In Thürigens Wohnung gab es keine sechs durch Brennspiritus entzündeten Brandherde! Nach Dr. Hupfelds Auswertung gab es nur einen Brandausbruchsbereich, der sich an der Fensterseite zur Straße befand. Der Gerichtsgutachter ist sicher, dass die Nachtspeicherheizung das Feuer verursacht hat. Und das sieht auch das Gericht so. Fünf Jahre musste Frank Thürigen für seine Unschuld kämpfen. Nach diesem Freispruch kann endlich neu beginnen.

Doch was hat es auf sich mit den Spuren von Brennspiritus, die fast sein Leben ruiniert hätten? Die Akte Thürigen ist kein Einzelfall. In nur vier Jahren ermittelt das LKA Berlin gegen eine ganze Serie von Brandstiftungen mit Brennspiritus. 196 Fälle sollen es gewesen sein. In anderen Bundesländern sind es im gleichen Zeitraum aber viel weniger. In all diesen Fällen wurde die Brandursache nicht ausreichend untersucht. Bei weiteren Nachforschungen kommt schließlich heraus: Verbrennt Holz, bleiben die gleichen Substanzen zurück wie bei Brennspiritus. Eine verblüffende Erkenntnis, die einige Berliner vor dem Gefängnis rettet.

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