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Ausstieg aus der Kohle: Abgebaggert

Wie das Leben weiter geht

Braunkohle - einst Energiemotor der DDR und bis heute wichtigster Arbeitgeber in der Lausitz. 2038 ist spätestens Schluss. Der Kampf der Menschen um Zukunft und Überleben hat begonnen.

43 min
43 min
17.08.2021
17.08.2021
UT - AD - DGS
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Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 10.08.2026

In den 1990er-Jahren kam die erste große Entlassungswelle. Jetzt müssen alle, die von der Kohle leben, mit dem endgültigen Ausstieg klarkommen. Gut für die Umwelt - eine Herausforderung für die Menschen. "37°" hat sie durch ein Jahr im Umbruch begleitet.

Arbeitslosenhilfe, Umschulung, Hartz IV?!

Die Industriearbeiterstadt Hoyerswerda steht für den Aufstieg und Untergang der Braunkohle-Ära. Die Einwohnerzahl der Stadt hatte sich zu DDR-Zeiten verzehnfacht, doch heute kämpft sie gegen Einwohnerverlust und Überalterung. Eine Platte nach der anderen wird abgerissen. Ramona, 55 Jahre alt, hat 15 Jahre als Maschinistin in der Kohle gearbeitet. "Haste Geld verdient, das hat sich rumgesprochen", sagt sie. Dann kam die Wende. Über 70.000 Stellen wurden in der Lausitzer Kohleindustrie gestrichen, auch Ramonas. Keiner brauchte mehr Maschinistinnen.

Heute arbeitet sie bei einem sozialen Träger in Hoyerswerda, zu dem auch die Tafel gehört. Den Lohn bezahlt das Arbeitsamt durch ein Förderprogramm für Langzeitarbeitslose. Ramona geht es wie vielen in der Lausitz: Arbeitslosenhilfe, Umschulung, Hartz IV und die nächste Weiterbildung. Doch bis heute hat sie nicht aufgegeben. Der Film begleitet sie bei ihren unermüdlichen Versuchen, noch einmal eine reguläre Arbeitsstelle zu finden.

Lausitz ohne Kohle? - Unvorstellbar?!

Michael, 61 Jahre alt, ist Steiger im Tagebau Jänschwalde bei Cottbus. Wenn er bei Sonnenaufgang in den Tagebau fährt und die großen Bagger sieht, ist er glücklich. Die Vorstellung, dass er einmal als Bergmann nicht mehr gebraucht wird, schmerzt ihn. Eine Lausitz ohne Kohle ist unvorstellbar für Michael. Der Tagebau, die Braunkohle, die Kumpels, sie haben Michaels Leben geprägt. Seine Sorge ist, "dass insgesamt die Gegend unattraktiv wird. Entweder hohe Arbeitslosigkeit oder die Leute ziehen der Arbeit hinterher." Die meisten von Michaels Kollegen "können sich keine Veränderung mehr vorstellen". Doch das Ende rückt jeden Tag näher. 2023 wird im Tagebau Jänschwalde bereits Schluss mit der Kohleförderung sein. Für Michael wird es ein schmerzhafter Tag werden.

"Wenn der Bagger vor der Türe steht, dann bleibt keine andere Wahl", sagt Marianne, 81 Jahre alt. Die Angst, dass sie ihr Haus wegen der Kohle räumen muss, begleitet sie ihr ganzes Leben. "Wenn ich das bei vollem Bewusstsein erleben müsste, das wäre sehr hart." Der Ort Proschim steht auf der Liste der Dörfer, die als Nächstes abgebaggert werden könnten. Bei Wind kann man die Bagger vom Tagebau Welzow-Süd hören, die unaufhörlich weiter graben. Zu DDR-Zeiten hat Marianne in der LPG die Rinderzucht geleitet. Sie ist in Proschim geboren und hat ihr Leben dort verbracht. Das Dorf ist tief gespalten in jene, die ihr Haus gewinnbringend an den Kohlebetreiber verkaufen, und jene, die den Ort retten wollen. "Man grüßt sich, man unterhält sich, aber man unterhält sich nicht über Kohle." Solange sie kann, will sie kämpfen, dass der Ort auch die nächsten 100 Jahre erhalten bleibt.

Überlebenskampf in strukturschwächer Gegend

"Ich bin eine stolze Lausitzerin", sagt Abim. Und wenn es möglich ist, soll das auch so bleiben. 2002 kam sie aus Kamerun, hat in Cottbus promoviert, drei Kinder zur Welt gebracht und eine Arbeitsstelle bei der LEAG gefunden, dem Kohlebetreiber in der Lausitz. Doch Kohleausstieg heißt auch Personalabbau. Abims Arbeitsvertrag bei der LEAG wurde nicht verlängert. Doch sie zweifelt, dass sie und ihre Kinder in der Lausitz noch eine Zukunft haben. Gerade die Corona-Pandemie hat die Situation auf dem Arbeitsmarkt zusätzlich erschwert. Abim ist 43 Jahre alt und alleinerziehende Mutter. Ihre drei Töchter wollen unbedingt bleiben. "Ich denke, dass für meine Kinder hier die Zukunft nicht so groß ist. Aber es wäre schön, wenn nicht alle umziehen oder wegziehen." Ob sie bleiben kann, ist offen.

Hoa und Chièu kamen zu DDR-Zeiten in den 1980er-Jahren aus Vietnam in die Lausitz als sogenannte Vertragsarbeiter. Chièu arbeitete in der Kohle, Hoa im Textilkombinat. Doch mit der Wende endete auch ihre Arbeit. Es begann ein Überlebenskampf in einer immer strukturschwächer werdenden Lausitz. Auch das politische Klima machte es nicht leichter. Die Anschläge gegen Vietnamesen und Mosambikaner der "Lausitzer Braunkohle AG" 1991 in Hoyerswerda gingen um die Welt. Heute betreibt das Ehepaar ein Teehaus in Lauchhammer. Es ist ein Existenzkampf, der keinen Ruhetag ermöglicht. "Die Alten sterben, die Jungen sind weg, die ein bisschen gut verdienen, machen jetzt Onlineshopping." Aufgeben ist keine Option für das Ehepaar, denn die Lausitz ist ihr Zuhause geworden: "Hier sind wir angekommen."

Der Braunkohlebetreiber LEAG ist heute noch der größte Arbeitgeber der Region Lausitz. Er sichert knapp 8000 Menschen ihren Lebensunterhalt. Weitere 5000 sind als Dienstleiter oder Zulieferer indirekt von der Braunkohleindustrie abhängig. Doch ihre CO2-Bilanz ist katastrophal. Das Verbrennen fossiler Energie schadet massiv der Umwelt. Daher soll bis spätestens 2038 damit Schluss sein. Es ist das Ende einer Ära und einer der größten wirtschaftlichen und sozialen Umbruchsituationen in der Lausitz seit der Wende. Die Sorgen und Ängste vieler Menschen, wie es weitergehen soll, sind gewaltig. Die Lausitz gilt heute schon als strukturschwach. Was wird sein, wenn die letzten Tagebaue schließen?

37 Grad-Autor Gregor Eppinger über "Abgebaggert"

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