Studie von Klinik: Klimawandel führt zu mehr Frühgeburten

    Studie der Hamburger Uni-Klinik:Klimawandel führt zu mehr Frühgeburten

    ZDF-Reporter Sven Rieken in Hamburg
    von Sven Rieken
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    Eine Studie der Hamburger Uni-Klinik belegt erstmals einen Zusammenhang zwischen hohen Temperaturen und Frühgeburten. Hitzestress kann demnach die Wahrscheinlichkeit stark erhöhen.

     Im Perinatalzentrum vom Universitätsklinikum wird ein zu klein geborenes Kind im Inkubator betreut.
    In Hitzephasen kommt es wesentlich öfter zu Frühgeburten – das zeigt eine Studie der Uniklinik Hamburg. Bei andauernden Temperaturen von über 35 Grad steige das Risiko auf 45 Prozent.23.06.2023 | 1:38 min
    Vier Wärmebetten stehen in dem Raum in der fünften Etage des Hauptgebäudes der Hamburger Uni-Klinik. Es piept, Monitore zeigen Puls, Herzschlag und viele andere Werte an, und ein leises Meckern ist zu hören.
    Daria wog 800 Gramm bei ihrer Geburt. Inzwischen ist das Frühchen mehr als 1.000 Gramm schwer und drei Wochen alt. Trotzdem wirken die kleinen Füßchen in den Händen von Mama Ramona Oks wie zerbrechliche Streichhölzer. Ramona wohnt seit der viel zu frühen Geburt ihrer Tochter neben der Klinik. "Viel Hautkontakt, viel Sprechen sind für die Frühchen das Wichtigste", erläutert Krankenschwester Lena Tiede.
    Frühgeborenes Baby liegt bei seinem Vater auf der Brust.
    Daniel Pelz, Journalist und Vater von Zwillings-Frühchen, im Gespräch17.11.2022 | 10:22 min

    Frühgeborene: Eine vom Klimawandel betroffene Gruppe

    Daria und die drei anderen Frühchen sind die Allerkleinsten auf der Neonatologie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Sie machen von allen Frühgeburten zehn Prozent aus. "Von diesen frühen Frühchen sprechen wir, wenn die Kinder vor der 30. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen", erklärt Prof. Dominique Singer, Leiter der Neonatologie.

    Bei diesen Kindern sind die Organe noch nicht ausgebildet, auch die Lunge atmet noch nicht eigenständig.

    Prof. Dominique Singer, Leiter der Neonatologie

    Anders ist es bei den Frühchen, die ab der 30. Schwangerschaftswoche geboren werden. In dem kleinen Körper ist zwar alles gut entwickelt, es fehlen aber Zeit zum Wachsen und vor allem die Abwehrstoffe der Mutter, der sogenannte Nestschutz.
    Genau diese Gruppe von Frühgeboren - derzeit etwa 70.000 Kinder im Jahr in Deutschland - ist vom Klimawandel betroffen. Steigen die Temperaturen auf mehr als 35 Grad - so die Auswertung des UKE - steigt das Risiko für eine Frühgeburt um 45 Prozent.

    Hitzestress verantwortlich für Anstieg von Frühgeburten

    Erstmals konnten Forschende damit eine direkte Verbindung zwischen ansteigenden Temperaturen und direkten Auswirkungen auf menschliches Leben ziehen.
    Demzufolge führt Hitzestress ausgelöst durch Temperaturen von 30 Grad zu einem 20-prozentigen Anstieg von Frühgeburten, ab 35 Grad ist beinahe jede zweite Schwangere betroffen.
    "Auffällig", so Studienleiterin Prof. Petra Arck, "ist dabei, dass die werdenden Mütter ein bis zwei heiße Tage gut überbrücken können".

    Ab dem dritten oder vierten Tag ohne merkliche Abkühlung aber setzen vermehrt vorzeitige Wehen ein.

    Prof. Petra Arck, Studienleiterin

    Die Prognose der Studie geht so weit, dass in zehn Jahren bei fortschreitender Häufigkeit von heißen Sommertagen bereits jedes 6. Kind in Deutschland zu früh auf die Welt kommt - das wären doppelt so viele Frühgeburten wie heute.

    Patientendaten mit Daten des DWD abgeglichen

    Die Mitautorin der Studie, Prof. Anke Diemert, die am UKE den Studiengang Hebammenwissenschaft leitet, weiß, was eine Frühgeburt für die Heranwachsenden später bedeutet:

    Eine Geburt vor der 37. Schwangerschaftswoche kann Langzeitfolgen haben. Konzentrationsstörungen, schlechtere Schulleistungen, ein höheres Risiko für Infektionen, Allergien, Asthma und Übergewicht.

    Prof. Anke Diemert, Mitautorin der Studie

    Diese Daten erhebt das UKE bereits seit 20 Jahren. Die mehr als 42.000 Patientendaten mit den Daten vom Deutschen Wetterdienst abzugleichen, ist dagegen weltweit einmalig.
    Diemert und Arck ist wohl bewusst, dass die Studie Aufsehen erregen wird. Sehr bewusst wollen die beiden damit die Aufmerksamkeit auf Schwangere lenken - und, dass die Sensibilität auch gegenüber hohen Temperaturen steigt.
    Ihr Tipp daher an werdende Mütter: keine direkte Sonnenstrahlung, viel Trinken und - wenn möglich - klimatisierte Räume nutzen. Der klassische Badeurlaub in praller Sonne jedenfalls sollte es im Sommer nicht mehr sein. Nach Schätzung der Forschenden dauert es 20 bis 30 Jahre, bis sich der Körper an die steigenden Temperaturen gewöhnt hat.

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