Newsletter ZDF-Fernsehrat:Die Sorgen der Menschen um den Zusammenhalt
Interview zu den Erkenntnissen aus der Zusammenhaltsstudie mit Susanne Kayser und Dr. Jan-Hinrik Schmidt.
Die Studie von ARD, ZDF und Deutschlandradio "Was die Gesellschaft zusammenhält und was öffentlich-rechtliche Medien dazu beitragen" betrachtet erstmals das gesamte öffentlich-rechtliche System mit Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Susanne Kayser und Dr. Jan-Hinrik Schmidt haben an ihr gearbeitet und nennen wichtige Ergebnisse und Schlussfolgerungen.
Dr. Jan-Hinrik Schmidt (Leipniz-Institut für Medienforschung) und Susanne Kayser (ZDF).
Quelle: ZDF/MPI/D.Aussenhofer/U.Lenz#Fernsehrat: Die Zusammenhaltsstudie von ARD, ZDF und Deutschlandradio ist die erste Studie, die öffentlich-rechtliche Medien ganzheitlich betrachtet. Warum kam diese Studie erst im Jahr 2025 zustande?
Susanne Kayser: Das ZDF hat bereits 2019 eine repräsentative Studie zum Integrationsauftrag umgesetzt und damals Neuland betreten. Es gab zu diesem Zeitpunkt kaum empirische Forschung dazu. Bereits damals haben wir mit dem Hans-Bredow-Institut und dem Institut mindline Medienforschung zusammengearbeitet und erstmals ein Studiendesign entwickelt, das der Fragestellung gerecht wird. Auch in dieser ersten Studie ging es im Kern um den gesellschaftlichen Zusammenhalt und was das ZDF dazu beitragen kann. Die Ergebnisse haben uns intern aber auch nach außen sehr gut geholfen, die gesellschaftlichen Entwicklungen zu verstehen.
Zwischenzeitlich haben ARD, ZDF und Deutschlandradio ihre Zusammenarbeit zum Thema Public Value verstärkt und daher waren wir sofort bereit, eine Neuauflage der Studie gemeinsam mit der ARD und dem Deutschlandradio anzugehen, die das gesamte öffentlich-rechtliche System betrachtet. Es ist somit auch die erste Studie, die wir in dieser Dreierkonstellation umgesetzt haben und ich kann nur sagen, dass sich eine solide Vertrauensbasis entwickelt hat und die Studie durch die Zusammenarbeit vielfältiger geworden ist.
#Fernsehrat: Wie nehmen laut Studie die Menschen in Deutschland den gesellschaftlichen Zusammenhalt wahr?
Jan-Hinrik Schmidt: Die repräsentative Studie zeigt, dass sich viele Menschen Sorgen um den Zusammenhalt machen. Etwa drei Viertel der Deutschen sehen ihn als gefährdet an. Ein ähnlich hoher Anteil ist der Ansicht, dass insbesondere die großen sozialen Ungleichheiten in Deutschland den Zusammenhalt gefährden, während nur 40 Prozent sagen, zu viele kulturelle Unterschiede würden dem Zusammenhalt schaden.
Interessanterweise berichten aber auch deutliche Mehrheiten der Deutschen, dass sie in ihrem sozialen Umfeld, also etwa in der Familie und Freundeskreisen, in der Nachbarschaft oder in Vereinen starke Zugehörigkeit und Zusammenhalt erleben. 80 Prozent haben auch breite Unterstützungsnetzwerke, die ihnen z.B. bei persönlichen Angelegenheiten oder finanziellen Problemen helfen.
Es gibt also eine Diskrepanz zwischen dem Erleben im eigenen Umfeld, wo sich viele Menschen durchaus eingebunden fühlen, und der Einschätzung des gesellschaftlichen Zustands, den viele als polarisiert und fragmentiert wahrnehmen. Ich vermute, dass dies ein Effekt der intensiven und hitzigen öffentlichen Debatten über die Pandemie, die Kriege und die Klimakatastrophe ist, die wir in den letzten Jahren geführt haben. Denn die kommunikative Polarisierung unserer Öffentlichkeit hat zweifelsfrei zugenommen, ohne aber, dass unsere Gesellschaft in ihren Einstellungen und sozialen Beziehungen genauso polarisiert wäre.
