Barrierefreiheit als Mehrwert für alle

Newsletter ZDF-Fernsehrat:Barrierefreiheit als Mehrwert für alle

Fernsehrat Michael Jörg zur Barrierefreiheit beim ZDF.

"Insgesamt ist das ZDF schon breit aufgestellt, wenn man sieht, welche Möglichkeiten es im Bereich der Barrierefreiheit bietet", konstatiert Fernsehrat Michael Jörg. Der Vertreter des Bereichs "Inklusive Gesellschaft" erklärt aber auch, wo er noch eine Schwachstelle sieht.

Porträt ZDF-Fernsehratsmitglied Michael Jörg

ZDF-Fernsehratsmitglied Michael Jörg.

Quelle: ZDF/Andreas Reeg

#Fernsehrat: Mit dem Entwicklungsplan "Access 2028" will das ZDF für mehr Barrierefreiheit bei seinen Angeboten sorgen. Wie sehen Sie das ZDF zurzeit hinsichtlich Barrierefreiheit aufgestellt?

Michael Jörg: Das ZDF ist gut aufgestellt, was die Untertitelung anbelangt, und der Sender baut sein Angebot für Audiodeskription immer weiter aus. Auch deutsche Gebärdensprache hat sich ganz gut entwickelt. Insgesamt ist das ZDF schon breit aufgestellt, wenn man sieht, welche Möglichkeiten es im Bereich der Barrierefreiheit bietet. Besonders stark ist es bei der Audiodeskription von Sportereignissen.

Eine Schwachstelle hat des ZDF noch bei Leichter Sprache. Da gibt es noch Entwicklungspotenzial. Beispielsweise könnte das ZDF Online-Erklärvideos in Leichter Sprache produzieren. Hier könnte sich der Sender ein bisschen mehr trauen. Außerdem wäre es wünschenswert, wenn das ZDF noch mehr mit Live-Gebärdensprache experimentieren würde.

Verantwortung
:Barrierefreie Angebote im ZDF

Jeder soll ohne Einschränkungen Filme genießen, Nachrichten verstehen und Wissenswertes erfahren können.
Nahaufnahme zweier sich berührender Hände, die vorsichtig ineinandergreifen. Die Szene steht für Vertrauen, Hilfe und den Zugang zu barrierefreien Angeboten.

#Fernsehrat: Unter dem Aspekt der Teilhabe baut das ZDF die Untertitelung und Audiodeskription seiner Programme stark aus. Derzeit wird unter anderem die Audiodeskription für das Satireformat ZDF heute-show getestet. Wie bewerten Sie das? 

Jörg: Ich habe mir das schon angehört und finde das wunderbar. Genau das meine ich auch damit, dass das ZDF mehr versuchen und mehr experimentieren sollte.

Bisher war das bei der ZDF heute-show immer so: Der Moderator und Satiriker Oliver Welke erzählt, und irgendwann werden dann Einspieler oder Bilder eingeblendet, die Blinde oder Sehbehinderte natürlich nicht sehen können. Dann fangen die Leute an zu lachen, und ich wusste bislang nicht, warum. Wenn meine Frau beim Fernsehen neben mir saß, konnte sie es mir erklären. Jetzt ist es so, dass diese gezeigten Einblendungen direkt per Audiodeskription erklärt werden. Das finde ich sehr gelungen.

#Fernsehrat: Bei der Produktion von barrierefreien Angeboten wird auch auf KI gesetzt. Wo sehen Sie hier Chancen und Herausforderungen? 

Jörg: Die Leiterin der ZDF-Abteilung Access, Nicola Foltys, hat mir eine Pilotversion gezeigt. Bereits bei den ersten Pilotfolgen konnte ich feststellen, dass sich die KI-generierte Audiodeskription im Laufe der Zeit verbessert hat. So wurden anfänglich Worte und Sätze noch falsch betont oder merkwürdig ausgesprochen, im Laufe des Pilotbetriebs verbesserte sich die Audiodeskription merklich. Inzwischen ist es so, dass meine Frau und ich oft Audiodeskription hören, ohne gleich erkennen zu können, ob KI mit im Spiel ist oder nicht.

Meiner Meinung nach muss KI für den Menschen da sein. Sie muss uns helfen, und sie muss etwas verbessern und dem Sender einen wirklichen Fortschritt bringen. 

Wo es mit Künstlicher Intelligenz noch nicht so gut läuft, ist die Gebärdensprache, die derzeit auch mit KI-Avataren getestet wird. Die kommt noch nicht so gut bei den Nutzern an. Ein Grund ist, dass die deutsche Gebärdensprache wesentlich komplizierter und vielfältiger ist als Gebärdensprache in anderen Ländern. Nur als Beispiel: Die japanische Gebärdensprache ist bedeutend einfacher. Und in Japan kommen KI-Avatare in Gebärdensprache bereits sehr gut an. Aber da muss das ZDF eben noch weiter probieren und wahrscheinlich noch ein bisschen Schweiß einsetzen. 

#Fernsehrat: Barrierefreiheit soll die Nutzung für alle, also das Publikum insgesamt, vereinfachen und verbessern. Wo steht das ZDF auf diesem Weg, und was unterscheidet ihn beim Ausbau der Barrierefreiheit als öffentlich-rechtlicher Sender im Vergleich zu Wettbewerbern? 

Jörg: Die Barrierefreiheit ist ganz klar ein Markenkern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Mit den privaten Sendern brauchen wir uns nicht zu vergleichen, da läuft derzeit nicht viel. Wettbewerb gibt es also eher zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF und dem Deutschlandradio. Deutschlandradio ist in der Barrierefreiheit des Hörfunks sehr stark. In Sachen einfache Sprache ist die ARD schon viel besser aufgestellt als das ZDF.

Ich finde es insgesamt gut, dass der Sender alle seine Barrierefreiheits-Aktivitäten jetzt im Entwicklungsplan "Access 2028" bündelt. Der Intendant hat ja gesagt: "Wir sind ein ZDF für alle." Und 10 Prozent der Bevölkerung haben eine Schwerbehinderung. Für diese Menschen muss das ZDF auch etwas machen. Mein Credo ist immer: Barrierefreiheit ist Mehrwert für alle. Wer die Sprachgeschwindigkeit der gesprochenen Nachrichten nicht mehr verfolgen kann, für den sind Nachrichten in leichter Sprache einfach ein Gewinn. Oder wenn jemand die schnelle Sprache der Nachrichtensendung nicht versteht, weil er erst vor einigen Jahren nach Deutschland gekommen ist und erst langsam Deutsch lernt, für den ist leichte Sprache auch ein Gewinn. Also ist Barrierefreiheit nicht nur für kognitiv behinderte Menschen, sondern eben für alle da.

OrganisationFernsehratsvorlage Barrierefreiheit
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Zur Person: Michael Jörg, geboren 1963 in Homburg/Saar und seit 1998 erblindet. Seit über 20 Jahren in der Behindertenselbsthilfe aktiv und Vorsitzender des "Club Aktiv e.V." Michael Jörg ist seit 2016 Mitglied im Fernsehrat als Vertreter aus dem Bereich "Inklusive Gesellschaft" aus dem Land Rheinland-Pfalz. Seitdem ist er Mitglied im Programmausschuss Chefredaktion und wirkt seit 2024 auch als Mitglied im Ausschuss für Finanzen, Innovation und Digitalisierung mit.

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