70. Geburtstag von Angela Merkel: Geliebt und gehasst
70. Geburtstag von Angela Merkel:Merkel: Geliebt und gehasst gleichermaßen
von Mathis Feldhoff
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Angela Merkel hat über zwei Jahrzehnte die deutsche Politik geprägt. Als Ministerin, Parteichefin, Kanzlerin. Und das Land mehr verändert, als sie selbst wohl je vermutet hätte.
Angela Merkel feiert am 17. Juli 2024 ihren 70. Geburtstag (Archivfoto)
Angela Merkel war vieles in ihrer erstaunlichen Karriere - und ganz oft die Erste. Die erste ostdeutsche Ministerin im Kabinett, die erste Frau, die CDU-Generalsekretärin war, die Erste im Amt der CDU-Vorsitzenden - und vor allem die erste Kanzlerin. Dieser besonderen Rolle war sie sich ihres ganzen politischen Lebens bewusst - und hat dennoch nie damit kokettiert.
Vor genau zehn Jahren, auf einer ihrer Sommer-Pressekonferenzen, hat sie einen Satz gesagt, der ihre Haltung ganz typisch skizziert:
Ich finde, dass die Arbeit der Bundeskanzlerin eine sehr schöne, inspirierende Arbeit dahingehend ist, dass sie immer wieder neue Probleme hat.
„
Angela Merkel im Juli 2014
Sie benutzt keine der typischen Politikerfloskeln wie "Herausforderung" oder "Macht", die man verantwortungsvoll einsetzen muss, sondern sie sagt "Probleme". Als wären Probleme etwas, an dem man sich erfreuen könnte. Dieser Satz beschreibt Merkel ganz gut. Für sie ist Politik das Lösen von Problemen. Davon hatte sie mehr als genug. Und nicht alle Lösungen waren erfolgreich.
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Die Prägung durch die DDR
Ihre DDR-Vergangenheit hat Angela Merkel tief geprägt. Kurz nach ihrer Geburt war sie mit ihrer Familie ins brandenburgische Templin übergesiedelt. Ihr Vater, der evangelische Theologe Horst Kasner, war dem Ruf seiner Kirche gefolgt und hatte eine Stelle in der ostdeutschen Diaspora angenommen.
In einer ZDF-Dokumentation beschrieb Merkel 2005 diese Zeit später als eine "wunderschöne Kindheit", die "mit der Beschwernis" beladen war "in der Schule immer aufzupassen: Was kannst du sagen, was bringt dir jetzt wieder Ärger ein, wo machst du am besten einen Bogen drum?".
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Erfahrungen, die sich durch ihr ganzes, auch durch ihr politisches Leben ziehen. Merkel pflegte nur wenige echte Freundschaften, vertraute nur einem kleinen Team. Selbst ihre Büroleiterin Beate Baumann, mit der sie seit fast 30 Jahren zusammenarbeitet, siezt sie bis heute.
Dass sie im Osten groß geworden ist, hat ihr manchen Spott eingebracht. Auch, dass sie während des Studiums Mitglied der FDJ war. Gregor Gysi verteidigte sie damals gegen ihre Kritiker, die teilweise so tun würden, als sei sie quasi im Politbüro der SED: "Das ist natürlich Quatsch", so der ehemalige Linken-Fraktionsvorsitzende.
Russischlehrerin nennt sie "hochbegabt"
Angela wächst in der Uckermark auf und besucht die Polytechnische Oberschule in Templin (Klassenfoto von 1971). 1973 legt sie an der Erweiterten Oberschule das Abitur mit der Note 1 ab.
Quelle: dpa
Merkel: Erfolgreich und gescheitert
Angela Merkel war sich ihrer Verantwortung und ihrer Macht immer bewusst. Und hat diese Macht auch eingesetzt - wenn sie es für richtig gehalten hat. Dass man damit auch scheitern kann, musste die Frau, die am heutigen Mittwoch 70 wird, sich mindestens zweimal eingestehen. Aber dazu später.
