Es gibt mehr als 100 Millionen Seen. Sie sind Hotspots der Artenvielfalt und für den Menschen unverzichtbar. Meeresbiologe und "Terra X"-Moderator Uli Kunz taucht in diesen besonderen Lebensraum ein.
Meeresbiologe Uli Kunz erkundet die größten, tiefsten und außergewöhnlichsten Seen der Welt – vom Bodensee bis zum Baikalsee, von den afrikanischen Salzseen bis zu den amerikanischen Großen Seen. Was lebt in der Tiefe? Welche Mythen und Legenden gibt es? Wie entstehen Seen – und wie verändern sie sich im Laufe der Zeit?
Mehr als 20.000 Inseln
Die Reise beginnt in Schweden, dem Land der 100.000 Seen. Mit dem Kanu erkundet Uli Kunz den Vänern, den größten See im westlichen Europa. Der See beeindruckt mit mehr als 20.000 Inseln, sie bilden Europas größten Süßwasserarchipel. Wann und wie sind diese Seen entstanden? Was lebt in der Tiefe? Und welche Rolle spielt der Hecht, der größte Räuber im See? Und warum legt der Aal – ein besonders rätselhafter Fisch – einen Teil seiner Wanderung mit dem Taxi zurück?
Weiter geht es zu den Großen Seen Nordamerikas, wo Schiffswracks eine dramatische Vergangenheit erzählen. Bei Wind und Sturm können sich die Großen Seen in einen gefährlichen Ozean verwandeln. Fast 6000 Schiffe sind dort im Laufe der Jahrhunderte gesunken. In Kanada werden Seen gezielt belastet. Der Hintergrund: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erforschen dort Mikroplastik und Algenblüten.
Ökosysteme im Wandel
Ob als Trinkwasserquelle, Lebensraum oder Naturwunder: Seen sind dynamische Ökosysteme, die sich im stetigen Wandel befinden. Was das bedeutet, sieht Uli Kunz am Bodensee. Dort stellt eine kleine Muschel alles auf den Kopf stellt: Die Quagga-Muschel stammt ursprünglich aus dem Schwarzen Meer – und breitet sich als invasive Art massiv aus. Millionen Muscheln filtern Plankton und Nährstoffe aus dem Wasser, so dass andere Seenbewohner nicht mehr genug zu fressen finden.
"Ich bin auch in der kleinen Pfütze ziemlich happy und finde irgendwas, das mich begeistert."
Meeresforscher und "Terra X"-Moderator Uli Kunz im Interview
Sie sind Meeresbiologe und Forschungstaucher. Sind Seen für jemanden, der sonst in Meeren und Ozeanen unterwegs ist, nicht langweilig?
Seen sind für mich als Meeresbiologen nicht unbedingt langweilig, die Artenvielfalt ist nur auf den ersten Blick etwas geringer ist als in einem Meer. Deswegen war das am Anfang ein bisschen eine Herausforderung, da gute Aufnahmen hinzubekommen. Aber es geht ja natürlich nicht nur um die Tiere oder Pflanzen in so einem See, sondern eben auch um die Menschen, die an dem Gewässer leben und auch um die Ökosysteme, die einen wichtigen Einfluss auf uns haben.
Für die "Terra X: Faszination Wasser"-Doku über Seen sind Sie unter anderem zur Experimental Lakes Area, einem Freiluftlabor in Kanada, gereist. Was passiert dort genau?
Die sogenannte Experimental Lakes Area liegt relativ weit weg von der Zivilisation, mehrere Autostunden von Winnipeg entfernt, in einem Gebiet, in dem ganz viele kleine Seen im Wald versteckt sind. Dort haben Wissenschaftler ein ganzes Feld an Forschungsexperimenten aufgebaut, um herauszufinden, wie wir Menschen auf das Ökosystem See einwirken. Und dafür verschmutzen Wissenschaftlerinnen und Forscher einige dieser Seen tatsächlich absichtlich! Das war für mich als Biologen am Anfang sehr befremdlich. Es ist aber eine äußerst spannende Forschung und vor allen Dingen auch eine sehr wichtige Forschung.
Wie kann man sich diese Arbeit vor Ort vorstellen?
Wir waren an einem Experiment beteiligt, bei dem Mikroplastik ins Wasser gekippt wird. Da fahren Forscherinnen und Forscher mit kleinen Booten über den See und kippen kiloweise feines Plastikpulver ins Wasser. Das wird mit einem kleinen Propeller verwirbelt und lagert sich dann je nach Kunststoff-Art entweder im Sediment ab oder schwimmt an der Oberfläche. Und darüber können Forscher in den nächsten Jahren ganz wichtige Aussagen treffen, wie dieses Plastik auf die Nahrungskette einwirkt. An einem anderen See wurde schon vor mehreren Jahrzehnten herausgefunden, dass zum Beispiel die Waschmittel, die wir verwenden, einen negativen Einfluss auf Seen und ihre Ökosysteme haben und zur Überdüngung beitragen. Das heutige Verbot von Phosphaten in Waschmitteln beruht auf dieser Forschung
Invasive Arten sind eine zunehmende Bedrohung. Gilt das auch für Seen?
Seen als Ökosystem sind ja relativ abgeschlossene Bereiche. Natürlich haben sie einen Zufluss und den Abfluss an vielen Stellen, aber sie sind eben isolierter als zum Beispiel ein ganzer Ozean. Und wenn man sich vorstellt, dass da an einer Stelle eine invasive Art eingeschleppt wird, dann kann so ein Organismus innerhalb von kurzer Zeit eine große Bedrohung darstellen. Im Fall des Bodensees überzieht die Quagga-Muschel das ganze Sediment an vielen Stellen und verdrängt so die einheimischen Arten.
