Start vor 60 Jahren:"Aktion Mensch" - Soziallotterie im Wandel
von Andrea Budke
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Am 9. Oktober 1964 startete die Soziallotterie als "Aktion Sorgenkind" im ZDF. Ihre Geschichte dokumentiert auch einen Wandel im gesellschaftlichen Umgang mit "Behinderung".
Aktion Mensch, Deutschlands größte Sozialllotterie wird 60 Jahre alt. Mehr als 5 Milliarden Euro Fördergelder wurden in soziale Projekte gesteckt und der gesellschaftliche Blick auf Menschen mit Behinderung vollkommen verändert.04.10.2024 | 3:29 min
"Da oben im sechsten Stock habe ich gewohnt", erzählt Renate Geifrig. Vom Rollstuhl aus deutet sie auf einen Balkon der Münchner Stiftung Pfennigparade. Als Teenager war sie hier mit ihrer Familie eingezogen. Die barrierefreie Einrichtung gehörte zu den ersten von der Aktion Sorgenkind geförderten Projekten. "Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich alleine das Haus verlassen", sagt die heute 66-jährige. "Vorher mussten mich die Eltern jedesmal runtertragen". Für die Münchner Diplompsychologin begann so ein autonomes Leben.
Ohne die Aktion Mensch wäre es sicher anders verlaufen.
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Renate Geifrig
Das Leben Millionen anderer Menschen mit Behinderung womöglich auch. Es war der Conterganskandal, der vor 60 Jahren den Anstoß zur Gründung der Aktion Mensch - damals noch Aktion Sorgenkind - gab. Hervorgerufen durch das Schlafmittel Contergan wurden Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre tausende Kinder mit schweren Behinderungen geboren.
Die "Aktion Mensch", Deutschlands größte Soziallotterie, wird 60 Jahre. Am 9. Oktober 1964 wurde sie erstmals ausgestrahlt, damals noch als "Aktion Sorgenkind".12.10.2024 | 15:00 min
Der Anfang: "Vergissmeinnicht" mit Peter Frankenfeld
"'Behinderung' war plötzlich kein Einzelfall mehr, wurde zu einem gesellschaftlichen Anliegen", erzählt Christina Marx, die heutige Sprecherin der Aktion Mensch. Der ZDF-Journalist Hans Mohl machte sich das Thema zu eigen, gab den Impuls zur Gründung der Initiative. So lief am 9. Oktober 1964 die erste Fernsehlotterie der Aktion Sorgenkind im ZDF: "Vergissmeinnicht" mit Peter Frankenfeld.
Showmaster Wim Thoelke machte später gemeinsam mit den Figuren Wum und Wendelin den "Großen Preis" zum Flaggschiff der Aktion Sorgenkind. Große Unterhaltung, verknüpft mit dem Thema Behinderung:
Zur besten Sendezeit, nämlich um 20.15 Uhr, mit diesem Thema umzugehen, war völlig neu und ungewöhnlich gewesen, und ich glaube, dass es auch damals für eine große Überraschung gesorgt hat, dass das ZDF sich das traut.
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Norbert Himmler, ZDF-Intendant
Die "Aktion Mensch", Deutschlands größte Soziallotterie, wird 60 Jahre. 19.10.2024 | 15:00 min
Namensänderung nach Protesten
Gegen die damals noch übliche Mitleidshaltung der Gesellschaft protestierten die Menschen mit Behinderung. "Damals hieß das ja noch Aktion Sorgenkind", sagt Renate Geifrig. "Diese Zuschreibung als 'Sorgenkind' war für die Menschen mit Behinderung ganz fürchterlich".
Die Aktion Sorgenkind reagierte: mit einer Kampagne für Respekt statt Mitleid - und mit einer Namensänderung. Aus "Aktion Sorgenkind" wurde "Aktion Mensch". Auch das Spektrum der "Aktion Mensch" erweiterte sich im Laufe der Jahre: Zur "Förderung" kamen "Aufklärung" und "Inklusion" sowie "Kinder- und Jugendhilfe". Mehr als 5,4 Milliarden Euro an Fördergeldern flossen seit ihrer Gründung in die geförderten Projekte.
"Das Wir gewinnt", heißt es bei der "Aktion Mensch". Die Sendung präsentiert die Gewinner der Lotterie und zeigt, welche Projekte gefördert werden.06.10.2024 | 2:30 min
Die großen Fernsehshows wurden von modernen Videospots abgelöst. Das ZDF als medialer Partner und Vereinsmitglied blieb und bleibt aber im Boot. "Das ZDF hat sich auf die Fahnen geschrieben, den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken", sagt ZDF-Intendant Himmler, "gerade in Zeiten, in denen wir merken, dass Vieles umkämpft ist, auch in unserer Gesellschaft, passt beides perfekt zusammen."
Es bleibt noch viel zu tun
Eine Wahrnehmung, die auch Renate Geifrig teilt. Die Diplom-Psychologin arbeitet als peer-Beraterin, coacht andere Menschen mit Behinderung in den Bereichen Arbeiten, Wohnen, Mobilität. Im Hinblick auf Inklusion und selbstbestimmte Teilhabe sieht sie da noch sehr viel Luft nach oben. Diese Einschätzung teilt 15 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland auch die Aktion-Mensch-Sprecherin Christina Marx:
Wir werden regelmäßig als Land geprüft und bekommen schlechte Noten.
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Aktion-Mensch-Sprecherin Christina Marx
Das sei hauptsächlich so, "weil wir immer noch viele Sondersysteme haben im Bereich Arbeit, Wohnen und Bildung", sagt Marx und ergänzt: "Das zeigt, dass wir zwar in Inklusion ein Stück weiter nach vorne gekommen sind, aber immer noch viel zu tun ist".
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