Spielszene: Hebamme Anna Stein (Julia Thurnau)  steht auf der Straße zwischen anderen Menschen
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Ein Tag in ... - Ein Tag in Köln 1629

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Ein Tag in Köln 1629

Der Alltag der Hebamme Anna Stein steckt voller Herausforderungen. Für ihre Frauen ist sie 24 Stunden im Einsatz. Einblicke in das Leben einer Hebamme in der damals freien Reichsstadt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

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Ein Tag in Köln 1629

Der Alltag der Hebamme Anna Stein steckt voller Herausforderungen. Für ihre Frauen ist sie 24 Stunden im Einsatz. Einblicke in das Leben einer Hebamme in der damals freien Reichsstadt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges.

"Ein Tag in Köln 1629" führt in die damals freie Reichsstadt zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in der die Hebamme Anna Stein (Julia Thurnau) arbeitet. Für ihre Frauen ist sie 24 Stunden im Einsatz. Der Film zeigt ihr Leben zwischen Glaube, Aberglaube und Wissenschaft.

Hohe Kindersterblichkeit

1629 ist das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ein Flickenteppich aus über 300 Territorien. Der Dreißigjährige Krieg verwandelt es in ein Schlachtfeld. Weite Landstriche werden verwüstet und entvölkert. Köln ist für alle Kriegsparteien ein wichtiger Handelspartner und bleibt deshalb von direkten Kampfhandlungen verschont. Dennoch schlägt der Krieg auch in Köln tiefe Wunden. Mangelernährung und Krankheiten sind an der Tagesordnung und treiben die Kindersterblichkeit in die Höhe. Die Hebammen, die sich um das Wohl von Müttern und Kindern kümmern, sind rund um die Uhr im Einsatz.

Schon am Morgen ist Anna mit den Problemen der Zeit konfrontiert. Als Witwe lebt sie im Haushalt ihres Bruders. Die Verhältnisse sind beengt, und die Grippe ihrer Schwägerin kann damals den schnellen Tod bedeuten. Doch als Hebamme hat Anna ein beachtliches Wissen über Heilkräuter, und ihre Mixturen stehen in ihrer Wirksamkeit modernen Präparaten in nichts nach. Auch in der Chirurgie kennt sich Anna aus. Bei einer schwierigen Geburt führt sie sogar selbstständig kleinere Eingriffe durch. Die Wundärzte verstehen noch zu wenig von der weiblichen Anatomie und schrecken zudem davor zurück, eine gebärende Frau am Unterleib zu berühren.

Fake News im 17. Jahrhundert

Anna vertraut aber nicht allein auf ihr Können, sondern setzt ebenso auf magische Praktiken. Der Aberglaube ist in der Bevölkerung tief verankert und bietet den Nährboden für den Glauben an Hexen und Dämonen. Beim Marktbesuch mit ihrer Lehrmagd Katarina wird schnell deutlich, welche Themen die Menschen umtreiben. Die dort ausgehängten Flugblätter - Vorläufer der modernen Zeitung- setzen vor allem auf Schrecken und Sensationen. Das sorgt auch schon in der frühen Neuzeit für Auflage, und die Schreiber überbieten sich mit kruden Geschichten über Wunderwesen und Hexen als Hilfstruppen des Teufels.

Fake News, politische Propaganda und Meinungsmache sind keine Erfindungen der Moderne. Speziell die Berichte über Hexen sorgen für gute Verkaufszahlen und verhelfen dem Thema zur medialen Dauerpräsenz. Die Folgen werden Anna prompt vor Augen geführt, denn eine ihrer Kolleginnen soll noch am selben Tag auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Der Hexenwahn, dem in der Frühen Neuzeit etwa 25.000 Menschen in Deutschland zum Opfer fallen, hat auch das bis dahin ruhige Köln erreicht. Und gerade Hebammen stehen unter dem Verdacht, mit dem Teufel im Bunde zu stehen.

