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Wo Armut Alltag ist

Leben in Bremerhaven-Lehe

Doku | 37 Grad - Wo Armut Alltag ist

Bremerhaven Lehe, hier sollen die Menschen mit den meisten Schulden leben. Von 37.500 Einwohnern ist jeder Dritte laut Schuldneratlas verschuldet. Viele sind arbeitslos und leben von Hartz IV. Wie lebt es sich in einem Stadtteil, in dem Armut Alltag ist?

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2017

Bremerhaven-Lehe ist auf den ersten Blick eigentlich kein "Klischee-Ghetto", es liegt mitten in der Stadt, mit hübscher Gründerzeit-Altbausubstanz. Doch Lehe hat eine traurige Berühmtheit erlangt: Hier sollen die Menschen mit den meisten Schulden in Deutschland leben. Der genaue Blick zeigt auch leere Häuser, bröckelnde Fassaden und verrammelte Türen, das Resultat einer umfassenden Entwicklung auch von verfehlter Politik: Viele Anwohner sind hier arbeitslos und leben von Harz IV, mitunter schon seit mehreren Generationen. Einen Ausweg aus dieser Spirale gibt es nicht - oder doch? Denn - obwohl das Leben hart ist - der Stadtteil zeichnet sich auch durch Menschen aus, die sich hier zu Hause fühlen, für die Resignation keine Option ist und die daran glauben, dass Lehe und seine Bewohner eine bessere Zukunft haben können. Wenn das Geld nicht reicht, dann treffen sie sich zum Beispiel bei der Tafel - hier gibt es Lebensmittel fast umsonst. Dort begegnen wir Heidi, Andrea und Frank, für die Armut Alltag ist, die trotzdem kämpfen und nicht aufgeben.

Exklusiv

Doku | 37 Grad - Armut in Deutschland

Wirtschaftswachstum, steigende Löhne, niedrige Arbeitslosigkeit - und trotzdem ist jedes fünfte Kind/Jugendliche von Armut betroffen.

Videolänge:
1 min
Datum:



Frank (51) ist Hartz-IV-Empfänger. Er ist froh, bei der Tafel endlich eine Beschäftigung für 1,30 Euro pro Stunde gefunden zu haben, denn zu Hause fiel ihm die Decke auf den Kopf. Wegen eines Bandscheibenvorfalls hat Frank seine Arbeit im Reinigungsgewerbe aufgeben müssen. Das war vor elf Jahren - seitdem hat er keine Beschäftigung mehr gefunden, war langzeitarbeitslos. Nun schleppt er Lebensmittel. Seine Frau Davina arbeitet auf Minijob-Basis bei einem Discounter. Die ganze Hoffnung der beiden ruht auf ihren Kindern Maximilian und Kimberly. "Man muss halt den Kindern nur beibringen, dass man auch anders leben kann, außer in dieser Armut", sagt Davina. Doch Sorgen macht gerade ihr Sohn Maximilian (11), der sich weigert, in die Schule zu gehen. Häufig verbringt der Junge die Nacht vor dem Computer, ist am Morgen zu müde, um aufzustehen und dem Unterricht zu folgen. Frank und Davina wollen nun alles tun, dass ihr Sohn den Weg zurück in die Schule findet. Denn Maximilian soll es ja mal besser haben.

Angst vor Obdachlosigkeit

Andrea (44) ist gelernte Einzelhandelskauffrau, sie lebt seit acht Jahren in Lehe, seitdem ist sie arbeitslos. Wie viele Menschen hier schlägt sie sich mit wechselnden Minijobs und Sozialhilfe durch. Andrea hat Kinder, zu denen sie kaum Kontakt hat, und das schmerzt sie sehr. Sie war nach der Trennung von ihrem Mann alleinerziehend, hatte schwere Depressionen, kam in eine Klinik und hat das Sorgerecht verloren. Andrea hofft, ihre Kinder wieder sehen zu dürfen, wenn sie eine eigene Wohnung hat. Denn Andrea wohnt in einer WG - seit einem Jahr sucht sie verzweifelt, aber fast alle Sozialwohnungen sind belegt. Die Wohnungssuche ist erschwert durch die Schulden. Die stammen aus ihrer Ehe, damals übernahm sie Kredite für die Geschäfte ihres Mannes. Mieter mit Schufa-Eintrag lehnen die meisten Wohnungseigentümer aber ab. Die Vergangenheit holt Andrea seitdem immer wieder ein. "Man möchte sein Leben verändern, aber bekommt immer wieder Steine in den Weg gelegt", sagt Andrea. "Das ist so wie mit Arbeit suchen, trotz Ablehnung heißt das weiter gucken, weiter gucken.

"Rentnerin Heidi (76) arbeitet ehrenamtlich in der Kleiderkammer der Tafel, von dort kann sie einmal die Woche Lebensmittel mitnehmen. Mit ihrer Rente könnte sie nicht überleben, deshalb bekommt sie Grundsicherung vom Staat. Heidi kennt das Leben aus vielen Perspektiven, auch aus besseren Zeiten, als Geld kein Thema war. Als junge Frau war sie mit einem Kapitän verheiratet. Sie reiste um die Welt, liebte elegante Mode und kümmerte sich um Haus und Kinder. Die Ehe wurde geschieden, Heidi musste neu anfangen, nahm ihr Leben selbst in die Hand. Sie übernahm einen Imbiss, doch der ging nach acht Jahren pleite. So kam Heidi nach Lehe, der günstigen Mieten wegen. "Ich hab' immer meine Hände angeguckt, und wenn es eng wurde, hab' ich immer gesagt, du hast zwei Hände, du kannst putzen." Heidi ist stark sehbehindert, für ihr Alter hat sie einen sehnlichen Wunsch: irgendwann zur Ruhe zu kommen. Doch nun wurde ihr die Ein-Zimmer-Wohnung gekündigt - wegen Eigenbedarf. Die Vorstellung, nach 20 Jahren vielleicht obdachlos zu werden, macht der 76-Jährigen Angst.

37 Grad begleitet Menschen in Bremerhaven-Lehe, dem ärmsten Stadtteil Deutschlands, die sich trotz finanzieller Not nicht unterkriegen lassen.

Gregor Eppinger über seinen Film

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