Wanderparadies mit Tücken

Am Wattenmeer haben die Rettungskräfte im Sommer jede Menge zu tun. Viele Urlauber unterschätzen die Geschwindigkeit, mit der das Wasser bei Flut aufläuft. Und das kann lebensgefährlich werden. Welche Gefahren bei einer Wattwanderung lauern, erfahren zwei sportliche Männer bei einem Test für Terra Xpress am eigenen Leibe.

Das Wattenmeer der Nordsee erstreckt sich über 5000 Quadratkilometer entlang der deutschen Küsten. Mit 450 Kilometern Länge und bis zu 40 Kilometern Breite ist das größte Biosphärenreservat Deutschlands ein wahres Paradies für Wattwanderer. Wenn der Wasserpegel bei Ebbe um bis zu vier Meter fällt, können sie trockenen Fußes kilometerweit über den Meeresgrund der Nordsee spazieren. Doch zweimal pro Tag holt sich die Flut das Watt wieder zurück, und dabei geraten immer wieder Urlauber in Lebensgefahr.


Ein anstregender Marsch

Jojo und Dennis
Jojo (l.) und Dennis wagen eine Wattwanderung bei beginnender Flut

Die beiden sportlichen jungen Männer Jojo und Dennis glauben jedoch, dass alles eine Frage von Kondition und Aufmerksamkeit ist und wollen den Beweis bei einer Wattwanderung antreten. Jojo beschließt, ganz gemütlich durch's Watt zu wandern. Er meint, notfalls auch weglaufen oder schwimmen zu können, wenn die Flut ihn erwischt. Dennis dagegen hat vor, zügig zu marschieren. Beide glauben, dass es anstrengend wird, vertrauen aber auf ihre Fitness. Sie müssen etwa viereinhalb Kilometer in Richtung Küste laufen. Dafür haben sie höchstens drei Stunden Zeit, denn dann steht das Wasser schon einen Meter 80 hoch.

Eine der Schwierigkeiten auf ihrem Weg sind die so genannten Priele. Das sind Wattrinnen, die bei Ebbe trocken sind, bei Flut aber sehr schnell volllaufen und zu teilweise zwei Meter tiefen Flüssen mit starker Strömung anwachsen. Das Tückische dabei ist, dass das Wasser im Watt von den Seiten kommt. Man kann also eine lange Zeit laufen, ohne etwas zu bemerken, und dann kommt der Wanderer zu einem vollgelaufenen Priel, der ihm den Weg abschneidet.

Die Flut kommt

Dennis beim ersten Priel
Dennis beim ersten Priel

Auch wenn sich Jojo und Dennis ihrer Sache sicher sind, werden sie die ganze Zeit von Ralf Hofmann-Kramer und Rettungskräften der DLRG (Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft e.V.) begleitet. Um Punkt 18.00 Uhr beginnt der Wasserspiegel zu steigen. Doch das ist für die beiden noch nicht zu sehen. Dennis gibt ein stattliches Tempo vor, denn er will trocken zum Ufer kommen. Jojo dagegen schlendert in Begleitung des Wattführeres gemütlich, wie Wattwanderer, die auf ihrem Spaziergang die herannahende Flut vollkommen vergessen. Herumliegendes Strandgut fesselt seine Aufmerksamkeit mehr als die bereits volllaufenden Priele. Er ahnt nicht, dass er wertvolle Zeit vertrödelt.


Dennis hat sich längst abgesetzt, aber schon im ersten Priel bekommt er nasse Füße, und nach einer halben Stunde Marsch reicht ihm das Wasser bereits bis zu den Waden. Trocken kommt er nicht an Land. Der forsche Gang durch das Wasser kostet zudem viel Kraft. Er zeigt erste Ermüdungserscheinungen. Die Füße werden schwerer, da sich die Schuhe mit Wasser füllen. Bald sind nicht nur die Priele, sondern auch die Sandbänke vom Wasser voll bedeckt.


Vom Wasser eingekreist

Jojo und Wattführer
Jojo und dem Wattführer geht das Wasser bereits bis zu den Knien.

Das bringt auch Jojo zum Nachdenken. Das Problem bei Flut im Watt ist, dass beim Wandern irgendwann die Kräfte nachlassen. Zunächst fühlt man sich noch stark genug, doch dann wird es zunehmend schwieriger, gegen den Widerstand des Wassers zu laufen. Jojo muss noch rund vier Kilometer in zweieinhalb Stunden hinter sich bringen.

Auch für Dennis wird es eng. Der zweite Priel ist ebenfalls vollgelaufen. Das Wasser kommt nicht nur hinter seinem Rücken immer näher, es steigt bereits direkt vor ihm. Der nächste vollgelaufene Priel schneidet ihm den Weg ab. Auch Jojo ist vom Wasser eingekreist. Der Priel, in dem er steckt, wird immer größer. Zudem erschweren starke Strömungen das Laufen. Das Wasser steht ihm fast bis zu den Hüften. Bis zur Küste sind es noch dreieinhalb Kilometer.

Die Lage wird kritisch

Jojo wird aus dem Wasser ins Boot gezogen
Jojo gibt auf und wird vom DLRG aufgefischt.

Jojo fällt es immer schwerer, Kurs auf die Küste zu halten. Er hat das Gefühl, eher vom Land wegzulaufen, als darauf zuzulaufen. Der Grund ist, dass ihn die starken Strömungen im Prielwasser von seiner geraden Route abtreiben. Er läuft im Zick-Zack, und seine Kräfte schwinden: Die Beine werden kälter, und die Kälte zieht in den ganzen Körper. Seine Lage wird zunehmend prekär. Bald steht ihm das Wasser bis zur Brust, und er muss schließlich schwimmen. Doch Jojo will noch nicht aufgeben und kämpft weiter gegen das Wasser. Im nächsten Prielbereich kommt die Querströmung dazu, die ihn viel Kraft kostet. Für Jojo ist Endstation. Zwei Kilometer vor der Küste muss er nach zweieinhalb Stunden aufgeben.

Dennis läuft einen Kilometer vor Jojo. Doch einfacher ist es für ihn deswegen nicht. Nach zwei Stunden sind alle Priele übergelaufen. Das gesamte Watt ist jetzt von einer geschlossenen Wasserfläche überzogen. Auch er hat Orientierungsprobleme. Rings um ihn ist nur Wasser. Von seinem anfänglich hohen Schritttempo ist nichts mehr übriggeblieben. Er läuft auf Zehenspitzen, und irgendwann geht auch das nicht mehr. Danach bleibt ihm nichts mehr anderes übrig, als mitten durch die starke Querströmung zu schwimmen.

Rettung aus dem Watt

Nur noch 800 Meter trennen Dennis vom rettenden Ufer. Aber selbst für diese kurze Strecke fehlt ihm die nötige Kraft. Selbst für einen durchtrainierten Sportler wie Dennis sind diese Strapazen zu viel. Nach drei Stunden im Watt und nur noch 800 Meter vor dem Ziel ist für Dennis Endstation. Ohne die Rettungskräfte wäre er jetzt im eiskalten Wasser verloren.

So wie Dennis und Jojo ergeht es jedes Jahr vielen Wattwanderern, die das Tempo der herannahenden Flut und die Gefahr von Prielen unterschätzen. Alleine die DLRG muss in jeder Saison rund 50 Menschen aus dem Watt retten.

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