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Ein Tag in ... - Ein Tag in Berlin 1943 – Der Passfälscher Cioma Schönhaus

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Ein Tag in Berlin 1943 – Der Passfälscher Cioma Schönhaus
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Ein Tag in Berlin 1943 – Der Passfälscher Cioma Schönhaus

1943 soll Berlin nach dem Willen Adolf Hitlers "judenrein" werden. Cioma Schönhaus ist einer der Zehntausenden Juden, die nicht rechtzeitig ausgereist sind und nun von der Deportation in den Osten bedroht sind.

Terra X
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Ein Tag in Berlin 1943 – Der Passfälscher Cioma Schönhaus

1943 soll Berlin nach dem Willen Adolf Hitlers "judenrein" werden. Cioma Schönhaus ist einer der Zehntausenden Juden, die nicht rechtzeitig ausgereist sind und nun von der Deportation in den Osten bedroht sind.

Unter falscher Identität taucht Schönhaus (1922 - 2015) unter und hilft sich und anderen Juden, die Verfolgung durch die Nazis zu überleben. Getragen von der Originalstimme Cioma Schönhaus' erzählt die "Terra X"-Folge "Ein Tag in Berlin 1943" die Geschichte dieser unerschrockenen Persönlichkeit.

Rechtlos, verfehmt und todgeweiht

Im vierten Kriegsjahr steuert der Holocaust, die Vernichtung der europäischen Juden, auf seinen Höhepunkt zu. Mehr als 50.000 Berliner Juden sind bereits in den Osten verschleppt worden. Jene, die der Deportation in die Vernichtungslager bis dahin entkommen konnten, sind rechtlos, verfemt und todgeweiht. Polizeikontrollen und Denunzianten lauern an jeder Ecke. Der 20-jährige Cioma Schönhaus lebt als einziger aus seiner Familie noch in Berlin.

Seine Eltern, seine Großmutter, Onkel und Tanten – sie alle sind bereits verschleppt worden. Jeden Tag könnte die Gestapo auch vor Ciomas Tür stehen. Er verlässt die elterliche Wohnung und taucht wie Tausende andere Verfolgte in der Stadt unter. Doch sich verstecken und sich zum Opfer der Nazis machen, will er nicht: Er tarnt sich als sogenannter "arischer" Deutscher – mit einem falschen Namen und einem ausgedachten Lebenslauf.

Teil des Widerstandsnetzes

Auch äußerlich passt sich Cioma Schönhaus an sein Umfeld an: Er trägt die Haare wie ein "Arier" kurz geschnitten mit Seitenscheitel und einen Anzug. Um nicht entdeckt zu werden, wechselt er so oft wie möglich seine Unterkunft und geht jeden Tag pünktlich um acht Uhr zur Arbeit. Und die ist brisant: Cioma Schönhaus manipuliert kunstvoll Ausweisdokumente, die ihm selbst und anderen Juden eine scheinbar legale Identität verschaffen.

Als Passfälscher wird er Teil eines Widerstandsnetzes und verhilft dadurch Hunderten Verfolgten zur Flucht. Dabei gelingt es ihm, mit einer gehörigen Portion Chuzpe in einer schier ausweglosen Situation die Lebenslust zu bewahren. Als er auffliegt, wagt er eine abenteuerliche Flucht quer durch Deutschland bis in die Schweiz. Seinem Sohn Sascha Schönhaus berichtet er später detailliert von seinem Leben als "U-Boot" in Berlin, wie sich die untergetauchten Juden selbst nennen.

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... zum Deportationsbescheid an die Familie Schönhaus
"Als Absender auf dem Deportationsbescheid stand die jüdische Kultus-Vereinigung zu Berlin. In dem Bescheid stand, dass sich alle Mitglieder auf behördliche Anordnung ab Freitag, dem 27. Mai 1942, in der Sammelunterkunft Levetzowstraße einfinden und zur Teilnahme am Transport bereit sein müssten. Das galt auch für Cioma und seine Eltern. Das wurde perfiderweise von der jüdischen Kultus-Vereinigung verschickt, die man dazu missbraucht hat, um die eigenen Leute dann in den Synagogen einzusammeln."

