TRU DOKU - Nach Partynacht: Anna wird vom Zug erfasst
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- 10.03.2026
- ZDF
Nach einer Party verpassen Anna und ihre Freunde und Freundinnen ihren Zug und setzen sich an die Bahnsteigkante. Den nahenden Güterzug hören sie zu spät und Annas Beine werden vom starken Sog erfasst.
Nach einer Party im Umland ist Anna mit Freunden auf dem Weg zurück nach Hause, doch sie verpassen den letzten Zug ganz knapp. Der nächste kommt erst in drei Stunden. Gestrandet auf einem verlassenen Bahnhof mitten im Nirgendwo, setzt sich die Gruppe an die Bahnsteigkante und beginnt am Handy zu recherchieren. Dann fährt plötzlich ein Güterzug auf den Bahnhof zu…
Die Party war vorbei und eigentlich wollten Anna und ihre Freunde Ende Oktober 2022 nur noch nach Hause zurück nach Münster. Doch leider fährt den Vier der letzte Zug des Abends vor der Nase weg. Laut Anzeigetafel kommt der nächste erst in drei Stunden und weil die Party in einem richtigen Kaff stattgefunden hat, hält bis dahin auch sonst kein Zug an diesem Bahnhof. Resigniert beginnen die vier zu recherchieren, wie sie nach Hause kommen. Vielleicht kann sie ja jemand mit dem Auto abholen kommen. “Wir waren alle Studenten und wollten nicht direkt sagen, wir geben viel Geld für ein Taxi aus.”
Anna erinnert sich, dass es kalt war und dunkel und dass es nicht viele Sitzmöglichkeiten gab. Vermutlich setzt sich die Gruppe deshalb an die Bahnsteigkante. Dass das gefährlich sein könnte, darüber denkt Anna in dem Moment nicht nach. Im Internet und am Bahnhof auf den Anzeigen steht, dass der nächste Zug erst in 3h halten soll – im Nachhinein hat sie sich oft gefragt, ob sie anders gehandelt hätte, wenn sie an dem Abend keinen Alkohol getrunken hätte.
Während die Gruppe am Handy recherchiert, sie rechnen also nicht damit, dass in dem Moment ein Güterzug auf den Bahnhof zufährt. “Ich werde oft gefragt, ob wir das nicht gehört haben. Wir haben das einfach nicht erwartet und der Wind stand nicht günstig, deshalb haben wir den Zug zu spät gehört. Aber ja, wir haben ihn dann gehört.” Anna erinnert sich noch, dass ein Taxifahrer ihnen etwas zuruft, doch es ist bereits zu spät. Sie versucht, sich nach hinten zu werfen und sich am Bahnsteig festzuhalten, doch der Sog ist so stark, dass er ihre Beine mitzieht und zerfetzt. “Das waren nur ein paar Sekunden, die dann einfach mein Leben verändert haben.”
Als der Zug durchgefahren ist, sieht Anna überall Blut: “Ich hatte Todesangst, ich dachte, dass ich da verblute.” Ihre beste Freundin eilt ihr zur Hilfe und versucht sie wachzuhalten, der Taxifahrer klemmt ihre Beine mit seinem Gürtel ab und rettet ihr somit vermutlich das Leben. Weil der Bahnhof so fernab vom Schuss ist, dauert es 18 Minuten, bis der Krankenwagen endlich vor Ort ist. Sie merkt, wie sie immer schwächer wird und bittet ihre beste Freundin, dass sie ihre Eltern anruft: “Ich wollte mich verabschieden, ich dachte das wars.” Als die Sanitäter schließlich eintreffen, verliert Anna das Bewusstsein und ist sich heute sehr sicher: Das war Rettung in letzter Sekunde.
Als Anna wieder zu sich kommt, liegt sie auf der Intensivstation. Über anderthalb Jahre verteilt folgen 13 Operationen, darunter mehrere Hauttransplantationen und lange ist nicht klar, ob der Plan der Ärzte wirklich aufgeht oder Annas Beine doch amputiert werden müssen. “Ich war einfach so dankbar, dass ich am Leben war. Ich habe sehr lange nicht verstanden, wie viele Konsequenzen das noch hat.”
Für eine Weile muss Anna dann auch zu ihren Eltern in die Heimat ziehen und ihr Studium unterbrechen. Für sie eine harte Zeit, weil sie das Gefühl hat, dass die Leben ihrer Freundinnen weitergehen und ihres stehengeblieben ist.
Aus der Gruppe vom Bahnsteig hat es Anna mit Abstand am schlimmsten getroffen. Die zwei anderen Mädels saßen gerade im Schneidersitz, als der Zug durchgefahren ist, der eine Typ, der dabei ist, erleidet nur leichte Verletzungen am Fuß und kann nach einem halben Jahr wieder laufen. “Ich hab mich schon oft gefragt, warum es mich so hart treffen musste. Aber ich wünsche es denen trotzdem nicht! Aber es war hart, das so anzunehmen.”
Die Frage, ob sie sich heute nochmal an eine Bahnsteigkante setzen würde, kann Anna ganz klar verneinen. “Diese weiße Linie, die ist da aus einem guten Grund!” Lange Zeit hat sie sich Vorwürfe gemacht, dass sie selbst Schuld sei an ihrem Unfall - inzwischen macht sie das nicht mehr. Nicht, weil sie die Schuld woanders sieht, sondern weil sie gemerkt hat, dass ihr diese Vorwürfe nichts bringen und sie die Vergangenheit nicht verändern kann. Sie weiß auch, dass sie sich seit dem Unfall stark verändert hat. Früher hat sie sehr naiv und sorglos gelebt, war viel feiern. Heute ist sie viel bedachter und vorsichtiger unterwegs.
Dieses Jahr hat Anna endlich ihr Studium abschließen können und arbeitet jetzt in der Unternehmenskommunikation. Es geht ihr deutlich besser; im Sommer hat sie sich auch das erste Mal wieder in kurzen Hosen raus getraut. Doch folgenlos ist der Unfall trotzdem nicht an ihr vorbeigegangen. Neben den Narben an ihren Beinen, hat sie starke Nervenschädigungen und oft Probleme mit Wassereinlagerungen. Aktuell kommt sie gut damit klar, wie es ihren Beinen in 30 Jahren geht, kann niemand so richtig absehen.