Frankreich nach der Wahl: Zukunft der Demokratie in Gefahr
Interview
Politik-Krise in Frankreich:"Eine der letzten Chancen" für die Demokratie
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Wissenschaftlerin Claire Demesmay vom Forschungszentrum Centre Marc Bloch im Interview zur Situation in Frankreich, den Folgen für Europa und das deutsch-französische Verhältnis.
Nach der Wahl in Frankreich zeigt sich der Bundeskanzler erleichtert, ebenso wie andere europäische Regierungschefs. Frankreichs Rolle in der EU dürfte sich dennoch ändern.09.07.2024 | 2:49 min
ZDFheute: Wie beschreiben Sie die aktuelle Lage in Frankreich?
Claire Demesmay: Chaotisch. Präsident Macron wollte mit der Neuwahl Klarheit schaffen, das Ergebnis ist ein totales Politik-Chaos. Die Nationalversammlung ist zersplittert, keine Partei hat die Mehrheit aber alle haben den Anspruch, den Premierminister zu stellen. Und egal wer es wird - ganz viele sind dann enttäuscht.
Frankreich steht vor einer zähen Regierungsbildung. Das könne die Rolle des Landes in der EU schwächen. In Brüssel blicke man darauf mit Sorge, sagt ZDF-Korrespondent Ulf Röller.08.07.2024 | 3:09 min
ZDFheute: Wie nehmen das die Franzosen wahr?
Demesmay: Die Bürger haben Verantwortung gezeigt, viele haben gegen Ihren Willen gewählt. Aber das Gefühl herrscht, dass die Politik verantwortungslos handelt. Niemand will mit den anderen koalieren. Alle wollen nur ihr Programm durchziehen ohne Kompromisse. Was die Leute erwarten, ist eine klare Politik und mehr soziale Gerechtigkeit.
Quelle: DGAP
… ist Expertin am Centre Marc Bloch im Fachbereich Politikwissenschaft. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die deutsch-französische Zusammenarbeit, die Europapolitik Frankreichs und Deutschlands sowie die Rolle der Zivilgesellschaft in den internationalen Beziehungen.
ZDFheute: War der RN wirklich der Verlierer des zweiten Wahlgangs?
Demesmay: Der RN wurde zwar nur drittstärkste Kraft, aber er hat mit seinen Partnern 10 Millionen Stimmen erreicht. 10 Millionen! Vor zwei Jahren waren es vier. Der RN ist die Partei, die am stärksten und schnellsten gewachsen ist.
Aufatmen, dass der erwartete Rechtsruck ausblieb, gleichzeitig aber auch Sorge vor einer unsicheren Zukunft – Frankreich steht von einer schwierigen Regierungsbildung. 08.07.2024 | 1:59 min
ZDFheute: Was bedeutet das?
Demesmay Das zeigt eine "Malaise", das Unwohlsein Frankreichs. RN wird nicht den Premierminister stellen. Aber bei der nächsten Präsidentschaftswahl oder bei einer neuen Parlamentswahl in einem Jahr könnte er noch wachsen. Für mich ist das jetzt eine der letzten Chancen für die französische Demokratie. Die Politik muss dringend liefern und Verantwortung zeigen.
Demesmay: Macron ist geschwächt. Er hat stark an Glaubwürdigkeit verloren, auch außerhalb Frankreichs. Seine Initiativen, die schönen Reden über europäische Souveränität - damit wird er die europäischen Partner nicht mehr überzeugen können. Die französische Politik wird in den nächsten Monaten, vielleicht sogar Jahren, mit sich selbst beschäftigt sein. Alle Ressourcen werden in Richtung Inland fließen. Da bleibt wenig für Europa und für die internationale Politik übrig.
Zwar fiel der Rechtsruck bei der Parlamentswahl in Frankreich geringer aus als erwartet, das Saarland blickt dennoch mit Sorge auf die politische Lage jenseits der Grenze.12.07.2024 | 2:22 min
ZDFheute: Wie steht es um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Frankreich und Deutschland?
Demesmay: Wirtschafts- und Handelsbeziehungen bilden eine Säule der deutsch-französischen Zusammenarbeit. Sie werden weitergehen, aber die Wirtschaft lebt vom politischen Vertrauen. Die Richtung muss stehen, zum Beispiel für den Haushalt und für die Arbeitsbedingungen von Unternehmen. Derzeit fehlt diese Vertrauensbasis.
ZDFheute: Gerade in der Grenzregion haben viele Menschen rechtsnational gewählt. Wird Frankreich dort jetzt anders wahrgenommen?
Demesmay: In der Grenzregion arbeiten die Menschen zusammen, tauschen sich aus. Deswegen sollte dort eigentlich ein Labor für die Zukunft der EU sein. Aber es gibt jetzt laute, nationalistische Reflexe. Schon während der Pandemie hat man plötzlich Ressentiments gesehen, von denen man dachte, dass es sie nicht mehr gibt. Das wirkt irrational und ist kein gutes Signal. Von einer guten, europäischen Integration, wie es eigentlich der Fall sein sollte, sind wir ziemlich weit entfernt.
Der Wahlsieg des Linksbündnisses kam überraschend, für Frankreich und ganz Europa. Der erwartete Rechtsruck wurde abgewendet.08.07.2024 | 12:50 min
ZDFheute: Ist das deutsch-französische Verhältnis in Gefahr?
Demesmay: So lange sie europafreundliche Regierungen haben, wie jetzt, werden Deutschland und Frankreich weiterhin kooperieren. Auch in der Ukraine-Politik wird die französische Position stabil bleiben, was mit einem RN-Premierminister nicht der Fall gewesen wäre. Ich befürchte aber, dass es für ambitionierte Initiativen, die die EU jetzt dringend braucht, nicht ausreichen wird.
ZDFheute: Frankreich ist geschwächt, auf EU-Ebene werden Populisten stärker. Was heißt das?
Demesmay: Die Populisten sind eine Gefahr, weil sie versuchen, die EU von innen zu dekonstruieren. Es ist keine frontale Opposition gegen die EU und die Integration wie früher. Jetzt wird die "Sabotage-Arbeit" von innen getrieben, und das macht diese destruktive Arbeit noch gefährlicher.
Nach der Parlamentswahl stehen Macrons Mitte nun gestärkte Linke und extreme Rechte gegenüber. Im Interview erklärt Politologe Bastien François, was auf den Präsidenten zukommt.
Interview
Das Interview führte Susanne Freitag-Carteron, Leiterin des ZDF-Landesstudios Saarbrücken.
Quelle: dpa
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