Ein Tag in ... - Ein Tag in Berlin 1926
Ende der 1920er Jahre gilt Berlin als Hauptstadt des Verbrechens. „Ein Tag in Berlin 1926“ illustriert die Geschichte von Fritz Kiehl und seiner Arbeit in der ersten Mordinspektion der Welt.
Drei Morde pro Woche und kriminelle Banden, die viele Viertel der Stadt kontrollieren: Die Polizei steckt in der Krise. Fritz Kiehl (Christian Clauß) muss einen Raubmörder dingfest machen, den er nur mit Hilfe neu entwickelter Methoden der Mordinspektion fassen kann.
Ringvereine kontrollieren die Unterwelt in der Stadt der Sünde
„Ein Tag in Berlin 1926“ dokumentiert 24 Stunden in der Stadt der Sünde. Mit vier Millionen Einwohnern ist die Spreemetropole zur Weltstadt herangewachsen. Im kurzen goldenen Zeitalter zwischen Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise prallen dort Gegensätze aufeinander wie nirgendwo sonst in der Weimarer Republik. In den teuren Restaurants auf den prunkvollen Boulevards und den verruchten Vergnügungslokalen der Stadt stürzt sich die Hautevolee in einen ausschweifenden Lebensstil. Die Abgehängten der Bevölkerung wie Kriegsversehrte und Zuwanderer hingegen leiden unter Hunger und Elend. Die so genannten Ringvereine kontrollieren die Unterwelt, und die Kriminalitätsrate ist auf Rekordniveau. Die Polizei steht in der öffentlichen Kritik. Nicht umsonst wird Berlin "Spree-Chicago" genannt.
An der Seite von Kriminalkommissar Fritz Kiehl entdecken die Zuschauer den Sündenpfuhl Berlin. Kiehls Tag beginnt am frühen Morgen mit einem Anruf aus dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Der verheiratete Beamte arbeitet in der weltweit ersten Mordinspektion – eine Elitetruppe der Kriminalpolizei, die sich auf das schlimmste Kapitalverbrechen der Zeit spezialisiert hat: Mord. Jeden zweiten Tag findet die Polizei eine Leiche. Sein Chef und Begründer der Inspektion, Ernst Gennat, ist ein Star unter den „Kriminalern“. Aus der ganzen Welt reisen Kollegen an und wollen von ihm lernen. Er ist der erste, der feste Ermittlungsverfahren etabliert und seine Kommissare intensiv schult. Vorbei sind die Zeiten, in denen eine Leiche aus Gründen der Pietät umgebettet und der Tatort aufgeräumt wurden, bevor ein Ermittler eintrifft.
Siebzig-Stunden-Woche keine Seltenheit
Für Kiehl ist seine Zugehörigkeit zur Mordinspektion ein Glücksfall, denn er hat ein sicheres Auskommen. Doch die Belastung ist hoch und eine Siebzig-Stunden-Woche keine Seltenheit. Der Mord an einem Kinodirektor ist der aktuelle Fall von Kiehl und lässt ihm keine Zeit zum Durchatmen. Zusätzlich bereitet dem Kommissar eine alte Kriegsverletzung Probleme. Den Tag kann er nur mit starken Schmerzmitteln überstehen. Zusammen mit seinem Kollegen stürzt sich der Beamte in die Ermittlungen, die zunächst ins Leere laufen.
Um den kniffligen Fall zu lösen, greift Kiehl zu unorthodoxen Mitteln: Er vertraut auf die Hilfe der Berliner Unterwelt. Die mächtigen Ringvereine sind mafiöse Verbrecherbanden, die ganze Stadtviertel unter ihrer Kontrolle haben. Doch Mord ist selbst bei ihnen verpönt, denn ihre illegalen Geschäfte wie Hehlerei und Prostitution sollen ungestört weiterlaufen. Mit ihrer Hilfe gelingt es Kiehl, den Mörder zu verhaften. Der Rest ist professionelle Polizeiarbeit mit Laboranalysen, Fahndungsaufrufen und geschickter Verhörtaktik – Methoden, die bis heute noch nichts an ihrer Gültigkeit verloren haben.