Anna und ihre Lehrmagd haben keine Zeit, sich Gedanken zu machen. Ein Notfall führt sie in das Haus eines Webers. Die Hebamme muss ihr gesamtes Können und viel Geschick aufbieten, um das Leben von Mutter und Kind zu retten. Sie ist sich bewusst, dass der kleinste Fehler zu einer Anklage gegen sie führen kann. Obwohl ihr die Geburt gelingt, gerät Anna in den Strudel des Hexenwahns. Die Frau, die das Leben der Schwächsten retten soll, muss plötzlich für ihr eigenes kämpfen.

Eine Hebamme namens Anna Stein hat es nie gegeben, aber ihre Geschichte ist dennoch wahr – recherchiert und verdichtet aus historisch verbrieften Biographien und neuesten Erkenntnissen der Forschung.

Die wichtigsten Ereignisse zur Zeit von Anna Stein

1570 bis 1630 Kleine Eiszeit mit besonders harten Wintern und Ernteausfällen
1618 Prager Fenstersturz als Beginn des Dreißigjährigen Krieges
1619 Ferdinand II. wird zum deutschen Kaiser gewählt.
1627 bis 1630 Hauptphase der Hexenverfolgungen in der Reichsstadt Köln mit 33 Hinrichtungen.
1627 Die Kölner Patrizierin und Postmeisterin Katharina Henot wird der Hexerei für schuldig befunden und verbrannt. Sie ist wegen ihrer Herkunft aus gutem Hause das bekannteste Opfer der Kölner Hexenverfolgungen. Die Verurteilung ist der Beginn einer Prozesswelle in Köln.
1631 „Magdeburger Hochzeit“. Die Stadt Magdeburg wird durch kaiserliche Truppen unter Heerführer Tilly und General Pappenburg verwüstet.
1637 Nach dem Tod seines Vaters wird Ferdinand III. zum Kaiser gekrönt.

Interview mit dem Medizinhistoriker Prof. Robert Jütte

Der Historiker Prof. Dr. Robert Jütte ist Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert-Bosch-Stiftung in Stuttgart. Sein Spezialgebiet ist der medizinische Alltag in der frühen Neuzeit.

Wie muss man sich den Alltag 1629 in Köln vorstellen? Was waren die Sorgen und Nöte, die den Alltag bestimmten?
Der Dreißigjährige Krieg drohte, auch das neutrale Köln, das bislang von Kampfhandlungen weitgehend verschont war, zu vereinnahmen, und so war die Stadt eine Art Pulverfass. Man schloss sich nach außen ab, hoffte, dass der Feind nicht durch die Mauern kam, gleichzeitig aber stieg innen die Spannung. Und damit nahmen dann auch die innergesellschaftlichen Probleme zu. Die Angst vor grassierenden Krankheiten und Seuchen, wie zum Beispiel der Pest, wuchs stetig in der Bevölkerung. Im Falle einer drohenden Belagerung der Stadt hatte man die Befürchtung, dass die Nahrungsmittel knapp würden. Aus diesem Grund wurde die Verteidigung der Stadtmauer ausgebaut, und man schottete sich immer mehr gegenüber Fremden und Hilfesuchenden ab. Gleichzeitig bildete die frühe Neuzeit auch die Hochphase des religiösen Eifers. Der fanatische Glaube bot ausreichend Nährboden für die Hexenverfolgung, die in einer Zeit höchster militärischer Bedrohung auch Köln erreichte. Die Toleranz, für die Köln auch heute noch bekannt ist, wurde in jenen Kriegsjahren abgelegt.

Wie gut war die medizinische Versorgung zu dieser Zeit im Vergleich zu heute?
Wir machen uns meistens ein völlig falsches, nämlich negatives Bild von der medizinischen Versorgung im frühneuzeitlichen Köln. Wir haben dort damals bereits ein relativ entwickeltes Gesundheitssystem mit ungefähr zwölf Ärzten auf 10.000 Einwohner. Insbesondere was die Hebammen anbetrifft, war die Versorgungssituation besser als heute. Damals kamen in Köln sechs Hebammen auf 10.000 Einwohner. Heute ist es eine einzige Hebamme.

