Die ehrliche Lüge: Open-Label-Placebos | Terra-X-Kolumne
Kolumne
Terra X - die Wissens-Kolumne:Die ehrliche Lüge: Open-Label-Placebos
von Jens Foell
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Placebos wirken, solange man daran glaubt - so denkt man zumindest. Studien zeigen aber, dass sie auch dann noch wirken können, wenn über ihre Wirkungslosigkeit aufgeklärt wird.
Der Placebo-Effekt ist etwas ganz Besonderes: Wir erhalten ein Medikament, das keinen tatsächlichen Wirkstoff enthält, und fühlen uns hinterher trotzdem besser. Es gibt mehrere Wirkmechanismen für diesen Effekt.
Eine Möglichkeit: Mein Körper hat sich an die positiven Auswirkungen eines Medikaments gewöhnt und reagiert auch dann mit körpereigenen Schmerzhemmern oder Glückshormonen, wenn ich denke, eine neue Dosis dieses Medikaments eingenommen zu haben.
Andere Option: Jemand verkauft mir ein neues Medikament so glaubhaft, dass ich restlos davon überzeugt bin, dass es wirken muss und daher meine Körpersignale entsprechend interpretiere.
In der Terra-X-Kolumne auf ZDFheute beschäftigen sich ZDF-Wissenschaftsjournalistinnen und -journalisten wie Harald Lesch, Mirko Drotschmann und Jasmina Neudecker sowie Gastexpert*innen jeden Sonntag mit großen Fragen der Wissenschaft - und welche Antworten die Forschung auf die Herausforderungen unserer Zeit bietet.
Anwendung und Nutzen von Placebos
Studien stellen immer wieder fest, dass der Placebo-Effekt einen erheblichen Einfluss auf die Wirksamkeit und Verträglichkeit von Medikamenten oder medizinischen Behandlungen haben kann. Es gibt daher inzwischen Empfehlungen für Mediziner*innen, die Vorteile des Placebo-Effekts zu nutzen. Wie? Beispielsweise solle man die positiven Auswirkungen einer Therapie eher betonen als die potenziellen Nebenwirkungen.
Gezielter Einsatz bleibt medizinethisches Spannungsfeld
Hier kann man zurecht erstmal stutzig werden. Rein medizinethisch wirkt es seltsam, den Eindruck zu steuern, den die Patient*innen von einer Behandlung haben sollen. Die Empfehlungsrichtlinien weisen klar darauf hin, dass eine Täuschung der Patient*innen weder wünschenswert noch notwendig ist.
Vermutlich würden sich selbst Juristen und Philosophen über die Frage nur schwer einigen können, wo in diesem Fall die moralisch vertretbare Manipulation einer Erwartungshaltung aufhört und die nicht mehr erlaubte Unwahrheit beginnt.
Eine neue Lösung: Open-Label-Placebos
Was soll die Medizin also tun, wenn sie weder auf ihre ethische Integrität noch auf die Vorteile des Placebo-Effekts verzichten will? Die Lösung liegt in den sogenannten Open-Label-Placebos: Bei diesen wird einfach kein Hehl daraus gemacht, dass sie keinen Wirkstoff enthalten. Stattdessen werden die Patient*innen offen und transparent darüber informiert, dass sie ein Placebo verschrieben bekommen.
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In neuen Studien zeigt sich, dass auch diese Art von Placebo helfen kann - in manchen Fällen sogar in einem ähnlichen Ausmaß wie ein "klassisches" Placebo. Das klingt zunächst überraschend, da es dabei keine Wirkungserwartung gibt. Aber wie eingangs beschrieben, ist diese bewusste Erwartung nicht der einzige Mechanismus, über den ein Placebo funktionieren kann.
Unsicherheiten in der Forschung: Was wir wissen und was nicht
Die Forschung zu diesem Thema ist noch ein sehr junges Feld, mit entsprechend großen Unsicherheiten. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass die dargereichte Form des Open-Label-Placebos einen Unterschied macht, also ob man zum Beispiel eine Tablette bekommt oder ein Nasenspray.
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Und offenbar spielt der Erwartungseffekt trotz allem auch hier noch eine Rolle: Die Wirkung des Open-Label-Placebos kann auch von der genauen Instruktion abhängig sein. Anders gesagt: Ein Satz wie "Dieses Mittel hier hat keinerlei nachweisbare Wirkung, aber wir probieren das jetzt trotzdem mal" kann Erwartungen auf eine Besserung schüren - denn warum sollte man es sonst überhaupt verschrieben bekommen?
Weitere Forschung für Nutzung notwendig
Es bleibt also verzwickt: Denn es geht nicht nur um die Frage nach Wirkstoff oder nicht, sondern der Placebo-Teufel steckt im Detail. Die Aufgabe der Medizin ist es jetzt, diese unterschiedlichen Facetten des Placebo-Effekts so gut zu verstehen, dass sie den Patient*innen gleichzeitig die effektivste und ehrlichste Behandlung ermöglichen kann.
Eins ist dabei ganz klar: Dort, wo der Placebo-Effekt ganz ohne Täuschung und ohne jegliche Irreführung positiv genutzt werden kann, sollte er die Aufmerksamkeit der Medizin bekommen. Dazu gehört auch, die Patient*innen zu respektieren und in ihren Sorgen ernst zu nehmen.
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... ist promovierter Neuropsychologe, Bestsellerautor und Redakteur bei MAITHINK X. Seine Leidenschaft gilt der Vermittlung von Wissenschaft durch Forschende. Zu diesem Zweck gründete er den beliebten Twitter-Account "Real Scientists DE" und gibt regelmäßig Seminare und Vorträge zum Thema.
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