125. Geburtstag von Bertolt Brecht: Genie und Polyamorie

    Geburtstag des Dramatikers:125 Jahre Bert Brecht: Genie und Polyamorie

    von Karin Beck-Loibl
    |

    Bertolt Brecht wäre heute 125 Jahre alt geworden. Bis heute gilt Brecht als Ausnahmedramatiker. Ihn trieb seine Leidenschaft - sowohl am Theater als auch bei seinen Beziehungen.

    Vor 125 Jahren wurde der Dramatiker Bertolt Brecht geboren. Was macht ihn heute noch aktuell? Das haben wir Martin Wuttke und Adele Neuhauser gefragt.10.02.2023 | 6:59 min
    "Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen", schrieb Bertolt Brecht in den frühen 1940er Jahren. "Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals", heißt es in seinen "Flüchtlingsgesprächen".

    Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.

    Bertolt Brecht, Autor und Dramatiker

    Diese Sätze sind an Brechts 125. Geburtstag nicht weniger aktuell als damals - zur Zeit des Zweiten Weltkriegs.

    ... wurde am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren. Brecht veröffentlichte schon 1914 patriotische Gedichte in Tageszeitungen. Seit 1920 studierte er die Werke des Marxismus.
    Zu seinen Werken gehören "Die Dreigroschenoper", "Mutter Courage und ihre Kinder" und "Die heilige Johanna der Schlachthöfe". Brecht hatte vier Kinder von drei Frauen. Er starb am 14. August 1956 in Ost-Berlin.

    Quelle: epd

    Flucht vor den Nazis

    Brecht war ein Mann in der Fremde - 15 Jahre lang dauerte seine Flucht vor dem Nazi-Regime. Über die Schweiz, Dänemark, Schweden und Finnland ging es bis in die USA, bevor er 1948 die Chance auf einen Neuanfang in Ost-Berlin ergriff, auf Einladung des neuen Staates "DDR". 
    In seiner neuen Wahlheimat stellte man ihm ein eigenes Theater in Aussicht - staatlich finanziert. Hier baute er zusammen mit seiner Frau Helene Weigel das Berliner Ensemble auf. 
    Zu Brechts 125. Geburtstag findet in seiner Heimatstadt Augsburg das Brechtfestival statt. Veranstaltungen, überraschende Aktionen und Diskussionen widmen sich der Frage: Wie hat er das Theater revolutioniert?09.02.2023 | 1:45 min

    Brechts episches Theater war revolutionär

    Brecht, der am 10. Februar 1898 in Augsburg geboren wurde, gilt bis heute als Ausnahmedramatiker, als Klassiker der Moderne. Sein Werk ist Pflichtlektüre in vielen Klassen, gern gespielt an Schultheaterbühnen - in den großen Theatern sowieso. Brechts episches Theater war seinerzeit revolutionär, stellte das bürgerliche Theater auf den Kopf. Weil es sich direkt an das Publikum wandte - und ihm klarmachte: Das alles ist zwar nur eine Simulation, aber eine, aus der sich viel lernen lässt.
    "Er stellt uns einen Werkzeugkasten zur Verfügung, der zu seinen Lebzeiten noch gar nicht richtig benutzt wurde oder noch gar nicht wirklich zu benutzen war", beschreibt es der Schauspieler Martin Wuttke. Er war mehr als 400 Mal weltweit als Arturo Ui in Brechts Theaterstück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" zu sehen, in der Inszenierung von Heiner Müller für das Berliner Ensemble.

    Bertolt Brechts Frauen

    Bertolt Brecht lebte und liebte exzessiv, seine "Polyamorie" war legendär - ebenso die Tatsache, dass er die Frauen für seine Arbeit einspannte. Allen voran seine Ehefrau Helene Weigel, die seine Liebesaffären und Liebestragödien tapfer erduldete.
    Adele Neuhauser
    Adele Neuhauser spielte Brechts Ehefrau Helne Weigel
    Quelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

    Schuldgefühle? Keine Spur. Heute wäre er vielleicht ein Fall für #Metoo. Doch damals, nach dem Ersten Weltkrieg? Waren Männer "Mangelware". Und Brecht? "Dieser Mann hat mit einer unglaublichen Energie an politischen Umwälzungen gearbeitet, das gepaart mit einer innigen Leidenschaft zur Kunst", beschreibt es die Schauspielerin Adele Neuhauser, die sich für ihre Rolle als Helene Weigel in Heinrich Breloers Dokudrama intensiv mit Brecht beschäftigt hat. "Von der äußerlichen Erscheinung ist er jetzt nicht unbedingt ein sehr einnehmendes Wesen. Aber diese interessante Mischung aus dieser Leidenschaft und Zärtlichkeit - und er hatte Humor!"

    Vielleicht war er auch ein großartiger Liebhaber? Was weiß man?

    Adele Neuhauser, Schauspielerin

    Martin Wuttke
    Martin Wuttke war 1995 Intendant des Berliner Ensembles.
    Quelle: picture alliance

    Wuttke bezeichnet Brecht als Modernisten. "Er hatte sein Theater organisiert wie ein Renaissance-Künstler, der auf die handwerklichen und auf die geistigen Fähigkeiten seiner Mitarbeiterinnen zugegriffen und die Werke dann in seinem Namen veröffentlicht hat, wie das bei den großen Meistern und ihren Werkstätten Tradition war."

    Man könnte auch sagen, er hat das Sampling erfunden.

    Martin Wuttke, Schauspieler

    Brecht war vor allem eines: fordernd. Auch seinem Publikum gegenüber, das sich selbst mit kritischer Distanz eine Meinung über die gegebene Situation machen sollte. Ob das geht? So ganz ohne Emotion, ohne Empathie? Das muss wohl jeder für sich entscheiden, wenn er ein Stück von Brecht auf der Bühne anschaut.

    In der "Kulturzeit" auf 3sat läuft am 10. Februar um 19.20 Uhr ein Interviewfilm mit den Schauspielern Martin Wuttke und Adele Neuhauser zu Bertolt Brecht.

    Karin Beck-Loibl ist Autorin bei der "Kulturzeit".

    Mehr zu Literatur