... zur Hoffnung der Familie Schönhaus
"Ciomas Eltern haben sich eingeredet, dass wenn man nichts Verkehrtes tut, dann wird einem auch nichts passieren. Ich glaube, es war eine Mischung von Naivität und Zweckoptimismus, weil sie eigentlich gar keine andere Wahl hatten, als zu hoffen, dass alles gut wird. Als sie aufgefordert wurden, sich in der Sammelstelle einzufinden, sind sie davon ausgegangen, dass sie zur Zwangsarbeit irgendwo im Osten verpflichtet werden. Zur Zwangsarbeit wurde man ja auch vorher schon in Deutschland verpflichtet. Und daran haben sie geglaubt."

... zum Leben im Untergrund unter der Naziherrschaft
"In Berlin 1943 unterzutauchen, war ein enormes Risiko. Viele untergetauchte Juden sind nach wenigen Wochen entdeckt worden. Nachbarn haben Geräusche gehört und haben sie verraten, andere wurden auf dem Schwarzmarkt erwischt, als sie Lebensmittel besorgt haben. Es war ein täglicher Kampf ums Überleben."

... zum Lebensgefühl von Cioma Schönhaus
"Cioma konnte sich für jeden Tag irgendetwas Kleines aussuchen, was für ihn den Tag zu einem lebenswerten Tag gemacht hat. Und er hat das kombiniert mit einem Lebensgefühl, von seinen Eltern getragen zu sein und das Anrecht auf etwas Gutes im Leben zu haben. Er hatte die Fähigkeit, das Gefühl der Angst auszublenden. Er hat fest daran geglaubt, dass das Risiko entdeckt zu werden, in der Öffentlichkeit viel kleiner war, als wenn er sich irgendwo versteckt hätte. Er hat gesagt: So funktioniere ich, ich lebe diesen Plan, bis ich merke, hier kommt die Einbahnstraße. Dann muss ich den Plan eben ändern."

... zum Verlust der Eltern
"Cioma hat sich vorgestellt, mit seinen Eltern zu kommunizieren. Das hat er gemacht, bis er gestorben ist. Das hat ihn sein Leben lang begleitet. Diese Zwiegespräche zu halten mit seinen Eltern, mit dem Vater und der Mutter, das war seine Art, mit dem Verlust umzugehen."

... zum Leben nach dem Holocaust
"Cioma hat sehr viel Positives, Verzeihendes über Deutschland gesagt, andererseits aber auch den Satz: 'Es gibt Dinge, über die wächst nie Gras.' Alles in allem ist es ihm gelungen, sich aus der Opferrolle heraus zu bewegen. Und er hat es uns ermöglicht, dass wir diesen Spirit weiterleben konnten und auch diese Geschichte, so schwierig und schmerzhaft sie sein mochte, irgendwo auch hinter uns zu lassen und nach vorne zu schauen."

Sendungsinformationen

Ein Tag in Berlin 1943 – Der Passfälscher Cioma Schönhaus
Erstausstrahlung ZDF: 27. Oktober 2024

Buch Arne Peisker, Elin Carlsson
Szenenregie Sigrun Laste

Redaktion TV Claudia Moroni
Redaktion Online Michael Büsselberg

Fachberatung
Martina Voigt:
Historikerin. Forscht seit vielen Jahren zur Geschichte des Nationalsozialismus, arbeitet u.a. für die „Gedenkstätte Stille Helden“ in der Stiftung „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“ und für Erinnerungsprojekte der evangelischen Kirche. Veröffentlichungen zur nationalsozialistischen Judenverfolgung, zu Flucht und Hilfe für Verfolgte sowie zur Geschichte von SS und Polizei unter dem NS-Regime

Zusätzliche Experten im Film
-Prof. Regine Buchheim:
Professorin für Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Forscht u.a. zum Steuer(un)recht im Nationalsozialismus
-Prof. Wolf Gruner: Historiker. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des Nationalsozialismus, speziell der NS-Judenverfolgung in Europa sowie der Zwangsarbeit im NS-Staat
-Hildegard Homburger: Restauratorin und Dozentin für Materialkunde, Konservierung und Drucktechniken
-Sascha Schönhaus: Klezmermusiker und Sohn des jüdischen Autors und Grafikers Cioma Schönhaus. Cioma Schönhaus veröffentlichte seine Lebensgeschichte in „Der Passfälscher“

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