Rad-WM in Zürich: Wer von den Deutschen überraschen könnte
Interview
Straßenrennen der WM in Zürich:Wer von den Deutschen überraschen könnte
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Mit den Straßenrennen der Frauen und Männer stehen die Höhepunkte der Rad-WM an. Ex-Profi Marcel Kittel über Strecke, Favoriten und deutsche Medaillenchancen.
Im Zeitfahren ist Antonia Niedermaier erneut U23-Weltmeisterin geworden. Wer von den Deutschen kann im Straßenrennen vorne mitfahren?
Quelle: imago images
ZDFheute: Was unterscheidet die Straßenrennen der Rad-WM von anderen großen Rennen, wie der Tour de France?
Marcel Kittel: Es ist neben der EM und Olympia eines der wenigen Eintagesrennen, in dem die Fahrer in Nationalmannschaften fahren und nicht in ihren gewohnten internationalen Profiteams unterwegs sind. Das heißt, die Sportler haben neue Teamkollegen, die sonst im Profiteam womöglich Konkurrenten sind und müssen sich als Mannschaft schnell finden.
Bei den Ländern, die um den Titel mitfahren gibt es wie in Profiteams eine klare Teamordnung mit Kapitän und Helfern. Aber die Renndynamik ist eine andere. Die Mannschaften sind anders zusammengestellt und das Rennen ist tendenziell unübersichtlicher, weil die Fahrer keinen Funkkontakt zu ihren sportlichen Leitern haben. Sie müssen stärker aufpassen, keinen Angriff ihrer Konkurrenten zu übersehen.
ZDFheute: Die WM-Straßenrennen zählen mit 154 Kilometern bei den Frauen und 274 Kilometern bei den Männern zu den Längsten im Rennkalender. Welchen Fahrertypen kommt der Kurs, der mit mehreren Runden durch Zürich endet, entgegen?
Marcel Kittel
Marcel Kittel: Schaut man nur auf die Zahlen, hat die Strecke von ihrer Distanz und den Höhenmetern her Ähnlichkeiten mit dem Frühjahrsklassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich. Der WM-Kurs ist nicht unbedingt etwas für reine Bergfahrer, sondern eher für kletterstarke Klassikerfahrer. Sie müssen gut über die beiden kurzen Anstiege im Rundkurs kommen, brauchen aber auch das Zeug dazu eventuell auf den letzten Kilometern aus einer Kleingruppe heraus sprinten zu können.
ZDFheute: Wird bei den Frauen die Entscheidung wieder zwischen Titelverteidigerin Lotte Kopecky aus Belgien und der WM-Zweiten von 2023 Demi Vollering aus den Niederlanden fallen?
Marcel Kittel: Beim WM-Zeitfahren am Sonntag war Lotte Kopecky fast anderthalb Minuten langsamer als die Zweite Demi Vollering. Das ist ziemlich viel, gerade weil Kopecky vor zwei Wochen noch Europameisterin im Zeitfahren wurde. Der Kampf um den WM-Titel ist offen.
Ich finde das Frauen-Rennen fast noch spannender als das der Männer, weil es noch unvorhersehbarer ist.
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Marcel Kittel, Ex-Radprofi und ZDF-Experte
Es gibt bei den Frauen eine unheimliche Bandbreite an starken Fahrerinnen, wie Tour de France-Siegerin Kasia Niewiadoma aus Polen oder Elisa Longo Borghini aus Italien als starke Klassikerfahrerin. In Paris hat Olympiasiegerin Kristin Faulkner alle überrascht und könnte auch in Zürich wieder eine starke Leistung zeigen.
Bei den Frauen starten die Fahrerinnen der Altersklasse U23 beim Zeitfahren und auf der Straße gemeinsam mit der Elite. So haben Antonia Niedermaier und Linda Riemann theoretisch die Möglichkeit mit einem Rennen in zwei Altersklassen Medaillen zu gewinnen.
Straßenrennen: Franziska Koch (24, Team DSM-Firmenich-PostNL) Clara Koppenburg (29, EF Oatly-Cannondale) Liane Lippert (26, Movistar Team) Hannah Ludwig (24, Cofidis Women Team) Antonia Niedermaier (21, Canyon-Sram Racing) Linda Riedmann (21, Team Visma-Lease a Bike)
ZDFheute: Bei den Männern ist Tadej Pogacar der große Favorit. Wie kann die Konkurrenz den Slowenen in Bedrängnis bringen?
Marcel Kittel: Die anderen Nationen müssen versuchen, Tadej Pogacar zu isolieren, so wie es seine Konkurrenten bei der Tour de France versucht haben. Allerdings hat Pogacar auch bei der WM mit den Grand-Tour-Etappensiegern Jan Tratnik und Matej Mohoric und dem vierfachen Vuelta-a-Espana-Sieger Primoz Roglic eins der stärksten Teams. Daher wird es sehr schwer ihn von seinen Teamkollegen zu trennen.
Slowenien wird versuchen die bergstarken Klassikerfahrer früh abzuhängen. Es kann sein, dass es bereits 100 Kilometer vor dem Ziel eine Vorselektion der Favoriten gibt.
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Marcel Kittel
Der Parcour am Schluss durch Zürich, auf dem die Männer sieben Runden fahren, enthält nur zwei sehr kurze Anstiege. Über die steilen Stücke kommen die Fahrer in wenigen Minuten darüber. Klassiker-Spezialisten, wie Titelverteidiger Mathieu Van der Poel könnten da immer wieder zurückkommen. Wenn ihnen das gelingt, können sie am Ende um den Titel mitsprinten.
ZDFheute: Wer könnte aus dem deutschen Team für eine Überraschung sorgen?
Marcel Kittel: Ich glaube, dass bei den Männern die jungen Fahrer, wie Giro-d´Italia-Etappensieger Georg Steinhauser und der siebte der Vuelta-a-Espana-Gesamtwertung Florian Lipowitz echt was zeigen können. Für beide ist es aber auch die erste WM, daher ist es die Frage wie sie mit den Gegebenheiten zurechtkommen.
Straßenrennen Elite/Erwachsene: Marco Brenner (22, Tudor Pro Cycling Team) Florian Lipowitz (24, RedBull Bora Hansgrohe) Simon Geschke (38, Cofidis) Georg Steinhauser (22, EF Education EasyPost) Maximilian Schachmann (30, RedBull Bora Hansgrohe) Georg Zimmermann (26, Intermarche - Wanty)
Einzelzeitfahren Elite/Erwachsene: Miguel Heidemann (26, Team Felt Felbermayr) Maximilian Schachmann (30, RedBull Bora Hansgrohe)
Mixed-Staffel-Zeitfahren: Marco Brenner (22, Tudor Pro Cycling Team) Miguel Heidemann (26, Team Felt Felbermayr) Maximilian Schachmann (30, RedBull Bora Hansgrohe)
Der Deutsche Zeitfahrmeister Nils Politt hat eine Teilnahme bei der WM aus persönlichen Gründen abgesagt.
Bei den deutschen Frauen ist die Favoritenlage klarer. Liane Lippert ist die Speerspitze der Mannschaft und wird die Kapitänin im Rennen sein. Sie fährt vielleicht nicht ihre beste Saison bisher, aber sie ist auf einer vergleichbaren Etappe in diesem Jahr bei der Tour de France dritte geworden. Sie ist eine Rennfahrerin, die sich, wenn es um alles geht, nochmal extra motivieren kann.
Wenn die Tagesform stimmt, hat Liane Lippert ernsthafte Medaillenchancen.
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Marcel Kittel
Das Interview führte Benno Krieger.
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