Warum waren gerade Hebammen so wichtig in diesem System?
Wir können uns das nicht mehr vorstellen, weil die meisten von uns im Krankenhaus geboren sind. Hausgeburten sind mittlerweile eine absolute Seltenheit. Damals waren sie die Regel, also 100 Prozent heute ist es ein Prozent. Deshalb war die Hebamme natürlich besonders wichtig für die Geburt eines Kindes. Sie ist diejenige, die die Frau während der Schwangerschaft und nach der Geburt versorgt und die Geburt durchführt. Hebamme war damals ein multifunktionaler Beruf der Gesundheitsfürsorge, er umfasste auch religiöse und sogar polizeiliche Aufgaben. Deshalb brauchten die Hebammen damals nicht nur gute medizinische, pharmazeutische und anatomische Kenntnisse, sondern auch einen einwandfreien Leumund, also aus der heutigen Sicht ein polizeiliches Führungszeugnis, und einen starken katholischen Glauben. Wenn ein Kind bei der Geburt zu versterben drohte, nahmen die Hebammen nämlich die Nottaufe vor. Außerdem waren sie es, die im Falle einer unehelichen Schwangerschaft den Kindsvater ermitteln mussten, um ihn dann bei der kirchlichen Obrigkeit zu melden. Bei Verdacht auf Kindsmord waren die Berichte der Hebammen wichtige Indizien dafür, ob die Mutter eine heimliche Kindstötung vorgenommen hatte.

Das klingt ganz so, als ob die Hebamme auch eine wichtige soziale Stellung in der damaligen Gesellschaft innehatte?
Nein. Leider hatten die Hebammen in mancher Beziehung damals sehr ähnliche Probleme wie heute. Der soziale Status der Hebamme ist ja noch heute relativ gering, gerade was das Einkommen angeht, und das war in der frühen Neuzeit nicht anders. Die Hebammen haben sich meistens aus den ärmeren bürgerlichen Schichten rekrutiert, soweit wir das wissen. Sie wurden schlecht bezahlt, auch dort, wo es eine Hebammenordnung mit Gebührenordnungen gab. Die Erlöse aus der Geburtshilfe waren relativ bescheiden. Zudem lebten die Hebammen in der frühen Neuzeit in stetiger Gefahr, belangt zu werden oder im Extremfall sogar Opfer der Hexenverfolgung zu werden, falls bei einer Geburt etwas schiefging oder sie des Schadenzaubers verdächtig wurden. All das führte dazu, dass der Beruf der Hebamme in der Vormoderne kein besonders angesehener Beruf war.

Sendungsinformation


Ein Tag in Köln 1629
Erstausstrahlung ZDF: 24. Februar 2019

Buch Jochen Ruderer und Jens Afflerbach
Szenenregie Sigrun Laste
Dokuregie Arne Peisker

Redaktion TV Claudia Moroni
Redaktion Online Michael Büsselberg

Fachberatung
Dr. Max Plassmann
Historiker und Archivar am Historischen Archiv mit Rheinischem Bildarchiv Köln

Zusätzliche Experten im Film
Dr. Eva Kreissl
Kulturwissenschaftlerin und Kuratorin am Universalmuseum Joanneum Graz. Forschungstätigkeit: volkskundliche und kulturhistorische Themen wie die Entwicklung der Volksmedizin und des Aberglaubens
Prof. Dr. Robert Jütte Medizinhistoriker mit Forschungsschwerpunkten u.a. auf der Sozialgeschichte der Medizin, Wissenschaftsgeschichte, Alltags- und Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit und jüdische Geschichte. Er hat zahlreiche Aufsätze und Bücher über Medizingeschichte veröffentlicht.
Dr. Christine Loytved Hebamme & Medizinhistorikerin. Dozentin an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften
Prof. Benedikt Kranemann katholischer Theologe und Professor für Liturgiewissenschaft. Sein Forschungsschwerpunkt ist u.a. die Liturgiegeschichte seit der Frühen Neuzeit

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