Das späte Sterben der Clubkultur:Kultur ist nicht gleich Kultur
von Selma Kniehl
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Spaltet die finanzielle Förderung die Kulturszene? Während Opern und Theater als "Hochkultur" oft Zuschüsse vom Staat erhalten, kämpfen Clubs und Festivals häufig um ihre Existenz.
Es ist das späte Echo zahlreicher Krisen: Immer mehr Clubs müssen schließen.
Quelle: dpa
Taylor Swift, Adele oder das etablierte Wacken Festival. Millionen Gäste. Unglaubliche Events. Gleichzeitig kämpfen bundesweit kleine Clubs und Festivals um ihre Existenz. Nicht wenige müssen schließen.
Weniger Clubs, weniger Nachwuchs-Gigs
Laut des Verbandes der Musikspielstätten Deutschland e.V. sind Club-Gründungen seit 2021 zurückgegangen. Viele Betriebe finden keine Nachfolger*innen, die sich dem finanziellen Risiko und der Verantwortung annehmen. Und: Es werden weniger Konzerte für Nachwuchs und Newcomer*innen veranstaltet.
Nach Gelsenkirchen und Hamburg rockte Megastar Taylor Swift am Wochenende auch in München die Bühne. Und: Selbst wer keine Tickets bekommen hatte kam auf seine Kosten.29.07.2024 | 5:32 min
Pierre Tannert vom Klubnetz Dresden e.V. erklärt: "Clubs profitieren ja eigentlich von großen Konzerten. Das ist wie Werbung. Leider hat Corona umsortiert, durch die Lockdowns gab es 2022 ein Überangebot, weil vieles nachgeholt wurde. Und die Inflation hat es dann extrem erschwert, Publikum zu finden, weil alles teurer wurde."
Festivalförderfonds: Bund unterstützt mit 5 Millionen Euro im Jahr 2024
Es ist das späte Echo all der Krisen der letzten Jahre: Corona, Inflation, dazu steigen die Kosten durch die Gentrifizierung. Mit Blick auf Berlin, München und Hamburg wird klar: Immer mehr Clubs müssen großen Bauvorhaben weichen: Autobahn, Hotel, Einkaufszentrum.
Die Sprecherin von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) bekräftigt allerdings, dass sich die Kulturpolitik der großen gesellschaftlichen Bedeutung von Clubs und Festivals bewusst sei - und um die Herausforderungen, vor denen sie stehen, wisse. Mit dem Festivalförderfonds seien 2024 erstmals Musikfestivals mit insgesamt fünf Millionen Euro unterstützt worden, darunter vor allem kleine und mittlere Festivals.
Michael Somarski vom Verband der Musikspielstätten Deutschland e.V. zuckt mit den Schultern.
Davon konnten nur rund 20 Prozent der über 800 der Antragssteller gefördert werden. Fünf Millionen klingt viel, aber auf Deutschland bezogen ist es echt zu wenig.
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Michael Somarski, Verband der Musikspielstätten Deutschland e.V.
Betreiber: Geld reicht "nicht mal einen halben Tag"
Die sächsische Kulturministerin Barbara Klepsch von der CDU bestätigt die Förderungen des Bundes. In Sachsen sei 2024 nachjustiert und die Hochkultur mit ebenfalls fast fünf Millionen gestützt worden. Verschiedene Einrichtungen hätten einmalig 2.500 Euro erhalten. Es hätten außerdem auch neue Clubs aufgemacht.
Das erregt Widerspruch in der Clubkultur. Markus Knauth vom Westwerk in Leipzig reagiert gereizt: "2.500 Euro finanzieren ja nicht mal einen halben Tag!" Tannert bekräftigt noch einmal, dass Clubs und Konzerthäuser mehr Besucher hätten als so manches Theater vor Ort. Er versteht die unterschiedliche finanzielle Förderung von Hoch- und Unterhaltungskultur nicht:
Es gibt ja Leute, die sagen, dass Theater mehr Kultur ist als Clubs und Konzerte. Das ist Quatsch. Es kann mindestens gleichgesetzt werden.
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Pierre Tannert, Klubnetz Dresden e.V.
Marcel Weber, Vorsitzender der "Clubkomission Berlin" stimmt Tannert zu: "Club- und Konzertprogramme werden oft kuratiert und unter ähnlichen Bedingungen wie in der Hochkultur durchgeführt."
Clubs finden kreative Lösungen
Die Lösungen der Clubbesitzer*innen werden zunehmend kreativ. Immer öfter gibt es Veranstaltungen, bei denen zwar Eintritt verlangt wird, bei denen aber weder Personal noch Betreiber*innen etwas verdienen. Der Erlös fließt zu 100 Prozent in die Erhaltung der Clubs. "Unsere höchsten Kosten sind die Gagen der Kunstschaffenden, deshalb werden Ticketpreise teurer", beteuert Max Dreste von der Leipziger Livespielstätte Conne Island.
Doch auch Clubs, die bereits schließen mussten, geben nicht klein bei. Nachdem die Distillery in Leipzig, der ehemals älteste Technoclub in Ostdeutschland, im Mai 2023 die letzte Veranstaltung hatte, gab es anschließend eine Kundgebung mit Redebeiträgen zu der prekären Lage von Deutschlands Populärkultur.
Die Wiener Silent Disco geht bei steigender Beliebtheit mittlerweile ins 12. Jahr. Es wird gesungen, getanzt, gelacht und das augenscheinlich ohne Musik.19.05.2023 | 2:08 min
Bundesstiftung setzt auf Solidarmodell
Auch die Bundesstiftung Livekultur wurde aktiv und kündigt den "Music Fund Germany" an, der voraussichtlich im Herbst veröffentlicht werden soll. Auf Basis eines Solidarmodells sollen je verkauftes Ticket ein paar Cent in einem gemeinsamen Topf gesammelt werden, um eine Umverteilung in der Branche zu erreichen.
Die Clubszene sei stolz darauf, eigenständig zu wirtschaften, betont die Stiftung. Und sie will keinesfalls nur subventioniert werden, aber die Kostensteigerungen seien ohne Hilfestellung nicht mehr aufzufangen.
Quelle: dpa
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