Ein Tag in Nürnberg
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Ein Tag in ... - Ein Tag in Nürnberg 1593 – Der Scharfrichter Frantz Schmidt

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Ein Tag in Nürnberg 1593 – Der Scharfrichter Frantz Schmidt
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Ein Tag in Nürnberg 1593 – Der Scharfrichter Frantz Schmidt

Frantz Schmidt ist Scharfrichter von Nürnberg und gehört zu den Topverdienern der Stadt. Gesellschaftlich aber sind er und seine Familie geächtet, denn sein Beruf gilt als unehrlich.

Terra X
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Ein Tag in Nürnberg 1593 – Der Scharfrichter Frantz Schmidt

Frantz Schmidt ist Scharfrichter von Nürnberg und gehört zu den Topverdienern der Stadt. Gesellschaftlich aber sind er und seine Familie geächtet, denn sein Beruf gilt als unehrlich.

45 Jahre lang kämpft Frantz Schmidt gegen den Makel der "Unehrlichkeit" an. Er hinterlässt ein Tagebuch, das nicht nur sein blutiges Handwerk dokumentiert, sondern auch deutlich macht, wie Frantz gedacht und was er versucht hat, um sich aus seiner Lage zu befreien.

Gesellschaftliche Repressalien

Nürnberg 1593. Die Kriminalitätsrate ist hoch, in der Stadt herrscht ein Klima von Angst und Unsicherheit. Der Rat handelt entschlossen und fordert die gnadenlose Verfolgung und Verurteilung von Straftätern durch den Arm des Gesetzes. Für die Vollstreckung zuständig ist der Scharfrichter Frantz Schmidt. Folter und Hinrichtungen sind sein Alltag, und doch quält ihn sein Tun. Weniger treiben ihn Mitleid mit den Delinquenten oder ein schlechtes Gewissen um, sondern die Gewissheit, dass er und seine Nachkommen dem Status der "Unehrlichkeit" niemals entkommen können.

"Unehrlichkeit" ist damals als Geburtsstand geregelt, wird von einer Generation auf die nächste übertragen und bedeutet neben gesellschaftlichen Repressalien auch eingeschränkte Persönlichkeitsrechte. So muss Frantz tatenlos zusehen, wie seine Kinder in der Schule gehänselt oder verprügelt werden. Und ertragen, dass die Leute die Straßenseite wechseln, wenn sie ihn sehen. Dabei genießt er am Gericht und beim Rat der Stadt hohes Ansehen, nicht nur als Henker, sondern auch als exzellenter Heiler. Häufig werden ihm Patienten geschickt, auch aus "ehrbaren" Kreisen, die ihren eigenen Ärzten nicht mehr vertrauen. Frantz weiß, welche Arzneimittel wirksam sind, wie man einen ausgekugelten Arm wieder einrenkt oder schwere Wunden versorgt.

Kampf aus der "Unehrlichkeit"

Nach 15 Jahren im Amt als Scharfrichter fordert Frantz von der Stadt Nürnberg, ihm endlich das Bürgerrecht zu erteilen. Sein akribisch geführtes Tagebuch gilt vielen Forschern als Beleg für seinen Kampf aus der "Unehrlichkeit". Ob er sein Tagebuch aus Kalkül geführt hat, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Doch das Dokument ist ein nahezu lückenloses Arbeitsprotokoll, das nicht zuletzt auch Aufschluss gibt über das Rechtssystem in der Frühen Neuzeit und die damals gängigen Strafen.

Doch trotz seiner tadellosen Lebensführung, die bis ins kleinste Detail von Kirche und Rat beobachtet wird, stehen die Chancen für Frantz nicht gut. In der Geschichte Nürnbergs gibt es keinen einzigen Henker, dem der soziale Aufstieg gewährt wurde. Auf der Grundlage des Tagebuchs rekonstruiert die "Terra X"-Dokumentation einen Tag im Leben von Frantz Schmidt, an dem sich alles für ihn entscheidet.

Expertenstatements zur Doku

Dr. Markus Hirte, Strafrechtshistoriker und Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg o.T. und einer der Experten für die Nürnberg-Folge ...

