Enttäuschte Erwartungen, geplatzte Träume, das Ende der Illusionen: Seit der Invasion der Ukraine hat sich das Bild von Präsident Putin und seiner Politik grundlegend verändert.
Als der neue Präsident Putin 2001 im Deutschen Bundestag sprach, glaubten alle an sein Bekenntnis zur Demokratie. Doch Putin ging sofort daran, die demokratischen Institutionen abzuschalten: freie Medien, die unabhängige Justiz und das gewählte Parlament; und am Ende manipulierte er sogar die russische Verfassung. Dennoch glaubte man im Westen unbeirrt, Putin immer noch einfangen zu können.
Die Rolle der russischen Opposition ist im Westen hartnäckig überschätzt worden. Dissidenten wie Alexej Nawalny sorgten zwar für spektakuläre Aktionen und Demonstrationen. Doch die Mehrheit der russischen Bevölkerung erreichten sie nie. Zumal staatliche Unterdrückung und Zensur das zunehmend unmöglich machte.
"Wandel durch Handel" war das Credo der Deutschen in den Wirtschaftsbeziehungen mit Russland. Nirgendwo war die Verflechtung stärker als im Gaspipeline-Projekt Nord Stream und nirgendwo die Selbsttäuschung offensichtlicher: Statt Versorgungssicherheit und Frieden brachte Nord Stream den Deutschen Abhängigkeit und den Russen politischen Einfluss und Erpressungspotenzial.
Auf seriöse Sicherheitspolitik und militärische Abschreckung glaubte man seit dem Ende des Kalten Krieges verzichten zu können. Erstens hielt niemand mehr Russland für eine Gefahr, und zweites konnte man sich unter dem Schutzschirm der NATO bequem einrichten. Putins Überfall auf die Ukraine hat gezeigt, wie naiv auch diese Einschätzung war.
Schließlich hielten die Deutschen immer viel auf ihre besondere Beziehung zu Russland und ihren direkten Kanal in den Kreml. Aber während die Männerfreundschaft von Ex-Kanzler Schröder zu Wladimir Putin Züge von Lobbyismus entwickelten, erwiesen sich die diplomatischen Kanäle Deutschlands in den vergangenen Jahren zunehmend wirkungslos.