Sie sind für die "Terra X"-Folge über Höhlen in den Ausläufern einer der wahrscheinlich tiefsten Höhlen Europas bei Berchtesgaden getaucht, waren in Tropfsteinhöhlen in Mexiko. Wie fühlt man sich in einer wassergefüllten Höhle?
Für viele Menschen, die klaustrophobische Zustände haben, ist das garantiert nichts. Aber ich fühle mich in wassergefüllten Höhlen pudelwohl, weil ich einfach weiß: Ich habe eine gute Ausbildung, eine gute Ausrüstung und eben auch ein gutes Team, auf das ich mich verlassen kann. Und dann kann ich so eine Höhle, so einen Ort, der unglaublich selten von Menschen besucht wird, wirklich genießen.
Für diese Folge waren wir in teilweise wunderbaren Höhlen tauchen, die für mich zu den spektakulärsten Orten unter Wasser überhaupt gehören. Die Höhlen in Mexiko beispielsweise sind Tropfsteinhöhlen, die vom Allerallerfeinsten dekoriert sind. Da ist wirklich teilweise jeder Quadratmeter mit Dutzenden von diesen Säulen und kleinen Stalagmiten und Stalaktiten überzogen. Das ist ein absoluter Genuss, dort hindurch zu tauchen. Da bleibt man mehrere Stunden nach dem Tauchgang noch sprachlos zurück.
Wie kann man sich einen Arbeitsalltag bei Ihnen vorstellen?
Mein Arbeitsalltag als Meeresbiologe und Forschungstaucher besteht eigentlich immer aus einer sehr großen Portion Flexibilität und Geduld. Teilweise verbringe ich mehrere Stunden und Tage hintereinander am Rechner, um Genehmigungen einzuholen oder eben um Berichte zu schreiben, Vorträge vorzubereiten und Bilder und Videos zu bearbeiten. Aber dann geht es, wenn der Wind und das Wetter es erlauben, auch mal für mehrere Tage und Wochen nach draußen zur Feldarbeit, um unsere Forschung zum Beispiel in der Ostsee und Nordsee voranzutreiben oder um neue Berichte und Dokumentationen für "Terra X" zu drehen; teilweise an sehr abgelegenen Orten. Dort sind wir dann mehrere Tage auf uns allein gestellt und begleiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Woher kommt Ihre Faszination für Meeresbiologie?
Ich war schon als Kind sehr begeistert vom Wasser. Mein Vater hat mich dann zum Schnorcheln mitgenommen, zum Beispiel in die heimischen Seen oder in den Bodensee, später auch mal ans Mittelmeer. Ich war immer mit dem Kopf unter Wasser. Und tatsächlich ist es heute noch so: Ich bin auch in der kleinen Pfütze ziemlich happy und finde da irgendwas, was mich begeistert. Das zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich habe Meereskunde studiert, habe dann eine Ausbildung zum Forschungstaucher gemacht, um dieser Faszination weiterhin freien Lauf zu lassen.
Was haben Sie durch Ihre Arbeit unter Wasser gelernt?
Das eine ist, sehr viel Geduld zu haben – um auf Tiere oder besondere Lichtstimmungen zu warten. Das andere ist ein tieferes Verständnis für unsere Natur und unsere Umwelt. Als Biologe will ich verstehen, was da unter Wasser passiert und lasse nicht locker, bis ich einen kleinen Einblick in diese Welt bekommen habe – sei es im Süßwasser, im Salzwasser oder eben in Höhlen. Und da komme ich eigentlich immer mit zwei leuchtenden Augen an die Oberfläche und habe wieder was für mich gelernt.
Worüber freuen Sie sich jedes Mal wieder, wenn Sie tauchen?
Ich persönlich bin ein großer Freund von den Freaks und Nerds im Tierreich. Also je kleiner und unscheinbarer etwas auf den ersten Blick ist, desto mehr inspiriert mich das, ein gutes Foto mit nach Hause zu nehmen und zu verstehen, was diese Tiere für eine Bedeutung haben. Das kann ein Schleimaal sein, eine kleine Nacktschnecke in der Ostsee – oder ein absurder Fetzenfisch in Australien. Das ist ein Tier, das aussieht wie ein Stück abgerissene Alge. Und das begeistert mich unglaublich, weil ich sehe, dass die Natur solche tollen Formen hervorgebracht hat und dass eben jedes einzelne Tier, egal ob es im Plankton schwimmt oder an der Spitze der Nahrungskette als Hai oder Wal lebt, eine ganz bedeutende Rolle in diesem Ozean hat – und alle schützenswert sind.
Das Interview führte Marion Leibrecht, ZDF
Faszination Wasser: Seen
Streamen ab 4. Juni 2025
TV-Erstausstrahlung ZDF am 15. Juni 2025, 19:30 Uhr
Film von Claudia Ruby
Redaktion TV Ricarda Schlosshan
Redaktion Online Michael Büsselberg
Alle Folgen Faszination Wasser
Bei "ZDF goes Schule" stehen für den Unterricht geeignete Formate, Beiträge mit Creative-Commons-Rechten (OER) sowie für ausgewählte Terra-X-Folgen, Unterrichtsmaterialien zum Download zur Verfügung.