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Interview mit Matthias Jung

Forschungsgruppe Wahlen

Porträt Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen
Matthias Jung, Forschungsgruppe Wahlen Quelle: ZDF / Wolfgang Lehmann

Hannes Brühl: Herr Jung, wie spannend ist so ein Wahljahr für Sie und Ihre Kollegen?

Matthias Jung: Spannend ist es natürlich schon. Vom Ergebnis her und auch, ob alles klappt. Aber man muss natürlich sehen - für uns ist es einer schon vor vielen Monaten begonnener, langwieriger Prozess, der viel mit Organisation und Management zu tun hat.

Wie muss man sich das vorstellen? Wie ist die Strukturierung in so einem Wahljahr?

Im Prinzip fangen wir schon fast ein Jahr vor einem Wahltermin an, in dem wir uns die Daten beschaffen, wie die einzelnen Stimmbezirke bei der vorausgegangenen Wahl gewählt haben. Danach wird aus diesen alten Daten eine Stichprobe für unsere Aktivitäten am Wahltag gezogen, sowohl für die Befragung, die wir vor den Wahllokalen durchführen, als auch für die Hochrechnungen, wo wir dann Mitarbeiter in die einzelnen Wahllokale entsenden.

Was sich viele, immer wieder fragen: Wie schaffen Sie es zum Beispiel, die 18-Uhr-Prognose ziemlich genau zu ermitteln? Die ist ja oft nahe dem Endergebnis.

Die Prognose, die wir im ZDF um 18 Uhr senden, beruht natürlich nicht auf einer telefonischen Umfrage schon lange vor dem Wahltermin, sondern ist das Ergebnis der Befragung, die wir in einer zufälligen Stichprobe von Wahllokalen im gesamten Bundesgebiet durchgeführt haben. Das sind so ungefähr 600 zufällig ausgewählte Stimmbezirke über alle Länder verteilt, wo wir Interviewerinnen und Interviewer hin entsenden, die den ganzen Tag über, wenn die Menschen – auch da wieder eine zufällige Auswahl von Wählerinnen und Wählern - gerade ihre Stimme abgegeben haben, beim Verlassen des Wahllokals befragen, ihnen einen kurzen Fragebogen übergeben. Dieser wird dann im Laufe des Tages jeweils ausgewertet und damit dann die 18 Uhr Prognose erstellt.

Das heißt, man kann davon ausgehen, dass die Leute auf dem Fragebogen auch nur das antworten, was sie eine Minute vorher in der Wahlkabine angekreuzt haben.

Ja, davon kann man ausgehen, vor allem können wir sozusagen Wahlverhalten messen, während wir bei den Umfragen davor am Telefon ja immer nur eine Wahlabsicht messen können und eine Minute, nachdem man gerade gewählt hat, weiß man auch noch, was man gewählt hat. Hier wird in der Tat auch immer sehr viel Wert auf die Anonymität gelegt. Die Wählerinnen und Wähler füllen selbst den Fragebogen aus, der Interviewer bekommt das gar nicht mit und sie werfen diesen einseitig ausgefüllten Fragebogen in eine Papp-Urne unserer Interviewerinnen und Interviewer und die wird dann alle paar Stunden geleert, so dass überhaupt nicht klar ist, wer welches Votum abgegeben hat.

Wie viele Befragungen werden an diesem Wahlsonntag durchgeführt für die Prognose?

Am Wahlsonntag rechnen wir in den Wahllokalen für die Bundestagswahl je nach Wahlbeteiligung in einer Größenordnung von 35.000 bis 40.000 Interviews, die wir da den Tag über machen.

Wie viele Interviewer sind da im Einsatz?

Wir haben so alles in allem knapp 1500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Einsatz und es ist in der Tat hauptsächlich eine logistische Arbeit. Viele glauben ja, dass dafür viel Mathematik und Statistik notwendig ist. Das ist vergleichsweise einfach. Die Hauptprobleme sind, dass die Interviewerinnen und Interviewer in den richtigen Wahllokalen mit dem richtigen Fragebogen sind, alles Material vorhanden ist, dass sie alle in den Schulungen eine Woche vorher waren und dass sie immer ein freies Telefon finden, um das Ergebnis durchgeben zu können und viele andere organisatorische Sachen, die eigentlich im Kontext einer Wahl das sind, was unser Hauptgeschäft fast ausmacht.