#Fernsehrat: Susanne Kayser, Sie haben als Public Value Managerin des ZDF die Erstellung der Studie mit begleitet. Welche Sichtweise hat Ihnen hierbei am meisten geholfen?
Kayser: Aus der Public-Value-Perspektive interessiert mich immer die Frage, welchen Beitrag öffentlich-rechtliche Medien für die Gesellschaft leisten. Eine sehr prägnante Definition von Public Value ist: Public Value is, what the public values. Das kann man leider nicht so präzise ins Deutsche übersetzen, aber ich denke, es ist klar, was damit gemeint ist, es geht um die Frage, welche Wirkung erzielen wir mit dem, was wir tun? Das habe ich viele Jahre als Leiterin der ZDF-Medienforschung untersucht, das kommt mir in meiner jetzigen Funktion, die der Intendant vor vier Jahren neu geschaffen hat, sehr zugute.
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Meine Aufgabe besteht unter anderem darin, gesellschaftliche Erwartungen an das ZDF sichtbar zu machen und daraus Impulse für konkrete Projekte und Aktivitäten abzuleiten – neben und über das Programm hinaus. Man kann die Funktion als Schnittstelle zwischen gesellschaftlicher Forschung, dem öffentlich-rechtlichen Auftrag und der praktischen Umsetzung im Haus verstehen.
Bei solchen Studien geht es uns immer besonders um die Ableitungen. Wir haben beispielsweise vor zwei Jahren eine Bildungsstudie durchgeführt, um den Bildungsauftrag des ZDF genauer zu beleuchten. Daraus ist unter anderem "ZDF goes Schule" entstanden – ein Projekt, das Bildung, Dialog und Begegnung fördert. Insofern sind solche Studien für uns nie reine Bestandsaufnahmen. Sie helfen uns dabei zu verstehen, was die Gesellschaft von uns erwartet und wie wir daraus konkrete Angebote entwickeln können, die einen Mehrwert für die Menschen schaffen.
#Fernsehrat: Gerade junge Menschen nehmen Medien hauptsächlich über Plattformen und im digitalen Raum wahr, die großen amerikanischen Plattformen dominieren den Markt. Wie können die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten überhaupt noch zu den verschiedenen Generationen durchdringen?
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Schmidt: Unsere Studie zeigt, dass es sich lohnt, bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen näher hinzusehen. 93 Prozent der 14- bis 34-Jährigen gehören zum "weitesten Nutzungskreis" öffentlich-rechtlicher Medien, werden also durchaus erreicht. Es ist zwar richtig, dass nur 46 Prozent dieser Altersgruppe zum Stammpublikum öffentlich-rechtlicher Medien gehören, also zumindest ein öffentlich-rechtliches Angebot 4x pro Woche und öfter nutzen. Doch dies liegt vor allem daran, dass junge Menschen eine geringere Bindung an das lineare Fernsehen und Radio haben. Der Anteil der Stammnutzerinnen und Stammnutzern öffentlich-rechtlicher Mediatheken und Audiotheken liegt bei 19 Prozent und damit genauso hoch wie im Bevölkerungsschnitt.
Hinzu kommt: Deutlich mehr als die Hälfte der jüngeren Befragten (58 Prozent) ist der Ansicht, dass öffentlich-rechtliche Medien einen eher oder sehr hohen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leisten. Bei den Altersgruppen zwischen 35 und 70 Jahren liegt der Anteil darunter und bei den über 70-Jährigen mit 62 Prozent nur leicht höher.
