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Sensibilisieren wir uns zu Tode?

An einigen gesellschaftlichen Fronten lodern hochempfindliche bis aggressive Debatten im Namen der Moral. Warum gerade jetzt?

Videolänge:
42 min
Datum:
28.11.2021
:
UT
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.11.2026


„MeToo“, „Black Lives Matter“, Genderfragen oder aber – ganz aktuell: der Streit um die richtigen Corona-Maßnahmen. Woher rührt die wachsende Empfindlichkeit bei Einzelnen und in der Gesellschaft? Macht uns das einsam – und was steht für uns alle dabei noch auf dem Spiel? Das fragt Richard David Precht die Philosophin Svenja Flaßpöhler.

Lust an der Empörung

Noch nie war es so opportun wie heute, die eigene Sensibilität und Verletzlichkeit öffentlich zu zeigen. Ob Gender-Diskriminierung, Rassismus oder Freiheitseinschränkungen in Pandemiezeiten - besonders in den sozialen Medien ist eine regelrechte Lust an der Empörung spürbar.

Rückblickend ist Sensibilität eine positive Errungenschaft unserer Zivilisation, meint die Philosophin Svenja Flaßpöhler, die in ihrem aktuellen Buch „Sensibel“ die zeitgenössische „Empfindlichkeit und die Grenzen des Zumutbaren“ in den Blick nimmt.

Sensibilität - eine positive Errungenschaft

Empfindsamkeit sorgte im Verlauf der Geschichte dafür, dass wir immer feinfühliger, höflicher und einfühlsamer miteinander umgingen und legte so das Fundament für wachsende Gerechtigkeit und Fortschritt. Dem Soziologen Norbert Elias und seinem Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ aus dem Jahr 1939 ist es zu verdanken, dass wir heute recht genau nachverfolgen können, wie sich aus einer rohen, gewalttätigen und unhygienischen Gesellschaft die moderne Zivilisation entwickelt hat. Dieser Prozess hatte zudem zur Folge, dass sich unser Bewusstsein als Individuum herausbildete und Gefühle und Befindlichkeiten immer stärker in den Vordergrund traten.

Die Entwicklung sei heute allerdings so weit vorangeschritten, dass sie die Gesellschaft eher zu spalten drohe, als sie zu verbinden, so Flaßpöhler. So empöre man sich beispielsweise darüber, wenn eine farbige Autorin von einer weißen Person übersetzt werden soll.

Alles Private ist politisch

Habe das nicht auch damit zu tun, dass wir das Psychologische überbetonen, fragt Precht. Alles Private sei politisch geworden, so wie es die 1968er einst gefordert hätten. Gefühle, ergänzt Svenja Flaßpöhler, bestimmten zunehmend unser Handeln.

Precht fragt sich, ob dadurch ein offener Dialog nicht immer schwieriger werde. Wenn jede Meinungsäußerung gleich aufs Empfindlichste seziert würde, drohe da nicht eine Schweigespirale, so dass vorsorglich jede Form von Auseinandersetzung vermieden werde?

Welche Weisheits-Strategien und psychologischen Einsichten könnten dieser Gesellschaft helfen, die sich über die Maßen sensibilisiert hat, darüber spricht Richard David Precht mit Svenja Flaßpöhler.

Literaturtipps von Richard David Precht

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