2025 ist Jules Jahr: Sie ist 27 Jahre alt und steht voll im Leben. Sie liebt ihren Job als Grafikdesignerin, ist gerade mit ihrem Mann in eine neue Stadt gezogen und hat seit Kurzem einen kleinen Welpen. Ihr Leben könnte nicht schöner sein – bis sich eines Morgens alles ändert…
Im Juli 2025 wacht Jule morgens um 7:00 Uhr auf und hat starke Kopfschmerzen. Nichts Ungewöhnliches, sie ist Migränepatientin. Sie greift nach den Schmerztabletten in ihrem Nachttisch und merkt dabei, dass ihr Arm ungewöhnlich stark eingeschlafen ist. Auch das beunruhigt sie zunächst nicht, da sie vermutet, dass ihr Arm beim Schlafen eingeschlafen ist. Ihr Mann wird wach, erkundigt sich nach ihr und fragt sie, ob sie denn ihr Bein spüren kann. Jule tastet mit ihrem rechten Bein nach ihrem linken Bein und spürt etwas, was sie zunächst für das Bein ihres Partners hält. Bis sie merkt, dass dieser neben ihr steht, sie die Berührung an ihrem eigenen Bein nicht spürt und ihre komplette linke Körperhälfte taub ist. Außerdem kann Jule kaum noch sehen. Sie wird panisch. Jules Mann ist Arzt und erkennt den Ernst der Lage. Obwohl er zunächst eine besonders schlimme Migräneattacke vermutet, ruft er den Rettungswagen.
Im Krankenwagen hört Jule, wie der Sanitäter zur Fahrerin sagt: „Bitte jetzt Vollgas!“ und realisiert: Sie ist anscheinend ein Notfall. „Ich habe auch in diesem Moment noch nicht an einen Schlaganfall gedacht. Das war einfach nicht in meinem Kopf mit Mitte 20.“ Im Krankenhaus angekommen, vermutet der Neurologe zunächst, dass die Symptome psychosomatisch seien, und schlägt eine Überweisung in die Psychiatrie vor. „Ich habe zu ihm gesagt ‚klar, alles gut, dann gehe ich halt in die Psychiatrie, wenigstens kein Hirntumor…‘“ Doch Jules Mann, der selbst Arzt ist, sagt zum Personal, dass sie das Krankenhaus nicht ohne ein bildgebendes Verfahren verlassen. Eine Radiologin macht daraufhin ein MRT und sieht sofort: Jule hat einen Schlaganfall.
„Das war für mich ein Riesenschock. Ich habe das gaaaar nicht verstanden. Natürlich weiß ich, was ein Schlaganfall ist, und kannte ein paar Symptome. Aber ich dachte einfach, dass ein junger Mensch wie ich keinen Schlaganfall bekommt. Plötzlich hatte ich richtig heftige Panik.“ Zum Glück kann Jule den Zeitraum, in dem der Schlaganfall passiert ist, extrem gut eingrenzen, da sie um 6:00 Uhr noch mit dem kleinen Welpen im Garten war und um 7:00 Uhr mit den Symptomen aufgewacht ist. „Das war mein Glück. Man konnte mich dann mit Blutverdünnern behandeln, das geht nur innerhalb der ersten paar Stunden.“ Doch das Blutgerinnsel in Jules Kopf geht nicht weg. Alle Ärzt:innen sind sich einig: Eine OP an dieser Stelle im Kopf ist ausgeschlossen. Schon am ersten Tag steht fest, dass Jule die Schäden, die sie durch den Schlaganfall erlitten hat, mit Therapie bekämpfen muss: ein langer und schwieriger Weg…
Als ihr Mann, ihre Familie, die direkt zu Besuch kam, und alle Ärzt:innen und Pfleger:innen abends weg sind, realisiert Jule, was an dem Tag passiert ist. „Ich habe mein Leben, wie ich es kannte, komplett an mir vorbeiziehen sehen: Ich konnte nicht laufen, ich konnte meine linke Körperhälfte nicht spüren und ich konnte nicht sehen. Mir wurde zum ersten Mal klar, dass das in Zukunft mein Leben sein könnte.“
Jule ist in einer Familie voller Mediziner:innen aufgewachsen. Alle stecken ihre Köpfe zusammen, um Jule bestmöglich zu versorgen. Ihre Mutter, die Physiotherapeutin ist, kommt bereits am zweiten Tag mit Bällen für Handübungen ins Krankenhaus. In den ersten Tagen kann sie weder stehen noch ihren linken Arm bewegen. Doch sie gibt alles und verlässt nach nur einer Woche laufend (zwar nicht gut, aber laufend) das Krankenhaus. „Ich bin nie in ein Loch gefallen. Ich habe immer proaktiv gesagt: Okay, das funktioniert nicht, was können wir machen? Wie kann ich üben?“ Ihre Familie, besonders ihre Mutter, unterstützt sie extrem dabei, ihre Fähigkeiten zurückzuerlangen. „Ohne die viele Unterstützung wäre ich niemals so schnell so weit gekommen.“ Mit jedem kleinen Fortschritt verfliegt Jules Angst.
Sie besucht eine Reha und zieht währenddessen wieder bei ihren Eltern ein. „Ich hatte tagsüber Reha und habe abends mit meiner Mutter geübt.“ Heute fehlt Jule ein Viertel ihres Sichtfelds, sie humpelt noch leicht und ihr Arm ist eingeschränkt.
“Erst zurück in meinem alten Zuhause habe ich gemerkt, wie viel ich durch meinen Aktionismus verdrängt hatte. Eine Traurigkeit über das, was passiert ist, hat sich in mir breitgemacht.“ Doch Jule gibt nicht auf. Ihr Hund zwingt sie zu täglichen Gassirunden, ihr Mann fährt sie stundenlang zu spezialisierten Therapiepraxen, ihre Eltern sind immer parat. „Ich habe gemerkt, wie unglaublich wichtig ein gutes Umfeld ist. Ich bin allen so dankbar. Ohne sie hätte ich es nicht geschafft. Mein Mann war der allergrößte Segen. Er hat direkt gesagt: Du kümmerst dich jetzt NUR um deine Gesundheit. Du denkst nicht an Geld, du denkst nicht an Organisatorisches, du denkst nicht an den Hund.“ Jule macht immer mehr Fortschritte und kämpft sich in ein neues Leben zurück.
Heute arbeitet Jule zu 50 % remote als Grafikdesignerin und hat sich mit den verbliebenen Einschränkungen arrangiert. Sie kann zwar wegen des eingeschränkten Sichtfelds nicht mehr Auto fahren und ist deswegen längst nicht mehr so flexibel, trotzdem ist sie dankbar: „Ich hatte sofort dieses ‚Ich hatte so viel Glück‘. Es gibt Menschen, die müssen nach einem Schlaganfall neu sprechen lernen – oder überleben ihn erst gar nicht.“
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