Über Nachhaltigkeit unter Spardruck

Newsletter ZDF-Fernsehrat:Über Nachhaltigkeit unter Spardruck

ZDF-Fernsehrätin Eva Maria Welskop-Deffaa über Nachhaltigkeit beim ZDF.

Die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz sind für Fernsehrätin Eva Maria Welskop-Deffaa “eine Zukunfts-Frage, für die Haltung und Handlungsfähigkeit kontinuierlich gefordert sind“.  Die Präsidentin des Deutschen Caritasverband e. V. hält es für dringlich, die Ziele auch unter Druck weiterzuverfolgen.

Porträt ZDF-Fernsehratsmitglied Eva Maria Welskop-Deffaa

ZDF-Fernsehratsmitglied Eva Maria Welskop-Deffaa.

Quelle: Monika Keiler

#Fernsehrat: Das ZDF hat sich bereits vor Jahren Nachhaltigkeitsziele gesetzt. Welche Aktivitäten in Sachen Nachhaltigkeit sehen Sie beim ZDF als besonders dringlich an? 

Eva Maria Welskop-Deffaa: Das ZDF hat eine große gesellschaftliche Vorbildwirkung beim Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz – es ist deshalb richtig und wichtig, dass die inhaltliche Glaubwürdigkeit und die Glaubwürdigkeit des eigenen Handelns gemeinsame Teile der Nachhaltigkeitsstrategie sind. Denn die Frage, wie ernsthaft sich ein öffentlich-rechtlicher Sender um Nachhaltigkeitsfragen kümmert, war kein modisches Aperçu, als Fridays for Future Monat für Monat tausende junger Menschen auf die Straße holte. Es ist eine Zukunftsfrage, für die Haltung und Handlungsfähigkeit kontinuierlich gefordert sind. 

Besonders dringlich erscheint mir, dass das ZDF trotz aktuellem Spardruck und öffentlicher Generalkritik am Öffentlich-Rechtlichen daran festhält, die Nachhaltigkeitsstrategie als Teil der Unternehmensstrategie umzusetzen.

#Fernsehrat: Angesichts der zunehmenden Nutzung der Medienangebote über Video-Streaming legt das ZDF Wert auf energieeffizientes und datensparsames Streaming. Wie schätzen Sie die ersten Erkenntnisse zum Green-Streaming-Projekt ein?

Welskop-Deffaa: Tatsächlich sind die neuen digitalen Technologien die hungrigsten Energiefresser der heutigen Zeit. Wer sein Mobilitätsverhalten und seine Art zu heizen auf ökologische Anforderungen ausrichtet, wird den ökologischen Fußabdruck nicht kompensieren können, den er mit Reisen durchs World Wide Web verbraucht. 

Das Green-Streaming-Projekt zeigt, dass Nachhaltigkeit und digitale Innovation kein Widerspruch sein müssen. Gerade weil Video-Streaming inzwischen einen erheblichen Teil des weltweiten Datenverkehrs ausmacht, ist es sinnvoll, die Energieeffizienz entlang der gesamten Streaming-Wertschöpfungskette systematisch zu verbessern.

Gerade für uns als Caritas ist es wichtig, dass digitale Angebote für alle Menschen zugänglich, bezahlbar und barrierefrei bleiben. Deshalb begrüßen wir, dass das ZDF nicht nur an technischen Lösungen arbeitet, sondern auch Nutzern Möglichkeiten für einen bewussteren und stromsparenden Medienkonsum eröffnet, etwa durch ECO-Modi und transparente Einstellungen zum Streaming-Verhalten.

#Fernsehrat: Mehraufwendungen für Nachhaltigkeit wurden von der KEF nicht anerkannt - das ZDF hält dennoch an dem anerkannten Branchenziel einer umfänglichen Umstellung auf eine "grüne Produktion" fest und setzt auf den fortschreitenden technologischen Transformationsprozess. Wie bewerten Sie dieses Spannungsverhältnis?

Welskop-Deffaa: Wir kennen das Problem aus dem Bereich der Freien Wohlfahrtspflege nur zu gut. Auch für unsere Einrichtungen ist es so, dass Investitionen in Klimaschutz bei den Verhandlungen über Pflegesätze nicht als wirtschaftlich anerkannt werden. Der verengte Wirtschaftlichkeitsbegriff, den wir uns an so vielen Stellen in Deutschland leisten, führt zu einer wiederholten Konkurrenz von Wirtschaftlichkeits- und Nachhaltigkeitszielen, wo diese nur gleichgerichtet erfolgreich zu verfolgen wären.

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#Fernsehrat: Ein weiteres Ziel der ganzheitlichen Nachhaltigkeitsbetrachtung ist es, eine zeitgemäße und zukunftsorientierte Führungskultur im Unternehmen zu verankern. Im Rahmen der Strategie "Ein ZDF für alle" 2028 soll das moderne Führungsverständnis gestärkt und der begonnene Kulturwandel vorangetrieben werden. Wie schätzen Sie die bisherigen Entwicklungen im ZDF ein?

Welskop-Deffaa: Explizit nimmt der Deutsche Nachhaltigkeitskodex den Bereich "Gesellschaft" mit auf – dies umfasst Arbeitnehmerrechte ebenso wie Chancengerechtigkeit, Qualifizierung, Menschenrechte, Gemeinwesen und auch politische Einflussnahme sowie gesetzes- und richtlinienkonformes Verhalten.

Der eingeschlagene Weg ist deshalb richtig und wichtig. Allerdings ist es von außen schwer, das tatsächliche Führungsverständnis im ZDF zu beurteilen. Es ist zu befürchten, dass durch den allgemein auf dem Sender lastenden Druck auch die Ziele zum gesellschaftlichen Impakt leiden. Ein "ZDF für alle" muss allerdings ein offenes, demokratisches, freiheitliches ZDF sein, das sich für die Rechte aller Generationen einsetzt.

Zur Person: Eva Maria Welskop-Deffaa ist Diplom-Volkswirtin, seit 2021 Präsidentin des Deutschen Caritasverbandes (DCV), zuvor seit 2017 im Vorstand des DCV zuständig für Sozial- und Fachpolitik und für die digitale Agenda des Verbandes. Sie ist Vorsitzende der Sozialkommission II der BAGFW, Mitglied im Präsidialausschuss des Deutschen Vereins und im Aufsichtsrat der Aktion Mensch. Im ZDF-Fernsehrat vertritt sie den Deutschen Caritasverbandes e. V. (Freie Wohlfahrtsverbände) und ist dort Mitglied des Programmausschusses Programmdirektion und des Ausschusses Chefredaktion.

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