Vanessa lebt dort, wo ihr VW-Bully „Sunshine“ gerade steht. Seit über einem Jahr ist der Bus ihr Zuhause. Dabei war es für die 24-jährige nach einem schweren Autounfall erstmal undenkbar, jemals wieder ein Auto zu betreten.
Vanessa erlebt eine schöne Kindheit und ist seit 2018 in einer langjährigen Beziehung. Doch 2021 wird zu einem Wendepunkt. Vanessa beginnt mit 19 eine Ausbildung zur Fotografin. Sie hat kein eigenes Auto, keine eigene Wohnung und pendelt täglich eine Stunde von Gütersloh. An einem Novembermorgen darf sie den Oldtimer ihres Vaters fahren – ein Auto ohne Airbag und starkem Heckantrieb, das sie kaum kennt.
In einer Kurve fährt sie zu schnell, der Wagen gerät ins Schleudern. Was folgt, ist reiner Kontrollverlust. Der Moment fühlt sich unwirklich an. Vanessa schreit. In ihrem Kopf nur ein Gedanke: “Ich will nicht sterben.” Sie sieht eine Hauswand auf sich zukommen und ist überzeugt, dass sie diesen Aufprall nicht überleben wird. Doch das Auto dreht sich weiter, rutscht auf die Gegenfahrbahn und kommt dort zum Stehen.
Eine Minute später hält ein Auto und jemand ruft den Notdienst. Vanessa antwortet der Helferin, sie müsse sich nur bei der Arbeit abmelden, alles andere sei schon okay. Vor Ort zittert sie stundenlang. Sie wird im Rettungswagen abtransportiert und wacht im Krankenhaus im Schockraum auf. Wegen Corona darf sie kaum Besuch empfangen. Ihr Freund bleibt die ganze Nacht im Videochat bei ihr.
Körperlich trägt sie wenige Schäden mit sich: ein Bänderriss, Prellungen, blaue Flecken. Mental ist nichts mehr wie vorher. Sirenen, laute Geräusche, schreiende Kinder, ihr Nervensystem fährt ständig hoch und Panikattacken folgen. Der Unfall wird zum Einschnitt. Kurz danach denkt Vanessa: “Es hätte einfach vorbei sein können. Ich wollte doch noch so viel erleben!” Sie schreibt alles auf, was sie noch erleben will, eine Bucket List, die zum Sinn ihres Lebens wird. Von diesem Moment an lebt sie für diese Liste.
Der Weg zurück ins Auto ist schwer. Sie fährt monatelang viel zu langsam, konstant zwanzig Stundenkilometer unter dem Limit. Jede Fahrt kostet Überwindung. Nach der ersten Strecke sitzt Vanessa weinend im Auto. Doch sie fährt weiter für ihren Traum vom Leben im Van.
2024 schließt sie ihre Ausbildung ab. Der Plan ist klar: direkt danach in den Bully ziehen. Doch kurz vorher gibt es einen Motorschaden. Die Wohnung ist bereits gekündigt. Vanessa zieht übergangsweise zu ihren Eltern. Ihr Vater sagt: „Komm, wir bauen den Motor selbst wieder ein.“ Wochenlang schrauben sie gemeinsam. Später hilft sogar ein Follower mit. Monate danach ist „Sunshine“ wieder fahrbereit. Die erste Reise geht an den Bodensee. Anfangs lebt Vanessa auf Campingplätzen, alles fühlt sich überwältigend an. Mit der Zeit wird es leichter. Sie fährt weiter, in die Schweiz, nach Frankreich, nach Portugal. Unterwegs findet sie neue Freundschaften.
Ihr Alltag im Van ist aufwändig: Stellplatz suchen, Wasser auffüllen, einkaufen, alles wieder verstauen. Sie lebt ausschließlich auf kostenlosen Stellplätzen. Jeden Tag arbeitet sie an ihrem Social-Media-Content, fotografiert, filmt, schreibt Tagebuch und ist kreativ. Auch ihre Beziehung hält, trotz der Entfernung. Früher haben sie zusammen gewohnt, heute sehen sie sich alle anderthalb Monate für eine Woche bis drei Wochen.
Der Unfall liegt vier Jahre zurück. Es hat lange gedauert, ihn zu verarbeiten. Heute weiß Vanessa, dass er ihr Leben nicht zerstört, sondern neu ausgerichtet hat. Für die Zukunft wünscht sie sich mehr finanzielle Stabilität, vielleicht ein weiteres Standbein. Irgendwann möchte sie sesshaft werden, ein eigenes Fotostudio eröffnen. Doch ihr Van „Sunshine“ soll immer ein Teil von ihr bleiben. Mindestens drei weitere Jahre will sie ihren Traum vom “Vanlife” weiterleben.
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