Und bis wie viel Uhr werden Ihnen diese Fragebögen übermittelt?

Wir leeren unsere Papp-Urnen alle drei bis vier Stunden in einem bestimmten Rhythmus, damit wir die Telefonleitungen auch sinnvoll auslasten können und bekommen die letzten Interviews so um 18.00 Uhr rein. Wir befragen selbst bis 17.45 Uhr, um auch noch die letzten Wählerinnen und Wähler mitzubekommen und die Prognose um 18.00 Uhr erfasst dann so 98 Prozent aller Interviews, die wir am Tag über gemacht haben.

Nach der Prognose kommen die Hochrechnungen. Das ist wieder ein anderer Prozess?

Das ist dann ein fließender Übergang von der Wahltagbefragung zu den Hochrechnungen. Da haben wir wiederrum auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an der Auszählung in den Stimmbezirken teilnehmen. Die sind ja öffentlich und sobald der Wahlvorstand das Ergebnis der Auszählung in dem jeweiligen Wahllokal festgestellt hat, flitzen die wieder zum Telefon und geben uns die tatsächlich ausgezählten Ergebnisse durch, die wir dann entsprechend für das Land insgesamt hochrechnen, um dann ein Ergebnis zu erhalten, dass schon auf tatsächlich ausgezählten Stimmen beruht. Das Problem dabei ist allerdings, wie auch bei der Befragung am Wahltag, dass es sich dabei nur um Urnenwähler handelt und wir insbesondere in den städtischen Strukturen eine zunehmende Quote von Briefwählern haben, die uns erst dann später am Abend auszählungstechnisch zur Verfügung stehen.

Mal Hand aufs Herz: Schauen Sie auch immer mal wieder auch auf die Zahlen der Konkurrenz oder sind Sie fokussiert auf die Zahlen der Forschungsgruppe?

Nein, wir beobachten natürlich alles, was wir veröffentlichen und nicht nur das, was in den Sendern stattfindet. Wir haben auch einen Beobachtungsdienst, der in den verschiedenen sozialen Netzwerken schaut, was da vor Ort stattfindet. Weil manchmal - gerade wenn sich am Schluss herausstellt, dass einige Wahlkreise noch fehlen - bekommt man von dem einen oder anderen Twitterer vor Ort nochmal Informationen, warum es da irgendwo klemmt. Auch da haben wir den ganzen Abend die Augen und die Computer und die verschiedenen Einrichtungen offen, um mitzubekommen, was irgendwo im Land stattfindet.

Haben soziale Netzwerken, die es ja vor 10 Jahren noch nicht gab Einflüsse?

Die Einflüsse der sozialen Netzwerke auf die Wahlentscheidung; ich bin eher skeptisch, dass die so hoch sind. Es ist zwar jetzt eine große Mode, zu schauen, was da stattfindet. Wenn Sie mal bedenken, dass bei den über 60-Jährigen, die ja inzwischen fast ein Drittel der Wählerschaft stellen, gerade mal die Hälfte überhaupt über einen Internetzugang verfügt, können Sie sich vorstellen, wie schief eigentlich alles ist, was man aus den entsprechenden Internetdiensten nimmt. Wenn man dann auch mal berücksichtig, wer auch wirklich aktiv in den Bereichen ist, handelt es sich dann doch um eine sehr untypische Gruppe und wenn man zu arg auf die schielt, dann trifft man mit Sicherheit das Ergebnis nicht richtig.

Kann man eigentlich taktisch wählen aus Ihrer Erfahrung, hat der Wähler diese Macht?