Last but not least liegen die Einschätzungen der 14- bis 34-Jährigen, welche zusammenhaltsrelevanten Leistungen die öffentlich-rechtlichen Medien erfüllen, in vielen Fällen über dem Bevölkerungsschnitt. 68 Prozent der Jüngeren sind z.B. der Ansicht, die öffentlich-rechtlichen Medien vermitteln mit ihren Sendungen wichtige Werte unserer Gesellschaft wie Meinungsfreiheit, Demokratie und Toleranz, während es in der Gesamtbevölkerung "nur" 63 Prozent sind.
#Fernsehrat: Welche konkreten Ableitungen aus der Studie ergeben sich für das ZDF?
Kayser: Für mich sind drei Ableitungen besonders wichtig.
Erstens: Die Menschen erwarten von öffentlich-rechtlichen Medien ausdrücklich einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Das sehen 82 Prozent der Befragten so. Diese Erwartung ist also nicht nur ein gesetzlicher Auftrag, sondern auch ein klar formulierter Wunsch des Publikums.
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Zweitens: Zusammenhalt entsteht dort, wo Menschen einander begegnen und unterschiedliche Lebenswirklichkeiten sichtbar werden. Deshalb müssen wir weiterhin die gesellschaftliche Vielfalt von Themen und Menschen abbilden. Dazu gehören auch Ehrenamt und ziviles Engagement.
Drittens: Die Studie zeigt, welche Leistungen besonders geschätzt werden: Menschen erwarten von uns Orientierung, die Abbildung gesellschaftlicher Vielfalt und die Förderung von Verständigung. Diese drei Funktionen – Synchronisation, Repräsentation und Dialog – bieten aus meiner Sicht eine sehr gute Orientierung für die Weiterentwicklung unserer Angebote.
#Fernsehrat: Der Reformstaatsvertrag fordert ein stärkeres Engagement der Sender zur unmittelbaren Beteiligung des Publikums am gesellschaftlichen Dialog. Gibt es in Ihrer Studie Erkenntnisse zu den diesbezüglichen Erwartungen der Nutzerinnen und Nutzer?
Kayser: Ja, und die Ergebnisse sind hier erstaunlich eindeutig. Rund drei Viertel der Befragten erwarten ausdrücklich, dass öffentlich-rechtliche Medien Dialog und Verständigung fördern. Viele Menschen wünschen sich also, dass öffentlich-rechtliche Medien Räume schaffen, in denen unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden und miteinander ins Gespräch kommen können. Die Studie spricht hier von öffentlich-rechtlichen Medien als Infrastruktur gesellschaftlicher Verständigung.
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Für uns ist das ein wichtiger Hinweis. Dialog umfasst lineare und digitale Formate, aber auch Beteiligungsmöglichkeiten und Begegnungen vor Ort. Die Erwartungen des Publikums gehen klar in diese Richtung: Menschen möchten nicht nur adressiert werden, sondern erleben, dass ihre Perspektiven Teil des gesellschaftlichen Gesprächs sind.
Das ZDF hat hier mit "ZDFmitreden", dem "Public Spaces Incubator" und nicht zuletzt mit "ZDF goes Schule" drei Aktivitäten initiiert, die diesem Ziel Rechnung tragen.
Zu den Personen
Susanne Kayser ist seit 2022 Public Value Managerin des ZDF und verantwortet dort die Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Mehrwerts und der Akzeptanz des Senders. Die studierte Publizistin, Betriebswirtin und Psychologin war von 1998 bis 2022 Leiterin der ZDF-Medienforschung und prägte die empirische Qualitäts- und Publikumsforschung des Hauses maßgeblich.
Dr. Jan-Hinrik Schmidt leitet den Programmbereich "Gesellschaftliche Funktionen von Kommunikation und Medien" am Leibniz-Institut für Medienforschung | Hans-Bredow-Institut in Hamburg. Zudem ist er Leiter des Hamburger Standorts im "Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt". Er hat ARD, ZDF und Deutschlandradio bei der Zusammenhaltstudie wissenschaftlich begleitet.