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Mächtige Männer - Ohnmächtige Frauen?

Steinzeitliche Künstlerinnen, reiche Fürstinnen aus der Bronzezeit und Äxte schwingende Wikingerinnen gab es tatsächlich. Das zeigen immer mehr Funde und wissenschaftliche Untersuchungen.

Videolänge:
43 min
Datum:
12.07.2020
:
UT
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 12.07.2030

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Eine neue Forschergeneration deckt mithilfe modernster Analyseverfahren archäologische Irrtümer auf. Die klassischen Rollenbilder von Mann und Frau stehen auf dem Prüfstand und beginnen zunehmend zu bröckeln.

Immer mehr Fehlinterpretationen kommen ans Licht

Männer jagen, Frauen sammeln - das ist das Bild der Urgeschichte, wie es in Büchern und in Museen dargestellt wird. Der Mann als Jäger galt lange als der Haupternährer einer Familie und soll daher schon in den Anfängen der Menschheitsgeschichte an der Spitze der Gesellschaft gestanden haben. Falsch, sagen viele Forscher heute. Mit dieser Theorie haben frühe Archäologen lediglich den Status quo im 19. und frühen 20. Jahrhundert als "naturgegeben" postuliert. Doch nicht jedes Fundstück passte ins Bild, und mittlerweile kommen immer mehr Fehlinterpretationen ans Licht.

Ansicht eines offenen Grabes bei Nacht aus der Vogelperspektive. Mehrere Personen stehen um das Grab, manche von ihnen halten Schilde und Fackeln.
Die Beerdigung der Kriegerin von Birka muss ganz außergewöhnlich gewesen sein. Die mächtige Wikingerin wurde mit Schwertern, Kampfäxten und sogar Pferden bestattet.
Quelle: ZDF/Jens Boeck

Beispielhaft ist ein Fall in Stockholm: In der Wikingerstadt Birka entdeckten Archäologen zur Jahrhundertwende ein Grab mit Schwertern, Pferden, Pfeil und Bogen. Lange Zeit zweifelte niemand an der Identität dieses Wikingers. Er war ein Mann, ein Krieger - keine Frage. Doch rund 100 Jahre später deckten Forscher der Universität Stockholm den Irrtum auf. Erst vor Kurzem haben sie die Knochen mittels DNA-Analyse untersucht. Das Ergebnis: Das Grab gehörte einer Frau. Sofort hagelte es Kritik von Kollegen und Presse: Eine Wikingerin in einem Prunkgrab? Nicht vorstellbar! Mit noch mehr Aufwand wurde eine zweite Studie durchgeführt. Anthropologen, Archäologen, Biologen arbeiteten Hand in Hand und stellten schließlich zweifelsfrei fest: Im Grab lag eine Frau - und sie war eine Kriegerin.

Forscher gehen neue Wege

Und wenn sich bereits in die Interpretation der Wikingerkultur Irrtümer einschleichen, obwohl diese nur ein paar Jahrhunderte zurückliegt, wie sicher können dann Erkenntnisse sein, die sich auf die Steinzeit beziehen? Bisher ging die Forschung beispielsweise davon aus, dass Männer die Kunst erfunden haben. Die meisten Höhlenmalereien, zum Beispiel in der berühmten Höhle von Lascaux, werden bis heute als Jagddarstellungen oder als Beschwörung von Beutetieren gedeutet. Damit bietet sich der Jäger auch als Künstler an, denn wer wäre dem wild lebenden Tier sonst so nah gekommen, um es detailgenau abbilden zu können. Lange Zeit wurde diese Hypothese nicht angezweifelt, doch auch hier gehen einige Forscher neue Wege.

Grabungsstätte im chinesischen Xinzheng aus der Vogelperspektive.

An der Universität von Liverpool untersuchen der Archäologe Anthony Sinclair und der forensische Biologe Randolph Quinney Handabdrücke, die vor 35.000 Jahren ebenfalls in Lascaux hinterlassen wurden. Die Wissenschaftler nehmen an, dass die Künstler der Höhlenmalerei mit diesen Abdrücken ihre Signaturen hinterlassen haben.

Mehrere braune Handabdrücke auf einer hellen Höhlenwand.
In der Höhle von Chauvet haben steinzeitliche Künstler ihre Handabdrücke hinterlassen. Forscher sind heute sicher: Viele davon waren Künstlerinnen.
Quelle: ZDF/SYCPA - S. Gayet

Höhlenmalerei: viele Abdrücke von Frauen

Mit der Technik der geometrischen Morphologie vermessen Sinclair und Quinney die Handabdrücke aus den Höhlen, um sie mit den Handprofilen moderner Männer und Frauen zu vergleichen. Dabei ist nicht die Größe der Hände von Bedeutung, sondern geschlechtsspezifische Merkmale. Die Überraschung war groß, als sie nachweisen konnten, dass ein beachtlicher Teil der gefundenen Abdrücke von Frauen stammten. Anthony Sinclair kann sich das nur so erklären: "Die Kunst war zur Zeit der Entdecker eine männliche Domäne. Und wir nehmen ja gern unsere eigenen Vorstellungen und stülpen sie dem über, was wir sehen und wie wir es sehen."

Wissenschaftliche Methoden, die sonst vor allem in der Forensik zum Einsatz kommen, verhelfen Wissenschaftlern heute weltweit zu neuen Erkenntnissen. In der chinesischen Provinz Henan beispielsweise graben sich Archäologen durch die Überbleibsel aus mehreren Jahrtausenden. Schicht für Schicht tragen die Forscher übereinanderliegende Siedlungsreste und Gräber ab. Mithilfe der Isotopenanalyse lässt sich aus den Funden Lebensstil, Essgewohnheiten und sozialer Status der ehemaligen Siedler rekonstruieren.

Die Anthropologin Kate Pechenkina beugt sich über ein Skelett und bearbeitet es mit einem Pinsel.
Die Anthropologin Kate Pechenkina bei Ausgrabungen in der chinesischen Stadt Xinzheng. Ihre Forschung zeigt: Männer wurden erst ab der Bronzezeit prunkvoller begraben als Frauen.
Quelle: ZDF/Carsten Gutschmidt

Gleichgestellte Geschlechter vor der Agrarrevolution

Das Ergebnis war erstaunlich. Vor der Agrarrevolution, also dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht, im Übergang zur Bronzezeit, gab es keinen sozialen Unterschied zwischen Mann und Frau. Die Geschlechter waren offenbar gleichgestellt. Erst mit dem Aufkommen von Besitz änderte sich das Zusammenleben. Frauen wurden sozial abgewertet, bekamen weniger zu essen und wurden sogar von proteinreicher Nahrung wie Fleisch ausgeschlossen.

Weltweit gibt es noch viele Beispiele, wie neue oder neu interpretierte Funde den Blick auf die Geschlechterrollen verändern können. "Terra X" deckt wissenschaftliche Irrtümer auf, berichtet von aktuellen Grabungen und erzählt von den Wendepunkten, die tatsächlich zur Benachteiligung der Frau führten.

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