Der Film erzählt nicht nur die fiktive Biografie von Fritz Kiehl, sondern auch, wie die Mordinspektion am Alexanderplatz im Detail gearbeitet hat, wie die Ringvereine organisiert waren und wie die Menschen ihren Alltag im Berlin 1926 erlebt haben.
Die wichtigsten Ereignisse zur Zeit von Fritz Kiehl
1920 Das Groß-Berlin-Gesetz schließt acht Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke zusammen. Das Stadtgebiet wird in 20 Bezirke eingeteilt. Mit 3,87 Millionen Einwohnern ist Berlin nach New York und London die drittgrößte Stadt der Welt.
1921 Im Grunewald wird als erste Autobahn der Welt, die AVUS, eröffnet.
1923 In Berlin-Tempelhof eröffnet der erste Flughafen der Metropole.
1924 bis 1929 Goldene Zwanziger Jahre. Wirtschaftlicher Aufschwung der weltweiten Konjunktur. Blütezeit der deutschen Kunst, Kultur und Wissenschaft. Ende durch die Weltwirtschaftskrise
1924 Auf dem Messegelände eröffnet die „1. Große Deutsche Funkausstellung“. Der Grundstein für den Funkturm wird gelegt.
1925 Paul von Hindenburg wird zweiter Reichspräsident der Weimarer Republik.
Das neu gegründete Landeskriminalpolizeiamt Preußen nimmt seine Arbeit auf.
1926 Erste „Zentrale Mordinspektion“ unter Führung von Ernst Gennat
1928 Auf der 5. Großen Deutschen Funkausstellung wird erstmalig das Fernsehen öffentlich vorgeführt.
1929 „Immertreu“, der größte unter Berlins Ringvereinen, wird gerichtlich verboten. Auslöser für den Prozess ist eine Massenschlägerei in einem Friedrichshainer Lokal, in die der Vorsitzende Adolf Leib („Muskel-Adolf“) verwickelt ist.
Die Weltwirtschaftskrise erfasst auch Berlin. Die Arbeitslosenzahl steigt auf 450.000. Es kommt zu Demonstrationen und gewalttätigen Unruhen. Der „Blutmai“ führt zu über 30 Toten und mehreren Hundert Verletzten.
Interview mit der Gennat-Biographin Regina Stürickow
Dr. Regina Stürickow schreibt historische Kriminalromane. Mit ihrem Buch über den Gründer der Berliner Mordinspektion, Ernst Gennat, hat sie dem Kriminalkommissar ein Denkmal gesetzt.
In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg stiegen die Kriminalität und vor allem die Mordrate in Berlin stark an. Was war der Grund dafür?
Der Erste Weltkrieg hat viele Narben hinterlassen. Er hat die Menschen verroht und die moralischen Werte verschwinden lassen, ohne dass es neue gegeben hätte. Die Menschen waren desorientiert, und die Männer, die aus dem Krieg zurückkamen, fanden nicht mehr ins normale Leben zurück. Die Zahl der Verbrechen, insbesondere die der Raubüberfälle und der Morde stieg sprunghaft an. Es ist kein Zufall, dass gerade in den 1920-er Jahren überdurchschnittlich viele Serienmörder ihr Unwesen trieben.
Der legendäre Kriminalrat Ernst Gennat hat die Arbeit der Kripo in den 1920-er Jahren grundlegend verändert. Wie war die Kriminalpolizei vor Gennats Zeit aufgebaut?
Vor Gennat war es größtenteils so, dass die Beamten gar nicht genau wussten, wie sie sich am Tatort zu verhalten hatten. Das führte teilweise zu recht absurden Situationen: Immer wieder wurden Tatorte regelrecht zerstört. Es ist tatsächlich vorgekommen, dass ein Toter vom vermutlichen Tatort etwa auf ein Bett gelegt wurde, damit alles ein bisschen pietätvoll aussah. Gläser wurden hingestellt, umgestoßene Möbel wieder aufgerichtet. Damit war natürlich eine professionelle Spurensicherung überhaupt nicht möglich. Die Kriminalbeamten, die zu den Tatorten kamen, waren zudem nicht auf Mordfälle spezialisiert und hatten auch keine spezielle Ausbildung, wie sie sich dort zu verhalten haben, worauf sie achten müssen, wie man Spuren sichert, was wichtig, was unwichtig ist oder wie man Zeugen befragt. Diese Erfahrung hatten sie alle noch nicht. Das kam erst alles etwas später mit Gennat und seinen Reformen.
