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"Eine sehr spannende Wahl"

Bettina Schausten zur Bundestagswahl

Die Leiterin des ZDF-Hauptstadtstudios im Interview.

Hermann Orgeldinger: Frau Schausten, wie spannend ist die diesjährige Bundestagswahl in Ihren Augen?

Bettina Schausten: Es ist eine sehr spannende Wahl, wie ich finde, weil es eben ein knappes Rennen zwischen den politischen Lagern ist. Und eine knappe Wahl hat immer eine ganz eigene Dynamik, auch am Wahlabend. Wir wissen eben nicht, ob es noch einmal reicht für Union und FDP. Und wenn das nicht der Fall ist, in welcher Kombination es dann weiter geht.

Entsprechend spannend sind auch die Wochen vor der Wahl. Da wird der Wahlkampf dann auch so richtig heiß …

Der richtig heiße Wahlkampf beginnt Ende August. Und hat dann den ersten Höhepunkt sicherlich mit dem „TV Duell“, wo die Kanzlerin und der Herausforderer unmittelbar aufeinander treffen. Wir haben im Moment ja die interessante Situation, dass die Kanzlerin konsequent vermeidet, auch nur den Namen des Konkurrenten in den Mund zu nehmen. Im TV-Duell wird sie sich Peer Steinbrück und seinen Argumenten aber stellen müssen, und er wird sicherlich die Gelegenheit nutzen und auf Attacke schalten.

Peer Steinbrück hat einen eher schwachen Start hingelegt. Manche glauben bereits, dass er nicht der richtige Kandidat für die SPD ist …

Peer Steinbrück hatte einen schwierigen Start. Er hat lange gebraucht, bis er sich wieder gefangen hatte. Mein Eindruck war, dass das in den letzten Wochen vor der Sommerpause gelungen ist. Da hat er der Kanzlerin im Bundestag schon ordentlich Paroli geboten. Das wird der Ton sein, den wir in den letzten drei Wochen des Wahlkampfs von ihm hören werden. Da wird es schon zur Sache gehen, auch mit deutlichen Angriffen auf Angela Merkel. Aber ich glaube, darin liegt auch eine Schwierigkeit für Peer Steinbrück, dass er dabei die Balance halten muss, um nicht über das Ziel hinaus zu schießen. Denn wenn seine Kritik an Merkels Politik als zu unfreundlich und unhöflich empfunden wird, dann werden die Wähler ihm das vermutlich nicht zu Gute halten.

Sie haben ein Porträt über die Kanzlerin gedreht: „Macht Mensch Merkel“ wurde am 13. August ausgestrahlt. Wie haben Sie Angela Merkel erlebt?

Ich glaube, dass Angela Merkel die Ausgangslage für diese Bundestagswahl sehr nüchtern und sehr klar analysiert hat. Und diese Ausgangslage ist knapp. Ich glaube nicht, dass sie sich bei allen guten Umfragewerten, die sie selbst vorzuweisen hat, und bei der Umfragen-Schwäche ihres Herausforderers dazu verleiten lässt, zu sagen: „Die Wahl ist schon gelaufen!“ Das, glaube ich, tut diese Kanzlerin nicht. In den letzten fünf Wochen wird sie rund 60 Wahlkampf-Auftritte absolvieren. Sie wird mit aller Kraft Wahlkampf machen, eben weil ihr sehr bewusst ist, dass das Rennen zwischen den politischen Lagern längst nicht gemacht ist.

Glauben Sie, dass Angela Merkel die schwarz-gelbe Koalition fortsetzen wird?

Ich glaube, auch wenn es mit nur wenigen Mandaten eine Mehrheit gibt, wird sie die schwarz-gelbe Koalition fortsetzen, so schwer es dann auch werden dürfte, Politik zu gestalten. Schwarz-gelb hat sich jetzt vier Jahre aneinander gewöhnt, mit immensen Anfangsschwierigkeiten, wie wir ja alle erlebt haben. Aber das bleibt dann schon die Konstellation, in der Merkel sicher ist, das Meiste durchsetzen zu können. Die Erfahrung mit einer großen Koalition hat sie bereits gehabt. Von den Wählern, den Bürgern wird diese Koalition zwar häufig gewünscht, politisch ist sie aber schwierig. Und die SPD hat ausgesprochen schlechte Erfahrungen mit der großen Koalition gemacht. Wenn sie überhaupt wieder in eine solche eintreten würde, geht das eigentlich nur, wenn das SPD-Ergebnis nicht zu schwach ist, um halbwegs auf Augenhöhe zu bleiben.

Eine schwarz-grüne Koalition wird sie wohl eher nicht eingehen, oder was denken Sie?

Ich glaube, dass Journalisten eine solche Kombination mögen, weil es eine neue Konstellation wäre, die ja auch politisch durchaus einen Reiz haben könnte. Aber realistischer Weise muss man doch sagen, dass es bisher zu wenig Erfahrungen mit schwarz-grün auf Länderebene gibt. Das wäre aber die Voraussetzung dafür, dass so etwas im Bund funktionieren könnte. Aber man weiß es nie. Es kann plötzlich eine Situation geben, da scheint nichts anderes mehr möglich, und dann gibt es Gespräche, zwischen Union und Grünen. Aber ich halte es für ziemlich unwahrscheinlich.