... zu Strafprozessen in Nürnberg um 1593
"Städte wie Nürnberg legten sehr großen Wert auf ihr eigenes Recht, eigene Gerichte und eigene Zuständigkeiten, auch und gerade in Strafsachen, denn Strafprozesse waren immer auch ein Zeichen von Unabhängigkeit und Macht – Unabhängigkeit nach außen und Macht nach innen. Im Prinzip glich ein Rechtstag einem "Theater des Schreckens", weil jemand vom Leben zum Tod geschickt wurde, und alle gesehen haben, wie er erhängt, gerädert, enthauptet oder verbrannt wurde. Gleichzeitig hat der Rat von Nürnberg gezeigt: Ein Verbrecher, der sich gegen Gott und die Menschen und das Opfer vergeht, wird gerichtet. Er bekommt seine Strafe. Man muss sich die Bestrafung damals aber immer in Verbindung mit Gott, mit einem Glauben an das Leben nach dem Tod, mit Himmel und Hölle vorstellen. Ein reumütiger Sünder, der sein Todesurteil demütig entgegengenommen hat, konnte noch ins Paradies kommen."

... zur Folter in der frühen Neuzeit
"Es ist eine Fehlvorstellung, dass man folterte, um Unrecht zu tun. Vielmehr betrachtete man seinerzeit die Folter als justizförmiges Verfahren, um Recht zu finden. Es gab immer die Schreiber, die anwesenden Schöffen, und auch der Große Rat der Stadt musste informiert werden. Die Folter wurde in einem Protokoll festgehalten, um gegebenenfalls erklären zu können, dass der Verdächtige gestanden hatte. Es ging immerhin um ein späteres Urteil auf Leben und Tod. Aus diesem Folterprotokoll wurde dann ein förmliches Protokoll erstellt, was der Verdächtige dann noch mal bestätigen musste. Und das war die Grundlage des Urteils. Auf dieser Grundlage wurde das Urteil geschrieben, der Bevölkerung vorgelesen, dann wurde zur Tat geschritten."

... zur "Unehrlichkeit" des Henkers
"Die Ehre war die zentrale Kategorie des Zusammenlebens. Heute ist es das Geld oder der Status, früher war es die Ehre. Man konnte arm sein, aber ehrbar, und das war viel mehr wert als reich und unehrlich. Diese so alt klingenden Ehrbegriffe waren ganz zentral für die Menschen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation – über 1.000 Jahre lang. Als 'Unehrlicher', wie Frantz Schmidt es als Scharfrichter war, hatte er zunächst und oft keine Bürgerrechte und war sozial geächtet. Und der Status hat sich von einer Generation auf die nächste übertragen. Das heißt, sein Sohn hätte gar keinen Lehrberuf ergreifen oder gar studieren können."

Sendungsinformationen

Ein Tag in Nürnberg 1593 - Der Scharfrichter Frantz Schmidt
Erstausstrahlung ZDF: 13. Oktober 2024

Buch Arne Peisker, Vivien Schwarzenberg
Szenenregie Sigrun Laste

Redaktion TV Claudia Moroni
Redaktion Online Michael Büsselberg

Fachberatung
Prof. Dr. Jutta Nowosadtko.
Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Helmut-Schmidt-Universität, Fakultät für Geistes- und Sozialwissenschaften

Zusätzliche Experten im Film
-Prof. Joel Harrington:
Professor für Europäische Geschichte an der Vanderbilt University, USA. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Sozialgeschichte, vor allem zur Zeit der Reformation und der Frühen Neuzeit in Deutschland. 2014 publizierte er seine Forschung zum Nürnberger Henker Frantz Schmidt.
-Prof. Dr. Markus Hirte, LL.M.: Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber. Prof. für Ältere und Neuere Strafrechtsgeschichte an der Rechtwissenschaftlichen Fakultät der Universität Jena
-Prof. Dr. Robert Jütte: Medizinhistoriker mit Forschungsschwerpunkten u.a. auf der Sozialgeschichte der Medizin, Wissenschaftsgeschichte, Alltags- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit und jüdische Geschichte. Er hat zahlreiche Aufsätze und Bücher über Medizingeschichte veröffentlicht

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