Welche Folgen hatte das?
Das bedeutete natürlich, dass Kriminalfälle relativ spät, oder auch gar nicht aufgeklärt wurden - mit der Folge, dass die Presse sich maßlos über die Polizei lustig machte. Die Kripo-Leute wurden Opfer der Witzblätter, denn es waren im wahrsten Sinne des Wortes „Witzblattfiguren“. Man darf nicht vergessen, zu dieser Zeit hatte die Presse schon eine große Macht, die meisten Tageszeitungen erschienen bereits zur Kaiserzeit zweimal täglich.
Wie änderte sich das, als Ernst Gennat Chef der Kriminalpolizei wurde?
Angesichts der wirklich schweren Missstände bei der Kriminalpolizei gründete Gennat im Jahr 1926 seine berühmte Mordinspektion. Er war der Chef dieser Mordinspektion, und für sie haben drei, später vier Mordkommissionen gearbeitet. Eine Mordkommission bestand aus einem festen Kommissar und einem weiteren, meistens jüngeren Beamten. Dazu kamen noch je nach Bedarf Spezialisten aus anderen Inspektionen. Das heißt also, wenn es ein Delikt gab, wo Rauschgift eine Rolle spielte, dann kam jemand aus dem Rauschgiftdezernat dazu. Außerdem gab es zwei Reservemordkommissionen, die immer Bereitschaftsdienst hatten. Diese neue Zusammensetzung hatte natürlich den Vorteil, dass Gennat in erster Linie Spezialisten einsetzen konnte, die auch immer wieder mit Mordfällen zu tun hatten. So konnten sie Verbindungen und auch Motive besser durchschauen, hatten mehr Erfahrung mit der Vernehmung von Zeugen und mit der Spurensicherung, was die gesamte Arbeit deutlich effizienter gemacht hat.
Die Arbeit am Tatort – was hat Gennat dort verändert?
Die Arbeit am Tatort wurde vor allem systematisiert. Gennat hat immer gesagt, am Tatort darf nicht erst angeordnet werden, was gemacht werden muss. Bei der Ankunft muss schon jeder wissen, was zu tun ist. Dafür hat Gennat sieben Schritte festgelegt, mit denen die Kripo am Tatort zu arbeiten hatte. Und das sind sieben Schritte, die im Grunde heute noch so angewandt werden.
Wie wurde seine Arbeit anderswo aufgenommen?
Mit diesen Methoden erlangte Gennats Mordinspektion schon ziemlich früh einen internationalen Ruf, seine Inspektion wurde zum Vorbild für andere Kommissariate - nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich, Großbritannien und vor allen Dingen auch in Amerika. Es kamen tatsächlich Experten von Scotland Yard und aus den USA zu Gennat, um zu sehen, wie er das macht. Sogar der Schriftsteller Edgar Wallace soll zu Gennat gekommen sein, um sich mal im Polizeipräsidium umzuschauen. Die 1920er-Jahre waren die Zeit der großen Reformen, der Erfindungen, der Neuerungen. Gennat war im Grunde der richtige Mann zur richtigen Zeit.
Sendungsinformation
Ein Tag in Berlin 1926
Erstausstrahlung ZDF am 10. März 2019, 19.30 Uhr
Buch Arne Peisker und Jens Afflerbach
Szenenregie Sigrun Laste
Dokuregie Arne Peisker
Redaktion TV Claudia Moroni
Redaktion Online Michael Büsselberg
Fachberatung
Dr. Regina Stürickow. Historikerin und Autorin. Ihr Spezialgebiet ist die Kriminalgeschichte Berlins in den 1920er Jahren, hat die Geschichte des legendären Kommissars Ernst Gennat entdeckt und erforscht
Zusätzliche Experten im Film
Prof. Dr. Gunther Hirschfelder: Kulturanthropologe, Volkskundler und Autor, Forschungsschwerpunkt: vergleichende Kulturgeschichte
Prof. Dr. Bettina Wahrig: Professorin em. für Pharmazie- und Wissenschaftsgeschichte an der Technischen Universität Braunschweig.