Es ist ein banaler Moment im Juni 2025: Ein Bekannter von Mina (23) möchte ihr auf dem Laptop schreiben und gibt ihren Instagram-Namen in Google ein. Doch statt ihres Profils erscheinen zahlreiche Pornoseiten. Unbekannte haben Bilder aus Minas Vinted- und Instagram-Account ohne ihr Wissen auf Pornoseiten hochgeladen und mit privaten Informationen über sie verbreitet.
Mina wächst mit ihrer Schwester bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Schon als Kind schämt sie sich für die finanziell schwierige Situation ihrer Familie und versucht, sie vor anderen zu verbergen. Im Französischunterricht dreht sie mit ihrem Handy ihren ersten kleinen Film und entdeckt dabei ihre Leidenschaft fürs Filmemachen. In der Grundschule erkrankt Mina an Neurodermitis. Zwölf Jahre lang begleitet sie die chronische Hauterkrankung. 2024 wird ihr Zustand so schwer, dass 90 Prozent ihres Körpers betroffen sind und sie einen Monat in einer bayerischen Klinik behandelt werden muss.
Nach dem Abitur sammelt Mina als Regie- und Aufnahmeleitungsassistentin erste Erfahrungen auf Filmsets. Gleichzeitig beginnt sie, auf Social Media über ihre chronische Erkrankung aufzuklären.
Im Juni 2025 erfährt sie plötzlich, dass ihre Bilder in einem sexualisierten Kontext im Netz kursieren. Auf Seiten wie „Celebforum“ existiert seit zwei Jahren ein eigenes Profil zu Mina. User sammeln dort ihre Bilder, posten Screenshots ihrer Instagram-Stories und Vinted-Artikel und aktualisieren das Profil, sobald sie etwas Neues veröffentlicht. Die Bilder werden mit Tags wie „Teen“, „Ginger“ oder „Braless“ versehen und als vermeintliche „Nude Leaks“ eines OnlyFans-Models vermarktet. Dabei hat Mina zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichung rund 500 Follower, hat nie einen OnlyFans-Account besessen und ist auf den Bildern bekleidet. Teilweise stammen die Fotos aus einer Zeit, in der sie noch minderjährig war. Auf einer der Seiten können Nutzer die Bilder mithilfe von KI in vermeintliche Nacktbilder verwandeln.
Plötzlich blickt Mina anders auf die vergangenen Jahre: Sie fühlt sich beobachtet, empfindet Ekel und Scham. Sexualisierung im Netz ist für sie dabei nichts Neues. Schon als Minderjährige erhält sie auf Vinted belästigende Nachrichten. In einem Nebenjob erlebt sie zudem sexuelle Übergriffe durch einen deutlich älteren Mann. Als sie den Vorfall meldet, wird sie gefeuert. Die Erfahrung mit den Pornoseiten bringt für Mina schließlich das Fass zum Überlaufen.
Um andere Frauen zu warnen, veröffentlicht Mina ein Instagram-Video, inspiriert von Gisèle Pelicots Botschaft: „Die Scham muss die Seite wechseln.“ Das Video wird mehr als vier Millionen Mal aufgerufen. Neben der Aufmerksamkeit erlebt Mina massiven Hass: Todeswünsche und Kommentare wie „Bist du halt selbst schuld“ fluten ihre Nachrichten. Zunächst bereut sie die Veröffentlichung. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, dem Problem ein Gesicht zu geben. Seitdem erreichen sie täglich Nachrichten von Menschen, die Ähnliches erlebt haben.
Als sie versucht, die Veröffentlichungen entfernen zu lassen, wird sie von Google und den Webseiten ignoriert und auch von der örtlichen Polizei fühlt sie sich zunächst nicht ernst genommen. Erst eine Polizistin der Online-Dienststelle hilft ihr, Anzeige zu erstatten. Keine vier Wochen nach dem Vorfall wird das Verfahren eingestellt, weil kein Täter ermittelt werden konnte. Ihr Profil auf „Celebforum“ wird offiziell entfernt. Inzwischen gibt es jedoch Hinweise darauf, dass es lediglich in einen kostenpflichtigen VIP-Bereich verschoben wurde. Auch auf anderen Webseiten sind ihre Bilder bis heute online. Mina startet deshalb eine Petition für mehr Sicherheit auf Plattformen wie Vinted und sammelt innerhalb einer Woche mehr als 30.000 Unterschriften. Besonders absurd: Minas Tragefotos, welche sie aus Protest auf Vinted online ließ, wurden einige Monate später von der Plattform gesperrt. Die Begründung: Die Fotos seien aus dem Internet. Das automatisierte System von Vinted erkennt offenbar ihre Bilder auf den Pornoseiten, nicht aber, dass Mina selbst die Urheberin ist.
Heute ist Mina stolz darauf, für sich einzustehen. Ihre Bilder will sie sich trotzdem nicht nehmen lassen: „Was soll die Lösung sein? Dass Frauen gar nichts mehr posten?“ Sie fordert von der Politik ein entschlosseneres Vorgehen gegen digitale Gewalt. Gemeinsam mit Freunden entwickelt sie derzeit ein Filmprojekt über eine starke Frau und Themen wie Verlust und Missbrauch. Parallel plant sie Bewerbungen an Filmschulen für Regie und bei Filmproduktionen.
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