Viermal ist Merkel von den Wählern ins wichtigste politische Amt Deutschlands gewählt worden. 2013 sogar mit einem Ergebnis, das nur wenige tausend Stimmen von einer absoluten Mehrheit für CDU und CSU entfernt war. Ein Wählervertrauen, dass sie sich vor allem in der Euro-Krise erarbeitet hatte, als die Menschen ihr ohne viel Nachdenken wohl das gesamte Ersparte anvertraut hätten.
Und dennoch ist sie heute so umstritten wie zu keinem Zeitpunkt ihrer Amtszeit, obwohl sie 2020 eigenständig ihren Rückzug von Partei- und Staatsspitze eingeläutet hat. Vielleicht ist es das Schicksal einer sehr langen Karriere, das einen zur Zielscheibe des geballten Frustes einer ganze Gesellschaft werden lässt.
Das Erbe ihre Amtszeit
Gerade die in vielen Kommunen als Bedrohung wahrgenommene Migrationsbelastung führt zu Verdruss und zur Suche nach einer oder einem Verantwortlichen. Da ist Merkel, die sich seit ihrem Ausscheiden fast gänzlich aus den politischen Debatten heraushält, ein einfacher Blitzableiter.
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Ähnlich ist der Effekt, wenn man auf ihre Rolle in der deutschen Russland-Politik schaut. Nur einmal hat sie bisher ihre scheinbar nachgiebige Haltung gegenüber dem russischen Präsidenten Putin verteidigt.
In einem öffentlichen Gespräch mit einem Journalisten sagte sie vor zwei Jahren: "Ich würde mich sehr schlecht fühlen, wenn man sagt, mit dem Mann brauchst du gar nicht zu reden. Wir reden hier über Russland. Russland ist die zweitgrößte Atommacht der Welt, aber ich mache mir keine Vorwürfe, dass ich es versucht habe."
Dass es dabei auch zu Vereinbarungen kam, die für Deutschland nicht nur teuer, sondern nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine auch existenzbedrohend für die Wirtschaft waren, hat sie damals nicht kommentiert.
Prinzip: Veränderung
Und dennoch gibt es nicht wenige Menschen, die immer noch mit großer Faszination und Bewunderung auf diese Frau schauen. Merkel hat sich in den über dreißig Jahren mehrfach von Grund auf neu erfunden.
Bei ihrer ersten Kanzlerkandidatur im Jahr 2005 ist sie mit einem marktradikalen Programm angetreten. Gesundheitsprämie, Kopfpauschale und eine radikale Steuerreform hatte sie sich vorgenommen. Durch- oder umgesetzt hat sie davon nahezu nichts.
Wir begleiten junge Wähler*innen im ganzen Land, die sich fast nur an Angela Merkel als Bundeskanzlerin erinnern können.
Statt das Land hat Merkel in der Folge vor allem sich selbst verändert. Kaum etwas steht dafür so beispielhaft wie der Wahlkampfslogan der CDU: "Die Mitte". Merkel musste einsehen, dass politische Mehrheiten in der Mitte und radikale Thesen unvereinbar miteinander sind. Mit dieser Taktik ist Merkel über viele Jahre zur beliebtesten Politikerin des Landes aufgestiegen.
Dazu kommt noch ihre vielleicht größte Stärke: ein nahezu furchterregendes Detailwissen, eine exzellente Vorbereitung und manchmal auch eine eiskalte Skrupellosigkeit. Das haben nicht wenige Konkurrenten zu spüren bekommen - von Friedrich Merz, über Roland Koch bis zu Horst Seehofer.
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Die Lebensbeichte
Jetzt, zu ihrem 70. Geburtstag, legt Merkel im Herbst eine politische Lebensbeichte ab. "Freiheit" heißt die Autobiografie, die sie in den letzten zwei Jahren geschrieben hat und die im November veröffentlicht wird. "Sie lässt uns teilhaben an ihren Treffen und Gesprächen mit den Mächtigsten der Welt", heißt es in der Ankündigung ihres Verlages.
Doch statt sich nur auf ihre Regierungszeit zu beschränken - was allein sicher genug Stoff geboten hätte - hat Angela Merkel sich vorgenommen, ihre ganze Lebensgeschichte aufzuschreiben. Seit 1954. Seit ihrer Geburt. Auch das ist typisch Merkel.
Quelle: dpa
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