Ein Tag in ... - Ein Tag in Dresden 1946
Elli Göbel ist eine von über 500 Trümmerfrauen, die helfen, die zerbombte Stadt wieder aufzubauen. Wie haben die Frauen den schweren Alltag gemeistert? Von welcher Zukunft haben sie geträumt? Die fiktive Biografie zeigt Schicksal und Lebenswirklichkeit.
Elli Göbel ist eine von über 500 Trümmerfrauen, die helfen, die zerbombte Stadt wieder aufzubauen. Wie haben die Frauen den schweren Alltag gemeistert? Von welcher Zukunft haben sie geträumt? Die fiktive Biografie zeigt Schicksal und Lebenswirklichkeit.
Es ist der 16. September 1946 – mehr als ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die vier Siegermächte haben Deutschland besetzt und aufgeteilt. Der Osten steht unter sowjetischer Besatzung, darunter auch die Barockstadt Dresden. Das einst prachtvolle "Elbflorenz" ist eine Trümmerwüste. Durch den verheerenden Bombenangriff in der Nacht auf den 14. Februar 1945 sind 30 Prozent des Wohnraums völlig zerstört.
Miserable Versorgungslage
Dass der Wiederaufbau der Stadt dennoch in Gang kommt, ist besonders den Frauen zu verdanken, im Volksmund Schipperinnen oder Trümmerfrauen genannt. Eine von ihnen ist Elli Göbel. Den schweren Job hat ihr das Arbeitsamt zugewiesen. Von dem niedrigen Lohn muss sie zwei Kinder ernähren, ihr Mann ist schon 1943 an der Ostfront gefallen. Bis Kriegsbeginn war Ellis Leben ganz anders – sie war Geigenlehrerin im schlesischen Breslau. Als im Januar 1945 die Rote Armee vor der Stadt steht, macht sie sich mit ihrer Familie und Tausenden Flüchtlingen auf den langen Weg in Richtung Westen. Elli Göbels Eltern überleben die Tortur nicht, ihre Schwester Gerda gilt seither als vermisst. Doch Elli Göbel gibt die Hoffnung nicht auf, ihre Schwester doch noch wiederzufinden.
In Dresden ist die Versorgungslage 1946 miserabel. Ein Dach über dem Kopf, etwas zu essen und die Nachricht, dass die engsten Verwandten überlebt haben, ist das, was für die Menschen damals zählt. Die Arbeit als Trümmerfrau – oder Bauhilfsarbeiterin, wie es damals offiziell heißt – ist entgegen der medialen Darstellung alles andere als beliebt: In der Enttrümmerung arbeitet nur, wer keine Wahl hat. Aber sie ist die einzige Möglichkeit, an die begehrten Lebensmittelmarken der Kategorie eins zu kommen.
Mythos der heldenhaften Trümmerfrau
Bis heute hält sich hartnäckig der Mythos von der heldenhaften deutschen Trümmerfrau. Dabei arbeiten auf den Baustellen sowohl Frauen als auch Männer. Trümmerfrauen, wie sie im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert sind, hat es eigentlich nur in Berlin und der sowjetischen Besatzungszone gegeben. In den meisten westdeutschen Städten wird die Enttrümmerung schnell von Firmen mit schwerem Gerät übernommen. Und die Bilder von jungen lachenden Frauen, die man aus Schulbüchern kennt, sind oft gestellt.
Um in der Nachkriegszeit zu überleben, ist Einfallsreichtum gefragt. Lebensmittel sind knapp und Hunger eine echte Bedrohung. Ersatzprodukte wie die sogenannte "Stalinschmiere", eine Ersatzleberwurst aus Speiseölresten und Haferflocken, füllen wenigstens den Magen. Elli hebt auch Kartoffelschalen auf. Dank der Solanine, die in der Knolle stecken, schäumen sie wie Seife und sind als Putz- oder Waschmittel bestens geeignet. Alte Kleidung wird kurzerhand recycelt: Aus Gardinen oder Uniformen entstehen neue Jacken, Hosen und Kleider. In der Nachkriegszeit herrscht Nachhaltigkeit, so gut wie nichts wird weggeworfen.
Schwarzmarkt als Supermarkt der Nachkriegszeit
Göbels großer Traum ist es, wieder als Musikerin zu arbeiten. Als sie eine Stellenanzeige des Plauener Tanzorchesters liest, will sie auf dem Schwarzmarkt ein Instrument für das Vorspiel organisieren, obwohl der Erwerb von Schwarzmarkt-Waren strafbar ist. Der Schwarzmarkt ist der Supermarkt der Nachkriegszeit. Dort wird schon mal ein Teppich gegen ein paar Lebensmittel oder Meißner Porzellan gegen ein Fahrrad getauscht. Die begehrteste Währung aber sind Zigaretten, Geld ist praktisch nichts mehr wert. Als Elli Göbel gerade ein Instrument gefunden hat, wird es plötzlich hektisch auf dem Markt. Die Polizei führt eine ihrer Razzien durch, und Göbel wird verhaftet. Ihr droht eine drakonische Strafe – und im schlimmsten Fall sogar die Wegnahme ihrer Kinder.
"Deutliche Unterschiede für Vertriebene in West und Ost" - Vier Fragen an Prof. Dr. Marita Krauss
Prof. Dr. Marita Krauss ist Professorin für Europäische Regionalgeschichte an der Universität Augsburg. Sie ist Autorin zahlreicher Aufsätze zum Thema Alltag und Trümmerräumung in der Nachkriegszeit. Prof. Dr. Marita Krauss war Fachberaterin des Films "Ein Tag in Dresden 1946".
