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Peter Frey zur Bundestagswahl

Der ZDF-Chefredakteur im Interview

Hermann Orgeldinger: Herr Dr. Frey, am 22. September wird der 18. Deutsche Bundestag gewählt. Ist die Wahl in diesem Jahr aus Ihrer Sicht etwas Besonderes?
Peter Frey: Jede Bundestagswahl ist besonders. Das ZDF hat als Massenmedium die Aufgabe, die Leute für Politik zu interessieren und auch klarzumachen, worüber entschieden wird. Wer steht wofür? Welche Themen stehen im Vordergrund? Und wenn man die abnehmende Wahlbeteiligungen bei den letzten Wahlen bedenkt, wird deutlich: Wir haben die Aufgabe, die Menschen zu motivieren, ihr Wahlrecht wahrzunehmen.

Das ZDF hat dieses Jahr sehr früh mit der politischen Berichterstattung vor der Bundestagswahl begonnen. Mit einer Vielzahl an Sendungen. Wie motivieren Sie Ihre Zuschauer, zur Wahl zu gehen?
Es ist ein breites und sehr vielfältiges Angebot mit vielen neuen Formaten. Wir versuchen dieses Mal, so intensiv wie noch nie, unsere Zuschauerinnen und Zuschauer auch zum Mitmachen, zur Beteiligung, zur Diskussion einzuladen, natürlich vor allem über die Sozialen Medien. Ich will mal ein Beispiel nennen: den ZDFcheck. Wir untersuchen bestimmte Aussagen von Politikern im Wahlkampf und prüfen, ob stimmt, was sie sagen. Das erledigen nicht alleine unsere Experten in den Redaktionen, sondern wir beziehen die Öffentlichkeit mit ein. Im Prinzip kann jeder mitmachen .Wir sind hocherfreut über die Substanz der Beiträge, die uns erreichen. Für jeden Check bekommen wir Dutzende von fachkundigen Einträgen auf unserer Website. Deshalb konnten wir schon im ein oder anderen Fall ein eindeutiges „Jawohl, stimmt“ – auch wenn man es anfangs nicht glaubte –, aber in bestimmten Fällen auch ein „stimmt nicht“ oder „stimmt so nicht“ vergeben. Spannend!

Wie wichtig ist das Medium Fernsehen für die Bundestagswahl?
Das Fernsehen ist bestimmt noch viele Jahre weiterhin das Leitmedium. Das wird man vor allem am Abend des TV-Duells sehen, wo wir mit großer Sicherheit eine zweistellige Millionenzahl von Zuschauern erwarten können. Trotzdem hat das Fernsehen seine Monopolstellung ein Stück weit verloren. Es ist schon interessant, was im Internet an Vertiefung, Zuspitzung, Ironie geschieht, aber auch wie das Internet bestimmte Themen in die Debatte hineinspülen kann. Diese Art der Beteiligung, die Haltung, die Öffentlichkeit nicht mehr allein den Journalisten und den Politikern zu überlassen, sondern sich als Bürger aktiv mit einzubringen, das hat den Wahlkampf sehr verändert. Insofern ist es ein ganz besonderer Wahlkampf, der auf Schnelligkeit, auf direkte Reaktion und auch auf Mitmachen beruht.

Sie gehen mit dem Politbarometer am Donnerstag vor der Wahl nochmals auf Sendung. So nah an der Wahl haben Sie das bisher noch nie gemacht…
Wir folgen damit ja dem, was unsere Mitkonkurrenten bei den anderen Medien schon tun. Die Forsa-Umfragen werden zum Beispiel durch RTL und den Stern veröffentlicht. Die hochseriöse Frankfurter Allgemeine Zeitung bringt die Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach. Wir sind da eher lange Jahre zu zurückhaltend gewesen und preschen jetzt nicht nach vorne. Der Entscheidung liegt die Tatsache zugrunde, dass immer mehr Wähler sich spät entscheiden. Das heißt, Umfragen, die Daten verwenden, die 14, 12 oder zehn Tage alt sind, spiegeln eben nicht die Situation wider, die kurz vor der Wahl herrscht. Zweitens bereiten sich ja alle Umfrageinstitute und auch unsere Forschungsgruppe Wahlen auf den Wahlabend vor. Das heißt: Die Daten liegen vor und wir haben uns entschieden, dieses Wissen mit unserem Publikum zu teilen, es seriös, solide und zurückhaltend einzuordnen. Das ist keine Prognose für den Wahltag, sondern es ist eine Momentaufnahme, wie die Menschen gewählt hätten, wenn sie eben am Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag vor der Bundestagswahl ihre Stimme abgegeben hätten.

Wie aufwändig ist diese Bundestagswahl für das ZDF?
Wir versuchen natürlich am Wahlabend überall in der Bundeshauptstadt und in München bei der CSU präsent zu sein, um die Stimmung in der Republik abzudecken. Den größeren Aufwand treiben wir aber in den Wochen davor, um all die unterschiedlichen Sendungen zu realisieren. Und ich verspreche Ihnen: das ZDF wird nicht in der Demoskopie stecken bleiben und die Politiker nur fragen: was wäre wenn... Wir werden auch nicht beim beliebten Sport stecken bleiben, Haltungsnoten zu vergeben, sondern wir werden Sachdebatten führen. Das tun wir in unseren großen Wahlforen, das tun wir aber auch mit einer ganzen Reihe von Dokumentationen, in denen wir uns zum Beispiel schon intensiv mit dem Gesundheitswesen in Deutschland befasst haben, die Energiewende thematisieren oder die Datensicherheit. Wir haben auch einen Film über die Kinderbetreuung im Programm. Wie ist die Lage Kitas wirklich in Deutschland? Wir finden, es gibt eine Reihe von politischen, gesellschaftspolitischen Fragen, bei denen die Auseinandersetzung lohnt. An diesen Punkten wollen wir Hintergrundinformationen für eine gut überlegte Wahlentscheidung beisteuern.

Wann werden Sie am 22. September den ZDF-Zuschauern sagen können, welche Partei die Wahl gewonnen hat und welche Koalition die wahrscheinlichste ist?
Wir werden an dem Abend um 20.15 Uhr auch die Spitzenkandidaten bzw. Parteivorsitzenden in der „Berliner Runde“ zu Gast haben und ich bin gespannt, ob sich dann schon abschätzen lässt, wer Sieger und Verlierer ist, wer wie vom Platz geht und wer mit wem anbandelt. Aber es kann auch sein, dass wir Tage warten müssen, bis wir wissen, wie die nächste Bundesregierung aussieht. Normalerweise war das in der deutschen Geschichte ja fast immer am Wahlabend klar. Möglicherweise werden wir jetzt einen Wahlabend erleben, an dem zwar die Ergebnisse von einzelnen Parteien feststehen, aber eben die Regierungskonstellation so noch nicht entschieden ist.

Das interview führte Hermann Orgeldinger/all4radio für das ZDF.

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