Ein Tag in ... - Ein Tag in Paris 1775
Ein Tag im Leben des jungen Perückenmachers Léonard Minet, der gegen das starre Klassendenken rebelliert und heimlich Damenfrisuren kreiert.
Frankreich in der Krise
Vom Perückenmacher zum Damenfriseur
Die wichtigsten Ereignisse zur Zeit von Léonard Minet
1715 bis 1774 Regierungszeit von Ludwig XV.
1770 Ludwig XV. verbietet die Parlamente, die sich gegen seine geplanten Staatsreformen sträuben.
Der französische Thronfolger Ludwig heiratet die habsburgische Prinzessin Marie Antoinette.
1774 bis 1793 Regierungszeit von Ludwig XVI.
1774 Ludwig XVI. wird nach dem Tod seines Großvaters mit 19 Jahren König von Frankreich. Er gilt als die neue Hoffnung der Monarchie.
In Paris beginnt eine Reihe von mysteriösen Absackungen von Straßen und Häusern. Grund ist der Abbau von Kalkstein. Der Untertagebau schlägt der Stadt eine tiefe unterirdische Wunde. Erst 1776 reagiert der König und lässt die Stollen flächendeckend absichern.
1775 Paris ist die berühmteste Einkaufsmetropole der Welt. Der Modetourismus boomt.
1776 Frankreich baut die Marine aus und behauptet sich im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen Großbritannien.
1789 Der Sturm auf die Bastille führt zum Ausbruch der Französischen Revolution.
Interview mit Kulturwissenschaftlerin Alexandra Karentzos
Welche Rolle spielt die Mode im Paris des 18. Jahrhunderts?
Paris wird in dieser Zeit, was es heute ist: die europäische Modemetropole. Mode war in der französischen Adelsgesellschaft sehr wichtig: Kleider machten Leute. Man grenzte sich durch teure und aufwendige Kleidung und Perücken gegenüber dem Rest der Gesellschaft ab. Mit weiß geschminkten Gesichtern, Korsetts und weiten, breiten Reifröcken. Sie passen durch normale Türen nicht hindurch, man braucht dafür schon ein Schloss. Aber auch die bürgerliche Gesellschaft, gerade die oberen Schichten, adaptierten, sobald sie konnten, die Mode des Adels. Sie übernahmen dieses luxuriöse Schönheitsideal und schafften durch die Nachahmung der Mode mit der Verarbeitung von billigeren Materialien einen ganz neuen Markt für Mode, und Mode wird zur Massenware.
Welche Rolle spielten die Perücken zu dieser Zeit?
Die Perückenmode war ein ganz wichtiger Teil der sozialen Abgrenzung. Die Perücke markierte vor allem die Abgrenzung gegenüber der einfachen Bevölkerung. Es wird vermutet, dass sie mit Ludwig dem XIV. aufkam, der angeblich an schütterem Haar litt und dieses verbergen wollte. Aber da der König den Ton in Sachen Mode angab, wurde die Perücke schnell zum Trend, sodass die höfische Gesellschaft sie umgehend übernahm. Später gab es dann sogar einen Perücken-Erlass, der Perücken bei Hofe vorschrieb. Genau deshalb waren Perücken natürlich auch für das Bürgertum erstrebenswert. Die Bürger hatten dann kleinere, einfachere Formen, da Perücken sehr teuer und jeweils persönliche Anfertigungen waren. So haben sich für verschiedene Schichten und Berufsgruppen verschiedene Perückenformen entwickelt, und an der Perücke konnte man lange Zeit eindeutig den Stand ihrer Träger ablesen.
Perücken herzustellen ist ein sehr filigranes Handwerk. Welches Ansehen hatten die Perückenmacher?
Der Perückenmacher war in der französischen Gesellschaft des 18. Jahrhundert eine ganz wichtige Person. In ihren Perückenstuben versammelte sich die Bevölkerung, und sie galten als gesellschaftlicher Ort in der Stadt, an dem man sich traf und redete. Eigentlich wie das heute auch Friseuren nachgesagt wird. Sie hatten also eine wichtige Funktion in der städtischen Gesellschaft. Dennoch haben es nicht viele Perückenmacher zu großem Ansehen und Reichtum geschafft.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts werden Echthaarfrisuren Trend. Warum ist dieser Wandel historisch interessant?
Der Wandel in der Haarmode ist ein Spiegelbild gesellschaftlicher Veränderungen. Mit der Aufklärung begann die Emanzipation des Bürgertums. Natürlichkeit und nicht mehr dieses Übertriebene wurde nun großgeschrieben. Das findet man bei Rousseau etwa, der den natürlichen Menschen quasi entwirft – den „homme nature“. Er soll nicht gekünstelt sein. Die bürgerliche Frau soll unverstellt und ungeschminkt sein und keine aufgesetzte Maske mehr tragen. Deshalb wurde die Perücke in bürgerlichen Kreisen immer unbeliebter, und es kam in Mode, das natürliche, eigene Haar zu frisieren. Denn die Perücke wurde zum visuellen Zeichen der aristokratischen Verschwendung und des Luxus, den das Bürgertum eben ablehnte. Diese Ablehnung kann man auch in vielen Karikaturen aus der Zeit studieren, in denen sich über die Perücken und unpraktischen Turmfrisuren des Adels lustig gemacht wird. So haben Perückenmacher umgesattelt und sich als Friseure verdient gemacht. Da die meisten von ihnen aber noch das klassische Perückenhandwerk gelernt haben, gingen die Professionen praktisch ineinander über.
Sendungsinformation
Erstausstrahlung ZDF: 3. März 2019
Buch Jochen Ruderer und Sigrun Laste
Szenenregie Sigrun Laste
Dokuregie Arne Peisker
Redaktion TV Claudia Moroni
Redaktion Online Michael Büsselberg
Prof. Natacha Coquery Historikerin. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf der Neubewertung der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Auswirkungen der Französischen Revolution anhand einer Untersuchung des Luxusmarktes
Zusätzliche Experten
Prof. Alexandra Karenzos: Kunsthistorikerin. Forschungsschwerpunkte sind Mode, Kunst und ästhetische Konzepte.
Dr. Claire Lesage. Historikerin. Ihr Fachgebiet ist die französische Monarchie im Spannungsfeld mit dem aufstrebenden Bürgertum von Paris
Dr. Mathieu da Vinha. Historiker und wissenschaftlicher Leiter des französischen Forschungszentrums von Versailles.