Brotzeit für Kinder: Wenn der Bauch im Unterricht knurrt

    Ohne Frühstück in die Schule:Wenn der Bauch im Unterricht knurrt

    von Steffi Moritz-Möller
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    In Deutschland gibt es immer mehr Kinder, die morgens ohne Frühstück aus dem Haus gehen und hungrig im Unterricht sitzen. Ein Verein kämpft dagegen an.

    Ein Grundschüler bekommt durch den Verein Brotzeit e.V. ein kostenloses Frühstück vor Unterrichtsbeginn, aufgenommen am 31.08.2018
    Ein Frühstück, dazu noch ein gesundes, ist nicht in jeder Familie Teil der täglichen Routine vor dem Unterricht.
    Quelle: dpa

    Es ist schon zeitig, wenn Martina, Monika und Gerlinde früh um 6 Uhr in die Schule gehen. Nicht, um noch im Rentenalter zu lernen, sondern um Kindern beim Lernen zu helfen. Das machen die drei Frauen, indem sie ihnen ein Frühstück vorbereiten. "So früh aufzustehen ist nicht gerade toll, aber wenn ich dann hier bin, ist alles vergessen", sagt Monika Gerlach.

    Jedes fünfte Kind kommt hungrig in die Schule

    Die Frauen sind nur drei von vielen Ehrenamtlichen, die für den Verein "brotZeit" arbeiten. Die bundesweite Initiative wurde vor 15 Jahren gegründet, um Kindern, die ohne Frühstück in die Schule kommen, etwas zu essen zu geben. Mit leerem Magen lernt es sich nunmal schlecht.

    Und wenn die Kinder uns sagen, dass das ein schönes Frühstück war und uns anhimmeln, da geht es einem schon durch und durch.

    Monika Gerlach, Ehrenamtliche im Verein "brotZeit"

    Dass der Bedarf von Jahr zu Jahr so zunimmt, erschreckt aber selbst Hans-Jürgen Engler, den Vorstandschef von "brotZeit": "Wir kommen uns manchmal vor wie der Tropfen auf dem heißen Stein, denn in Deutschland gibt es etwa 1.500 bedürftige Schulen, aber wir schaffen derzeit nur 313." Die Entwicklung mache ihm ein Stück weit Angst, sagt Engler.
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    Die Ergebnisse der IGLU-Studie bestätigen das: Jedes fünfte Kind kommt hungrig zur Schule, und jeder zweite Lehrer beobachtet, dass die Zahl dieser Kinder im vergangenen Jahr zugenommen hat. Mangelnde Konzentration, schlechte Noten, soziale Ausgrenzung und weniger Chancen auf Bildung sind die traurigen Folgen.

    Die Kinder kommen nicht nur wegen des Essens

    Im Essensraum der Makarenko-Schule in Dresden steht ein langer Tisch, darauf Brot, Butter, Wurst, Marmelade, Joghurt, Müsli, Käse, Obst und Gemüse, Teller und Besteck: All das, was oft in den Familien der Kinder nicht zum Standard gehört. An dem Buffet sollen die Kinder probieren können, was sie noch nicht kennen.
    Der 11-jährige Willi freut sich über das Angebot: "Das macht hier solchen Spaß, es gefällt mir, und ich hab mehr Energie für den Tag." Und der 9-jährige Justin hat keine Bauchschmerzen mehr, seit der Bauch morgens voll ist:

    Die Mama schickt mich manchmal früh her, da es hier mehr zu essen gibt, was zu trinken, auch mal Gurke und ein Brot.

    Justin, 9 Jahre, Schüler aus Dresden

    Der 10-jährige Luka kommt nicht allein wegen des Essens. Er liebt es, morgens mit seinen Freunden am Tisch nicht nur zu frühstücken, sondern auch zu quatschen.

    Vereinsvorstand: "Geld wird anderweitig verwendet"

    Die Helferinnen freuen sich, zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln: "Es gibt schon Dinge, die einem sehr nahe gehen", sagt Martina Siegmund. Sie erzählt von einem kleinen Jungen aus schwierigen familiären Verhältnissen. Anfangs mussten die Ehrenamtlichen ihm die Brote schmieren, heute macht er das selbst.
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    Wichtig für die Kinder sei dabei auch, in Ruhe in der Schule anzukommen und zu merken, dass sich jemand um sie kümmert. "Das Ganze ist weniger ein finanzielles Problem der Familien, denn es gibt ja eine Grundsicherung für Kinder. Nur wird das Geld wohl anderweitig verwendet. Es ist in erster Linie eine soziale Verwahrlosung", sagt Vereinsvorstand Engler.

    Mehr Ruhe und Konzentration im Unterricht

    Der Direktor der Makarenko-Förderschule, Matthias Kranz, merkt deutliche Verbesserungen durch das Frühstücksangebot.

    Wir spüren, dass durch den guten ruhigen Auftakt am Morgen und auch den vollen Bauch mehr Ruhe und Konzentration in den Unterricht kommt.

    Matthias Kranz, Direktor einer Förderschule in Dresden

    Anfangs kamen in seiner Schule etwa 30 Kinder jeden Morgen, inzwischen sind es doppelt so viele. Ein Trend, der sich in allen Schulen widerspiegelt. Der Verein "brotZeit" lebt hauptsächlich von Helfern und Spenden eines Discounters. Nur wenige Bundesländer geben finanzielle Mittel dazu.
    Die drei ehrenamtlichen Helferinnen Martina, Monika und Gerlinde gehen auch an diesem Tag um 8 Uhr zufrieden nach Hause. "Da kann ich meinem Mann sagen", sagt Martina Siemund: "Ich habe heute wieder 51 Kinder glücklich gemacht."

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