Wann entscheiden sich die Wähler, welchem Kandidaten sie ihre Stimme geben?

Die Wähler entscheiden sich immer später, viele erst in der Wahlkabine am Wahlsonntag. Das macht es natürlich auch für die Demoskopen immer schwieriger, etwas vorauszusagen. Auch in den letzten Tagen vor der Wahl kann es immer noch einen gewissen Swing geben, und wir haben ja jetzt die Situation, dass es eine Woche vor der Bundestagswahl noch eine Bayern-Wahl gibt. Und diese Landtagswahl in Bayern kann natürlich noch bestimmte Effekte bewirken.

Ab wann wissen Sie am Wahlabend selbst, wie die Prognosen aussehen?

Alle Umfrageinstitute arbeiten an diesem Tag mit den „Exit Polls“. Das sind die Umfragen, die unmittelbar vor den Türen der Wahllokale erhoben werden, wo die Bürger nach ihrer Wahlentscheidung gefragt werden. Ab dem Nachmittag zeichnen sich dann langsam erste Trends ab. Leider kommen dann häufig schon Zahlen in Umlauf und werden gehandelt wie Diamanten. Das ist alles sehr spannend, aber letztlich legen sich die Demoskopen erst sehr spät auf die endgültige Prognose fest. Ich habe schon Wahlen erlebt, bei denen mir während der Sendung und nur wenige Minuten vor 18.00 Uhr der Zettel mit der Prognose gereicht wurde.

Wie können sich die Wähler den Ablauf in den Parteizentralen vorstellen?

In den Stunden vor 18.00 Uhr laufen dort aufgrund der Trends schon die Telefone heiß. Es gilt zu klären: Was machen wir bei welchem Ergebnis? Mit welcher Botschaft treten wir vor die Wähler? Da möchte keiner kalt erwischt werden. Und trotzdem gibt es natürlich Wahlabende, da bleibt die Überraschung nicht aus. Wir erinnern uns an 2005, als Angela Merkel mit einem viel, viel höheren Ergebnis rechnete und dann bei 35,2 Prozent landete. Der Schock war ihr ins Gesicht geschrieben.
Interessant war: Kurz nach 18.00 Uhr reagierte Roland Koch für die Union damals auf das Ergebnis, das war bei uns im ZDF-Studio. Und nach dem ersten Satz war klar: Die CDU wird Angela Merkel trotz des schmalen Ergebnisses stützen. Man wird sie an dem Abend nicht für das schlechte Ergebnis zur Verantwortung ziehen. Also keine Revolution und kein Aufstand. Und das war dann sicherlich eine Linie, die vorher schon verabredet war.

Was wäre das schlimmste Ereignis am Wahlabend?

Das Schlimmste wäre, einen falschen Sieger auszurufen. Und deshalb muss ich als Moderatorin vorsichtig sein und immer dazu sagen, wenn etwas noch vorläufig ist: „Es ist nur eine Hochrechnung, es ist noch nicht das letzte Wort gesprochen.“ Wir haben es ja oft genug erlebt, dass Entscheidungen, gerade über mögliche Koalitionen, erst sehr spät an einem Wahlabend fallen.

Warum hat sich Bayern mit dem Wahltermin von der Bundestagswahl abgesetzt?

Die CSU will immer Eigenständigkeit zeigen gegenüber dem Bund, auch in diesem Punkt. Offenbar verspricht sich Horst Seehofer ein besseres Ergebnis, wenn es nur um Bayern und nicht um eine Doppelwahl geht. Da gibt es allerdings ganz unterschiedliche Meinungen, ob es nun schadet oder nutzt, mit dem Bund gemeinsam zu wählen. Jedenfalls wächst für Seehofer jetzt auch der Druck, dass er liefern muss. Es wird spannend sein, ob er die absolute Mehrheit für die CSU zurück gewinnen kann. Jedenfalls kann das Ergebnis der Bayern-Wahl in der letzten Woche vor der Bundestagswahl noch eine eigene Dynamik entfalten.

Die Landtagswahl in Hessen findet zeitgleich mit der Bundestagswahl statt. Wird die Berichterstattung etwas kleiner als sonst ausfallen?

Durch die Parallelwahl wird die Landtagswahl naturgemäß ein wenig in den Hintergrund rücken.
Aber auch in Hessen steht eine spannende Wahl bevor, denn es entscheidet sich: Gibt es einen Wechsel oder geht es weiter mit schwarz-gelb? Und die Sache ist nicht ausgemacht. Von daher werden wir sicherstellen, dass wir am 22. September auch immer einen ausführlichen Blick nach Wiesbaden werfen.

Das Interview führte Hermann Orgeldinger/all4radio für das ZDF.

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