Dresden steht wie kaum eine andere Stadt für die Zerstörung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg. Dabei hatte Dresden weder die meisten Opfer noch die größte Zerstörung zu beklagen. Warum nimmt die Stadt trotzdem eine solche Sonderstellung ein?
Dresden galt in ganz Europa als eine Kunststadt mit Gebäuden und Kunstschätzen von höchstem Rang, eine zerbrechliche Schönheit des 18. Jahrhunderts. In Dresden gab es keine kriegswichtige Industrie wie in Schweinfurt oder im Ruhrgebiet. Die Zerstörung Dresdens im Februar 1945 kam zu einem Zeitpunkt, als der Krieg eigentlich für die Deutschen längst verloren war. Die Stadt steckte voller Flüchtlinge. Dresden war zwar Verkehrsknotenpunkt und offenbar fürchtete für allem die Rote Armee, dass die Wehrmacht über Dresden nochmal Truppen an die Ostfront transportieren könnte. Aber die fast komplette Zerstörung der Innenstadt stand in keinem Verhältnis zu diesen militärischen Überlegungen. Sie wurde auch von der NS-Propaganda noch weidlich ausgebeutet, um den letzten Durchhaltewillen der Deutschen zu aktivieren.
Unsere Protagonistin Elli Göbel stammt aus Schlesien und ist Flüchtling aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Ein Schicksal, das sie mit zwölf Millionen anderen Deutschen in der Nachkriegszeit teilt. Welche Rolle spielen die Vertriebenen in der Nachkriegszeit? Gibt es Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland?
Es gab deutliche Unterschiede in West und Ost: Im Westen konnten sich die Vertriebenen seit 1949 wieder landsmannschaftlich organisieren, ihre kulturellen Traditionen pflegen und bis zu den Ostverträgen 1969 wurde die Vision einer möglichen Rückkehr in die Vertreibungsgebiete aufrechterhalten. Im Osten hingegen galt die "Umsiedlung" als endgültig, und die Vertriebenen sollten in der sozialistischen Gesellschaft völlig aufgehen. Da sie im Westen quantitativ eine wichtige Wählergruppe bildeten, reüssierten auch etliche Vertriebenenpolitiker in der Politik.
Der Film zeigt, dass es Trümmerfrauen eigentlich nur in Berlin und in der sowjetischen Besatzungszone gegeben hat. Trotzdem ist die Trümmerfrau ein gesamtdeutscher Mythos. Warum sind Trümmerfrauen im kollektiven Gedächtnis sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland so fest verwurzelt?
Frauen waren in der frühen Nachkriegszeit sehr präsent: Viele Männer kamen nicht aus dem Krieg zurück oder erst nach Jahren der Kriegsgefangenschaft. Frauen wurden die Ernährerinnen der Familien, sie mussten Geld verdienen, um Lebensmittel anstehen, für Heizmaterial sorgen, die Kinder beaufsichtigen. Frauen waren die Heldinnen dieser Jahre. Da sie auch häufig Holz aus den Trümmern holten, um etwas zum Heizen zu haben, und mithalfen, die heruntergefallenen Ziegel von Mörtel zu befreien, um sie wiederverwendbar zu machen, entstand der Eindruck, sie seien es gewesen, denen auch die Trümmerräumung zu verdanken war. Das kam überdies der Wunschvorstellung entgegen, die Deutschen hätten das alles aus eigener Kraft geschafft. In Wahrheit mussten jedoch die Alliierten und bald auch wieder professionelle Baufirmen mit schwerem Gerät dafür sorgen, dass die oft über mehrere Stockwerke stehengebliebenen Fassaden gesprengt und die Trümmer abgefahren werden konnten.
Die Zeit zwischen Kriegsende 1945 und der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 gilt oft als "Stunde null" der deutschen Geschichte. War es wirklich ein Neuanfang und inwiefern gibt es Unterschiede zwischen den Besatzungszonen?
In der amerikanischen Zone wurde das gesamte öffentliche Leben heruntergefahren und von der kommunalen Ebene aus wieder aufgebaut. Es gab keine Parteien, Vereine, Zeitungen, Radiostationen mehr, alles musste erst lizenziert werden. Insofern fand eine "amerikanische Stunde null" statt. Auch in den anderen Besatzungszonen war das mit Variationen ähnlich. Natürlich bedeutete das nicht, dass die Menschen von heute auf morgen andere wurden. Doch mit Entnazifizierung, Reeducation, der Neugründung von Parteien und Institutionen auf demokratischer Grundlage entstand zumindest im Westen eine neue Gesellschaftsordnung. Die Umorientierung nach der totalen Niederlage ermöglichte den Neuanfang, der nach dem Ersten Weltkrieg schiefgegangen war.
Die Fragen stellten Arne Peisker und Claudia Moroni.
Sendungsinformationen
Ein Tag in Dresden 1946
Erstausstrahlung ZDF: 9. Januar 2022
Film von Arne Peisker, Jens Afflerbach und Sigrun Laste
Redaktion TV Claudia Moroni
Redaktion Online Michael Büsselberg
Fachberatung
Prof. Dr. Marita Krauss. Die Historikerin lehrte an den Universitäten Bremen, Wien und Augsburg. Seit 2008 ist sie zudem Mitglied der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft.
Zusätzliche Experten im Film
Prof. Mike Schmeitzner: Professor am Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden
Dr. Leonie Treber: Historikerin, TU Darmstadt. Forscht zum Thema „Trümmerfrauen: Mythos und Realität“
Dr. Irmgard Zündorf: Historikerin und Leiterin des Bereichs Public History am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam
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