Ein Tag in ... - Ein Tag auf Burg Münzenberg 1218
Der turbulente Alltag eines Burgverwalters im Mittelalter. Kastellan Eberhard von Münzenberg ist Manager, Steuereintreiber und Chef der Burgwache zugleich. Eine Zeit voller Gewalt und Konflikte in der hessischen Wetterau.
Die Geschäfte auf der Feste
Wandeln zwischen den Welten
Konfliktlösung im Mittelalter
"Höhere soziale Mobilität im Mittelalter als angenommen" - Drei Fragen an Dr. Dieter Wolf
Burg Münzenberg liegt in der hessischen Wetterau, heute eine eher ländlich geprägte Region. Viele Burg- und Klosterruinen deuten auf eine bewegte Vergangenheit hin. Welche Bedeutung kam der Region im Hochmittelalter zu?
Die Wetterau im nördlichen Vorfeld des seit Karl des Großen höchst bedeutenden Mittelpunktes Frankfurt am Main ist durch ihre natürliche Lage am Kreuzungspunkt von wichtigen Nord-Süd- und Ost-West-Straßen ausgezeichnet. Dazu kommt die außerordentliche Fruchtbarkeit der Löß-Lehm-Böden in der Wetterau. Im Mittelalter war die Wetterau als "Kornkammer des Römisch-Deutschen Reichs" berühmt. Sie gehörte über weite Strecken des Mittelalters zu den zentralen Königslandschaften des Reichs. Unter Kaiser Friedrich I. wurden in der Region die königlichen Städte Frankfurt (mit Königspfalz), Friedberg (mit Reichsburg), Wetzlar (mit Reichsburg) und Gelnhausen (mit Königspfalz) gegründet beziehungsweise weiter ausgebaut. Dazu kamen zur Sicherung der Landschaft auch die imposante Burg Münzenberg, eine Stadtsiedlung sowie weitere Burgen für die königlichen Gefolgsleute. Das Reichsgut sollte in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts unter Kaiser Friedrich II. zu einem Reichsland weiter zusammengefasst werden. Bedeutung und Wohlstand der Landschaft im Mittelalter lässt sich bis heute an den erhaltenen Baudenkmälern erkennen.
Bei Burgen denkt man schnell an ihre militärische Bedeutung, Bilder von Rittern und Belagerungen kommen einem in den Sinn. Welche Funktion erfüllten Burgen darüber hinaus im Hochmittelalter? Stand ihr militärischer Wert tatsächlich im Vordergrund?
Burgen sind von Anfang nicht nur zum Schutz der Burgherren erbaut worden, sondern sollten auch zur Aufnahme der Bevölkerung dienen, wenigstens der Theorie nach. Schutz bedeutete aber auch gleichzeitig Herrschaft. Mit dem Burgenbau konnte auch Herrschaft erzwungen werden. Neben diesen militärischen Funktionen waren die Burgen aber auch wichtige Wirtschafts- und Verwaltungsmittelpunkte in den von den Burgen aus organisierten oder ertrotzten Territorien. Die militärische Bedeutung der Burg beim Ausbau der Territorien spielte bis zum Ende des Mittelalters eine herausragende Rolle.
Das Mittelalter gilt allgemein als eine Epoche, in der sozialer Aufstieg nur schwer möglich war. Trotzdem schaffte es die Familie von Münzenberg innerhalb von zwei Generationen zu einer bedeutenden Stellung zu kommen. Wie ist das den von Münzenbergs gelungen?
Die historische Mittelalter-Forschung hat in den zurückliegenden 50 Jahren an vielen Beispielen zeigen können, dass dieses Bild von einer starren, fest in ihren Grenzen verharrenden Gesellschaft des hohen und späten Mittelalters wesentlich geschmeidiger und anpassungsfähiger war, als dies immer wieder angenommen wurde. So lässt sich die soziale Mobilität in vielerlei Hinsicht gerade bei dem Aufstieg von ursprünglich unfreien Leuten oft bäuerlicher Herkunft, die in einem mehr als zweihundertjährigen Prozess im 11. und 12. Jahrhundert durch die Übernahme von Spezialaufgaben – zum Beispiel in der "Verwaltung", im Reiterdienst, an den Höfen des Königs, von Fürsten, Bischöfen und Äbten und in deren Kriegszügen – gut belegen. Aus unfreien Leuten näherten sich diese Dienstmannen (Ministerialen) in Tätigkeit und Lebensweise allmählich denen der Lehnsleute des alten Adels an.
Unter den Hunderten von Ministerialenfamilien gelangten einige sogar in die höchsten Reichsämter, so die Herren von Hagen-Arnsburg-Münzenberg. Unter den Staufern nahmen Familienmitglieder sogar das Amt des Reichskämmerers ein, gelangten zu einer Machtfülle, die auch von den Zeitgenossen als fürstengleich angesehen wurde. Dabei sind als Gründe für den Aufstieg besondere Eignung, Ehrgeiz und bewiesene Leistung zu sehen. Sicherlich sind aber auch die Dienstorte wichtig, die erst eine persönliche Nähe zum Vorgesetzten und Herrn ermöglichten. Soziale Mobilität ist im Mittelalter aber besonders auch in Zusammenhang mit dem Entstehen zahlreicher neuer Städte vielfach zu beobachten, wo auch die soziale Vermischung zwischen der neu entstehenden Oberschicht der großen Städte und dem ministerialischen Niederadel zu erkennen ist oder auch der weitere Zuwachs des ländlichen Ritteradels durch Mitglieder der Führungsgruppen innerhalb der Dörfer und Kleinstädte.
Die Fragen stellten Arne Peisker und Claudia Moroni.
Sendungsinformationen
Erstausstrahlung ZDF: 16. Januar 2022
Film von Film von Iris Fegerl, Sigrun Laste und Arne Peisker
Redaktion TV Claudia Moroni
Redaktion Online Michael Büsselberg
Fachberatung
Prof. Dr. Gerd Althoff. Historiker Universität Münster. Beteiligung am Exzellenzcluster. Forschungsfeld C Religionskritik und Religionsapologie. Konfliktführung und -beilegung im Mittelalter
Zusätzliche Experten im Film
Prof. Dr. Gunther Hirschfelder: Kulturanthropologe, Volkskundler und Autor, Forschungsschwerpunkt: vergleichende Kulturgeschichte
Dipl. Ing. Jürgen Moravi: Landeskonservatorat Kärnten, Österreich. Seit Ende 2019 wissenschaftliche Leitung des Burgbaus in Friesach
Prof. Michael Rothmann: Mediävist. Spezialist für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Europäische Rechts- und Verfassungsgeschichte des Spätmittelalters
Prof. Lens Scales: Historiker. Durham University, England. Fachgebiet ist Politik, Gesellschaft und politische Ideen im spätmittelalterlichen Deutschland
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