Eine Handvoll Poetry Slammer tritt vor Inhaftierten in deutschen Gefängnissen auf. Die Begeisterungsstürme, die sie auslösen, könnten kaum größer sein.
Kultur ist für alle da, auch für den Knast – dieses Motto verfolgt der Verein „Die LandKulturSchaffenden Südwest“. Die JVA Siegburg hat die Künstler in die Justizvollzugsanstalt eingeladen – zum Poetry Slam.21.06.2024 | 2:03 min
50 Inhaftierte der Justizvollzugsanstalt Siegburg sitzen dicht gedrängt auf den Bänken des gefängniseigenen Kapellraums. Viele haben ihre Köpfe zur Seite gelegt, hören hochkonzentriert zu. Immer wieder spontaner Zwischenapplaus. Und wenn eine Geschichte, ein längeres Gedicht zu Ende ist: begeistertes Klatschen, Trampeln - der Saal tobt.
Solche Begeisterungsstürme hat vielleicht Johnny Cash bei seinen Auftritten in den Hochsicherheitsgefängnissen Folsom und San Quentin ausgelöst, Ende der 60er Jahre. Doch eine Handvoll deutscher Poetry Slammer, die selbst verfasste Gedichte, Texte, Poesie vorträgt?
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Poetry Slams im Knast - nirgends ist die Atmosphäre so intensiv
Der Dichter und ehemalige Sozialarbeiter Rolf Suter aus dem badischen Ort Weingarten hat sich diese Reihe ausgedacht. Regelmäßig veranstaltet er Poetry Slams an verschiedenen Orten. Doch nirgendwo ist die Atmosphäre so intensiv wie in Gefängnissen, beobachtet er - wenn die Inhaftierten aufbrechen, zu Leben erwachen.
Ich spüre eine ganz große Intensität. Die Bereitschaft der Menschen, sich zu öffnen. Und auch Dankbarkeit: die Dichter kommen zu uns hier rein, die haben uns nicht vergessen.
Der Poetry Slam an sich läuft ab wie gewohnt - nach jeder Performance stimmt der Saal ab, vergibt Punkte. Die drei Poeten mit den meisten Stimmen treten dann im Finale gegeneinander an. Der Höhepunkt allerdings sind die Auftritte zweiter Gefangener, die außer Konkurrenz auftreten: Djenga, der über seine Sehnsucht nach Freiheit rappt.
Und Andy, der den Saal mit auf eine Zeitreise nimmt. Er spricht über Liebe. Darüber, wie wichtig es ist, menschliche Begegnungen im Alltag wertzuschätzen. Ein Jahr hat er hier abzusitzen, wegen verschiedener Ladendiebstähle, wie er berichtet. Aber seine Gedanken schweifen frei, nehmen den Saal mit. Als er sich nach einer Viertelstunde zurückbeamt von seiner Zeitreise, in die Gegenwart, in die Kapelle der JVA, und sich darüber freut, dass der Zeitsprung geklappt hat: tosender Applaus, Shakehands, Umarmungen. Es wirkt, als hätte er viele berührt mit seinen Worten.
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Kleiner Ausbruch aus dem Knastalltag
Auch deshalb hat Jörg Gieseking die Poetry Slammer eingeladen: damit Freiräume entstehen. Damit drinnen etwas aufbrechen kann. Als Justizvollzugsbeamter ist er zuständig für die Freizeitgestaltung in der JVA Siegburg. Nicht einfach auf beengtem Raum, im monotonen Gefängnisalltag.
Gerade deswegen ist es so wichtig, dass die Gefangenen auf andere Gedanken kommen und reflektieren können. Wie lebe ich hier, wie lebe ich draußen. Und es ist gut, dass sie Abwechslung haben und aktiv werden können.
Das sind die - zumeist jungen bis mittelalten Männer - auch als Zuhörer. Intensiv diskutieren sie in kleinen Gruppen nach jedem Vortrag, denn sie müssen sich auf eine gemeinsame Punktevergabe für jeden einzelnen Poetry Slammer verständigen. Die Wertungen fallen großzügig aus - die Dankbarkeit ist groß. "Ich konnte wieder lachen, mein Herz ist wieder auf. Ich kann wieder normal denken", sagt Djenga nach den zwei Stunden.
Ich konnte mal etwas anderes hören als sonst. Etwas Positives. Die Stimmung hier drin ist sonst eher depressiv und traurig. Jetzt sind wir glücklich. Das tut gut.
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Die Poetry-Slammerinnen und Slammer sind ebenfalls begeistert von der Intensität. Therese Degen ist eigens aus Stuttgart angereist für ihren Auftritt: "Wir reden zu den Inhaftierten auf einer menschlichen Ebene - ich glaube, das schätzen sie. Dass sie als Menschen gesehen werden. Das ist ein schönes Gefühl, auch für uns: zu merken, dass uns nicht viel trennt." Nach zweieinhalb Stunden verabschieden sich die Poetry Slammer, die Gefangenen gehen auf ihre Zellen zurück. Ein Hauch Freiheit war heute in der JVA zu spüren.
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