Ja, das taktische Wahlverhalten in Hinblick auf die Optimierung Richtung einer bestimmten Koalitionsvariante - da muss man sagen, nimmt im Vergleich zu den Wahlen in der Vergangenheit deutlich zu. Wir sehen es insbesondere an den Effekten, an den Swings, die in den letzten Tagen vor der Wahl noch stattfinden. Die politischen Lager, also CDU plus FDP auf der einen Seite oder SPD und Grüne auf der anderen Seite, die bleiben in der Größenordnung relativ unverändert. Was sich allerdings wenige Tage vor der Wahl sehr oft noch verändert, ist der Swing innerhalb der Lage, wie wir es zum Beispiel 2009 erlebt haben, von der CDU zur FDP oder eben halt auch mal in der umgekehrten Richtung, insbesondere 2002 bei der Bundestagswahl. Da können sich noch die ein oder anderen Prozente bewegen und aus diesem Grund werden wir auch bei der Bundestagswahl in diesem Jahr zum ersten Mal auch nochmal in der Woche vor der Wahl am Donnerstag die Umfragen der aktuellen Woche veröffentlichen, die wir schon immer erheben, die aber bisher immer unter Verschluss geblieben sind.

Wie stolz sind Sie, wenn Sie mit der Prognose schon sehr richtig gelegen haben?

Es ist natürlich klar; wenn man einen Volltreffer gelandet hat, dann hat man sinnvollerweise sehr viel Adrenalin verbraucht und ist dann anschließend ziemlich happy, wobei wir natürlich wissen, dass die Erwartungen, die an uns gestellt werden, was die Präzision angeht, die wir ja zum Glück meistens erfüllen können, eigentlich durch die statistischen Gesetze in diesem Maße nicht gerechtfertigt sind. Die Zufallsfehler, die bei Stichproben nun mal zwangsläufig entstehen, die müssten uns eigentlich fast viel öfter einen Strich durch die Rechnung machen, als es der Fall ist. Also wir wissen sehr wohl, dass so ein Volltreffer jetzt nicht nur eigene Fähigkeiten als Grundlage hat, sondern eben auch ein Stück weit dem Zufall geschuldet ist, dass man so nahe an das tatsächliche Ergebnis herankommen kann, wenn man einen Volltreffer landet.

Wie läuft für Sie so ein Wahlsonntag, so ein Wahlabend ab? Sie sind ja auch der, der vor die Kamera tritt und aktuelle Zahlen verkündet. Wie kann man sich so einen Tag vorstellen?

Ich fange erst so am Sonntag gegen zwei Uhr an, dann nochmal ins Studio kommen und alle Programme mal nochmal checkt und den Betrieb aufnimmt, aber Kolleginnen und Kollegen sind natürlich schon viel, viel früher am Tag zu Gange und es wird dann eben halt immer hektischer mit Herannahen des 18 Uhr Termins, weil man dann ja nochmal sehr just in time seine Prognose nochmal korrigieren kann und muss und letztlich dann wenige Minuten vor 18 Uhr dann dem Moderator handschriftlich den Zettel mit den Prognosezahlen nochmal dazwischen in der Sendepause wenn er gerade nicht auf Sendung ist, rüber schiebt und dann haben wir in der Tat zwei Stunden Stress, bis dann sich die Hochrechnungen so stark stabilisiert haben, dass wir davon ausgehen können, dass auf der Basis dann der Sack zu ist, wie wir sagen, wenn nicht gerade so eine Konstellation entsteht wie zuletzt in Niedersachsen, wo das Wahlergebnis, auch das machtpolitische Wahlergebnis erst feststand, nachdem wirklich die letzten Stimmen ausgezählt waren, weil es einfach zu knapp war.

Also eine unglaublich spannende Geschichte für Sie und alle Beteiligten?

Man macht das jetzt natürlich auch schon länger, insofern hat man schon sehr viel Routine. Aber letztlich ist es doch immer wieder so, dass man anschließend schweißgebadet in den sowieso meistens durch die vielen Scheinwerfer viel zu heißen Wahlstudios den Abend beendet.

Die Fragen stellte Hannes Brühl / all4radio für das ZDF.

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