Polen: Queer und katholisch - trotz Hass der Kirche

    Polen:Queer und katholisch - trotz Hass der Kirche

    von Astrid Benölken
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    Die katholische Kirche hetzt in Polen offen gegen die LGBTQ-Gemeinschaft - und trotzdem gibt es queere Gläubige. Für sie ist es ein täglicher Kampf um Akzeptanz.

    Demo der LGBTQ+-Community in Warschau, Polen
    Kampf um Akzeptanz der LGBTQ-Gemeinschaft in Polen. (Archivbild)
    Quelle: ap

    Sieben Jahre lang ging Tomasz Kaczmarek regelmäßig zur Beichte. Und doch sprach ihn der Priester in all den Jahren am Ende dieser Gespräche nie von seinen Sünden los, erteilte ihm niemals die Absolution. Denn Kaczmarek ist zwar überzeugter Katholik  - aber er lebte auch offen schwul mit seinem Partner zusammen. Der 30-Jährige sagt:

    Gott hat mich so gemacht, das kann keine Sünde sein.

    Tomasz Kaczmarek, Anhänger der LGBTQ-Community

    LGBTQ-Community wird als "Regenbogenpest" beschimpft

    Katholisch und queer sein - diese zwei Identitäten sind in Polen nur schwer miteinander vereinbar. Denn vor allem die katholische Kirche gilt mit als größter Treiber des Hasses gegen die LGBTQ-Gemeinschaft im Land.
    Die Hetze kommt von ganz oben: Von Bischöfen wie Marek Jędraszewski, der die LGBTQ-Community offen als "Regenbogenpest" beschimpft hat, von der polnischen Bischofskonferenz, die gleichgeschlechtliche Beziehungen und Regenbogenfamilien ablehnt, weil sie "eindeutig gegen die menschliche Natur und das Gemeinwohl" verstießen, von Kirchenoffiziellen, die Homosexualität in die Nähe von Pädophilie rücken.
    Was versprechen sich junge Menschen wie der queere Religionslehrer oder die junge Theologiestudentin von der katholischen Kirche?27.05.2022 | 2:08 min

    Unzufriedenheit gegenüber der Kirche wächst

    Queere Katholiken wie Kaczmarek leben im ständigen Zwiespalt. "Jede Woche stehe ich mindestens einmal kurz davor, aus der Kirche auszutreten", sagt auch Uschi Pawlik, Übersetzerin aus Warschau und bisexuell. 

    Ganz ehrlich: Die katholische Kirche ist eine schreckliche Organisation. Sie ist einfach zu groß, um ehrlich, gerecht und gut zu sein.

    Tomasz Kaczmarek

    Auch außerhalb der LGBTQ-Community wächst die Unzufriedenheit gegenüber der Kirche. Sie hat zuletzt stark an Vertrauen eingebüßt. Denn wie in Deutschland gab es verschiedene Missbrauchskandale, die bestenfalls widerwillig aufgearbeitet werden. Außerdem hat die Kirche viel Kritik dafür geerntet, dass sie der polnischen Regierung nahesteht und das strikte Abtreibungsverbot forciert.

    Institution unterstützen, die die LGBTQ-Community nicht akzeptiert?

    Glaube und Kirche gehören inzwischen nicht mehr zwangsläufig zusammen. Denn während die Zahl der Gläubigen - in Polen sind es fast 90 Prozent - zwar jedes Jahr geringfügig abnimmt, ist die Menge der Gottesdienstbesucher drastisch gesunken, zeigen aktuelle Zahlen von 2021. Und das liegt nicht nur an der Corona-Pandemie.
    Vor allem junge Polen fühlen sich nicht mehr aufgehoben in der Institution Kirche, belegte vergangenen Sommer eine Umfrage unter 100.000 Katholiken. Die Kirche "sorgt für Enttäuschung unter ihren Mitgliedern, weil sie eher einer missgewirtschafteten Institution ähnelt als einer Gemeinschaft mit charismatischen Anführern", folgerte die Studie.
    Als junge queere Katholikin habe sie oft das Gefühl, sich in der LGBTQ-Community für ihren Glauben rechtfertigen zu müssen, erzählt Martyna Kamińska. Wie könne sie eine Institution unterstützen, die sie als Person hasse? "Es gab keine Menschen, die gleichzeitig diese beiden Teile von mir verstehen konnten", sagt die 24-Jährige.

    Initiative "Glaube und Regenbogen"

    Nicht-glauben war für sie, wie auch für Kaczmarek und Pawlik, keine Option. "Ich habe beschlossen, an der Kirche festzuhalten, weil ich sie von innen heraus verändern möchte", sagt Pawlik. Dann hörte sie zum ersten Mal von "Glaube und Regenbogen", einer Initiative, die sich für mehr Akzeptanz für queere Christen einsetzt. Pawlik war direkt begeistert, inzwischen leitet sie eine der polenweit sechs Ortsgruppen. Ein Großteil der Mitglieder ist wie sie katholisch.
    Regelmäßig treffen sie sich auf Diskussionen und Themenabende, manchmal auch zum Kino, Wandern oder auf ein Gebet. Das Wichtigste aber ist der Austausch untereinander. Es sei der erste Ort, erzählt Kamińska, wo sie sich nicht für eine ihrer Identitäten entscheiden müsse. Die Gruppe sei für sie zu einem Zuhause geworden, sagt Pawlik.
    Tomasz Kaczmarek ist vor wenigen Monaten zur Gruppe dazugestoßen:

    Zum ersten Mal habe ich das Gefühl: Hier gehöre ich hin

    Tomasz Kaczmarek

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